Die Kopie einer Lutherbibel: Vor dem großen Reformator mussten die Fürsprecher der Bibel fürs Volk fürchten, von der Inquisition verfolgt zu werden. ©Public Domain

Die Vorstellung vom religiös geprägten Mittelalter geht häufig mit der Annahme einher, es habe sich um ein Zeitalter der Bibel gehandelt. Aber bis ins 15. Jahrhundert kannten die wenigsten das Buch der Bücher aus eigener Lektüre. Das lag nicht nur daran, dass ein großer Teil der Gesellschaft nicht schriftkundig oder zumindest des Lateinischen nicht mächtig und deshalb auf Bilderbibeln, die sogenannten biblia pauperum (Bibeln der Armen), angewiesen war. Bis ins Spätmittelalter hinein gab es auch immer wieder Verbote für Laien, die Heilige Schrift zu lesen. Die Kirche wollte ihr Deutungsmonopol nicht aus der Hand geben.

Zwar wurden schon im frühen Mittelalter und zu Beginn des Hochmittelalters einzelne Teile der Bibel ins Alt- und Mittelhochdeutsche übertragen, aber diese Übersetzungen fertigten Mönche an, das heißt: Sie richteten sich nicht in erster Linie an Laien, sondern an Kleriker. Es handelte sich um ausgewählte Bücher des Alten Testaments oder um Zusammenfassungen der Evangelien, sogenannte Evangelienharmonien, die zumeist auch kommentiert waren. Um 870 schuf etwa Otfrid von Weißenburg, benannt nach seinem Wirkungsort, dem Kloster Weißenburg im Elsass, mit seinem Evangelienbuch eine althochdeutsche Übertragung, die Nachdichtung und Auslegung miteinander verband.

Im Zuge der religiösen Bewegungen des 12. und 13. Jahrhunderts begannen sich jedoch auch Laien für die Bibel zu interessieren, und erstmals wurden Ansprüche laut, sie selbst auszulegen. Die Kirche wies dies vehement zurück. 1199 untersagte Innozenz III. die Bibellektüre bei privaten Zusammenkünften, und auf der 1229 in Toulouse unter der Leitung Gregors IX. tagenden Synode wurde den Laien der Besitz des Alten und Neuen Testaments mit Ausnahme des Psalters und des Breviers (des Stundenbuchs) untersagt. 1234 erklärten die spanischen Bischöfe auf der Synode von Tarragona jeden zum Ketzer, der eine romanische Übersetzung der Heiligen Schrift besaß und diese nicht innerhalb von acht Tagen nach der Bekanntmachung des Dekrets zur Verbrennung ablieferte.

Diese Verbote hingen damit zusammen, dass die als häretisch gebrandmarkten Bewegungen jener Zeit, insbesondere die Katharer und die Waldenser, sich unmittelbar auf die Bibel bezogen und Übersetzungen anfertigten, um Laien einen nicht durch die Institution Kirche verstellten Zugang zum Wort Gottes zu ermöglichen. Auch im 14. Jahrhundert wurden solche Verbote mehrfach erneuert, und zwar immer dann, wenn Laien den Anspruch erhoben, die Bibel selbst lesen und deuten zu wollen. So erließ Kaiser Karl IV. auf Bitten Papst Urbans V. 1369 ein Edikt, das deutsche Schriften zur Bibelexegese verbot. 1376 verfügte Papst Gregor XI., Schriften über die Bibel dürften nur unter der Leitung der Kirche verfasst und verbreitet werden. Biblisches Wissen sollte den Laien vorwiegend über die Predigt vermittelt und damit in einen Kontext eingebettet werden, der die Deutungshoheit der Kirche betonte.

Wenzel, den Sohn des römisch-deutschen Königs Karl IV., hielt dies nicht davon ab, zwischen 1390 und 1400 eine deutsche Übersetzung in einer prächtigen Handschrift kostbar illustrieren und mit mehr als 650 Miniaturen verzieren zu lassen.

Dieser Text stammt aus dem aktuellen ZEIT Geschichte Magazin, das am Kiosk erhältlich ist.

Die Wenzelsbibel war wohl als Vollbibel geplant, allerdings ist sie nicht zu Ende geführt worden, was vermutlich damit zusammenhing, dass Wenzel im Jahr 1400 als deutscher König abgesetzt wurde; es fehlen einige kleinere Bücher des Alten Testaments und insbesondere das Neue Testament. Dessen ungeachtet zeigt das Buch, dass auch hochadlige Laien, die an ihren Höfen stets Hofkapläne beschäftigten, ein Interesse an deutschen Bibelübertragungen hatten. Freilich waren solche Prachthandschriften, auch wenn sie einen übersetzten Text präsentierten, sehr viel weniger am Wortlaut der Heiligen Schrift orientiert als die in städtischen Kreisen zunehmend verbreiteten volkssprachlichen Fassungen, die eine neue Frömmigkeit jenseits der kirchlichen Aufsicht bedeuteten.

Erste Ansätze zu einer Gesamtübersetzung des biblischen Textes ins Deutsche finden sich im 14. Jahrhundert zunächst im Umkreis der Dominikaner und des Deutschen Ordens. Daneben aber entstanden in ganz Europa mehr und mehr Laienbibeln, also von Laien angefertigte Übertragungen der lateinischen Vulgata, und einige ihrer Verfasser nahmen sich ebenfalls den gesamten Text vor – mit Altem und Neuem Testament. Verschiedentlich ist das 14. Jahrhundert deshalb als das "Jahrhundert der Laienbibel" bezeichnet worden. Die meisten Übersetzer sind wegen der zu befürchtenden Verfolgung durch die Inquisition anonym geblieben, aber die zahlreichen Übertretungen des Übersetzungs- und Kommentierungsverbots machen deutlich, wie weit interessierte Laien sich bereits von den kirchlichen Vorschriften emanzipiert hatten und einen eigenen Deutungsanspruch erhoben.