Das Verdammungsurteil gegen die Häretikerin "Marguerite Porete" fällt an einem Pfingstsonntag, am 31. Mai 1310. Das Datum ist mit Bedacht gewählt: Es demonstriert den Gläubigen, dass der Heilige Geist, dessen Herabkunft an diesem Tag gefeiert wird, mit der Inquisition im Einvernehmen steht und nicht etwa mit der Ketzerin. Diese wird der weltlichen Gewalt zur Vollstreckung des Urteils übergeben und am folgenden Tag auf der Place de Grève in Paris, der heutigen Place de l’Hôtel de Ville, verbrannt.

Marguerite stammt aus Valenciennes in Nordfrankreich, sie ist Begine, gehört also zu jenen Frauen und Männern, die seit dem Ende des 12. Jahrhunderts außerhalb der Klöster ein Leben vertiefter Frömmigkeit in Ehelosigkeit und Gebet führen. In vielen Gegenden Europas gab es Beginen bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, "noch heute inspiriert ihre Lebensweise Frauen", gemeinsame Wohnprojekte zu gründen.

Marguerite Porete ist die erste Begine, die der Inquisition zum Opfer fällt. Der Grund ist ein kühnes Buch, das sie geschrieben hat, der "Spiegel der einfachen Seelen"." Marguerite hat es vermutlich in den Jahren nach 1290 verfasst. Sie beschreibt darin den Aufstieg der "einfachen Seele" hin zur mystischen Verbindung mit Gott. Zu ihm, den sie geheimnisvoll den "Fernnahen" nennt, gelange die Seele über sieben Stufen, um in leidenschafts- und wunschloser Selbstentsagung alle irdischen Bande abzustreifen und sich mit dem Göttlichen zu vereinigen. Die Seele selbst wendet sich in diesem Buch an den Leser, belehrt ihn und führt Gespräche mit den Personifikationen der Liebe und der Vernunft. Vor allem aber bedarf die Seele, wie Marguerite Porete sie schildert, keiner Heilsvermittlung durch die Kirche, denn von einer bestimmten Stufe ihres Aufstiegs an ist sie frei von Sünde und eins mit Gott im Gutsein und in der Liebe – eine Provokation für die Kirche.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Die geistige Verwandtschaft des Werkes mit anderen zeitgenössischen häretischen Spekulationen alarmiert denn auch den zuständigen Bischof von Cambrai, Guy de Colmieu. Zudem ist der Spiegel in der französischen Volkssprache verfasst und damit Lesern jenseits des lateinisch gebildeten Klerus zugänglich, was das Buch in den Augen der Kirche besonders gefährlich macht. Bischof Guy verdammt das Werk und lässt es öffentlich in Valenciennes verbrennen. Die Autorin aber beugt sich nicht. Sie propagiert weiterhin ihre Ideen und ignoriert alle Vorladungen.

Das ruft schließlich Wilhelm von Paris, den Generalinquisitor für Frankreich, auf den Plan. Marguerite wird verhaftet und exkommuniziert; eine Kommission von Theologen verurteilt die ihnen vorgelegten Auszüge aus Marguerite Poretes Werk als häretisch. Doch die Autorin verweigert noch immer jede Stellungnahme. Eine Gruppe von Juristen erklärt sie daraufhin zur hartnäckigen und rückfälligen Ketzerin. Und auf Rückfall in die Ketzerei steht die Todesstrafe.

Marguerite Porete gilt bis heute als Kronzeugin für die feindselige Einstellung der Amtskirche gegenüber den Beginen und ihren männlichen Pendants, den Begarden. Als Beginen hatten Frauen die Möglichkeit, allein oder in Gesellschaft von Verwandten und Freundinnen im eigenen Haus oder in einem kleinen Konvent zu leben. Sie konnten frei über ihr Vermögen verfügen – das dürfte die Entscheidung für die Ehelosigkeit außerhalb eines Ordens erleichtert haben, zumal sie jederzeit revidiert werden konnte, etwa um zu heiraten. Doch das geschah selten. Der Entschluss, als religiöse Frau in der Welt zu leben, galt meist ein Leben lang.

Ihren Alltag gestalteten die Beginen sehr unterschiedlich: Wohlhabende lebten vom eigenen Vermögen; ärmere lebten von Lohnarbeit wie Spinnen in eigens für sie gestifteten kleinen Konventen. In Flandern und Brabant gründeten mächtige Fürstinnen und Fürsten gemeinsam mit den Ortsbischöfen große Beginenhöfe, in denen mancherorts Hunderte von Frauen zusammenwohnten. Gemeinsam war ihnen, dass sie nicht in strenger Klausur lebten, sondern in den Städten und Gemeinden sichtbar blieben. Keineswegs waren Beginen Außenseiterinnen, die ständig Anfeindungen der Machthaber ausgesetzt waren.

Eines aber machte sie angreifbar: Sie trugen eine Tracht ähnlich derjenigen der Nonnen – als Ausdruck ihres besonderen Standes und ihrer Keuschheit. Für ihre Umwelt gehörten sie daher zum geistlichen Stand, obwohl sie in juristischer Hinsicht Laien waren. Von Anfang an empörten sich darüber manche Kleriker. Sie diffamierten die Beginen als falsche Nonnen, als Heuchlerinnen, die zu Unrecht Almosen empfingen und die sich gar herausnähmen, öffentlich über Glaubensdinge zu sprechen.

Das Misstrauen nahm im Lauf des 13. Jahrhunderts immer weiter zu. Der Traktat von Marguerite Porete diente schließlich dazu – als ein Anlass unter mehreren –, das Thema vor das Konzil von Vienne zu bringen, das 1311 zusammentrat. Dessen Beschlüsse wurden 1317 in Form von päpstlichen Dekretalen veröffentlicht. In der ersten wird eine "abscheuliche Sekte" von Beginen und Begarden der Verbreitung von Irrlehren beschuldigt, die manche Übereinstimmung mit den Gedanken aus dem Spiegel der einfachen Seelen aufweisen. Eine zweite Dekretale verbot ihre Lebensweise – mit einer Klausel, dass dies nicht für Frauen gelte, die rechtgläubig und mit Unterstützung des Klerus ein frommes Leben führten.

Die Verwirrung war enorm. Denn wer nun eine gute und wer eine schlechte Begine war, blieb völlig unklar. In zahlreichen Städten kam es in den folgenden Jahrzehnten zu Verfolgungen und Verfahren. Dabei waren die Beginen selbst nur selten das eigentliche Ziel. Vielmehr gerieten sie immer wieder zwischen die Fronten der Streitigkeiten, die Franziskaner, Dominikaner und der Pfarrklerus miteinander austrugen. Je nachdem, von wem die Beginen seelsorgerisch betreut wurden, schlug man sie der einen oder der anderen Partei zu – was zeigt: Sie hatten zumeist Unterstützer. Eine geschlossene feindselige Front der Kirche gegenüber den Beginen gab es nicht. Oft genug verhinderten städtische Autoritäten ein Vorgehen gegen die Frauen, unter denen sich häufig eigene Verwandte und Schutzbefohlene befanden.

Auch Todesurteile nach Inquisitionsverfahren blieben die Ausnahme. Fehlte den Beginen die Unterstützung durch Stadtrat oder Klerus, wurden sie eher zum Auszug genötigt als hingerichtet – so in Basel Anfang des 15. Jahrhunderts. Mehrere Beginen und Begarden sollen 1368 auch Erfurt verlassen haben, doch ist der Bericht eines Lübecker Chronisten vage, und aus Erfurt selbst gibt es keinerlei Zeugnisse darüber. Gleichwohl wurde der Vorfall von einigen Historikern derart überzeichnet, dass aus 200 "verbannten" Ketzern 200 "verbrannte" wurden, was bis heute in populären Darstellungen kolportiert wird – eine handfeste Geschichtsklitterung. Sie wurde begierig aufgegriffen, um ein Bild der mittelalterlichen Kirche zu bedienen, dem zufolge "aufmüpfige" Frauen beständig vor einem blutrünstigen Klerus auf der Hut sein mussten.

Marguerite Porete wurde in den Inquisitionsakten mehrfach als Begine bezeichnet. Offensichtlich war sie für ihre Zeitgenossen als solche erkennbar. Doch im abschließenden Urteil fehlt das Wort. Sie wurde nicht verurteilt, weil sie Begine war, sondern weil sie ein Buch verfasst hatte, das als gefährlich und missverständlich galt.

Das Urteil war schon zu ihren Lebzeiten umstritten. Trotz der Gefahr, ins Visier der Inquisition zu geraten, entstanden Übersetzungen ins Lateinische, Altenglische und Italienische, die anonym oder unter Pseudonym verbreitet wurden. Erst 1946 gelang es der Historikerin Romana Guarnieri überhaupt, Werk und Autorin wieder zusammenzuführen. Seitdem hat die internationale Forschung Editionen sowie unzählige literarische, historische, philosophische und theologische Studien hervorgebracht, die den Spiegel der einfachen Seelen als das würdigen, was er ist: das faszinierende Werk einer außergewöhnlichen Frau.