Otto von Bismarck und der besiegte französische Kaiser Napoleon III im französisch-preußischen Krieg. © Hulton Archive/Getty Images

Die "Einigkeit" ist ein deutscher Mythos. Wenn die Deutschen nur fest zusammenstehen, lautet die traditionelle Vorstellung, können sie allen politischen Stürmen trotzen: brüderlich mit Herz und Hand. Noch heute wird in der Nationalhymne zuvorderst die "Einigkeit" besungen – dann erst kommen "Recht" und "Freiheit".

Zur Entstehung dieses Mythos haben maßgeblich kriegerische Auseinandersetzungen beigetragen: die sogenannten Einigungskriege, mit denen der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck und sein König Wilhelm I. zwischen 1864 und 1871 den Weg zur Gründung des Deutschen Reichs ebneten. In der konservativen Nationalgeschichtsschreibung markieren diese Kriege traditionell den enthusiastisch gefeierten Beginn einer Epoche der Einheit und Stärke. Doch das 1871 entstandene Kaiserreich zerfiel bekanntlich schon nach dem Ersten Weltkrieg, während der Glaube an die Kraft deutscher Einigkeit überlebte und weiterwirkte.

Am Anfang der Einigungskriege stand das heutige Schleswig-Holstein – wieder einmal. Der Landstrich hoch im Norden hatte bereits im Vormärz die nationalen Gemüter erregt. Im Streit mit Dänemark wurde hier stellvertretend die Frage der deutschen Einheit verhandelt.

Nach 1848 galten die Herzogtümer Schleswig und Holstein dann als Symbole des Scheiterns sowohl des deutschen Nationalismus als auch der preußischen Militärmacht. Denn unter dem Druck der europäischen Staaten musste sich Preußen nach seinem Eingreifen im Jahr 1850 wieder zurückziehen. Der Deutsche Bund übergab 1851 zunächst das nördliche Schleswig, 1852 auch Holstein den Dänen. Ein internationales Abkommen, das Londoner Protokoll von 1852, sollte alle territorialen Streitigkeiten beilegen. Darin wurde auch eine Sonderstellung der beiden Herzogtümer innerhalb des dänischen Königreichs festgeschrieben. Genau gegen diese Übereinkunft verstieß nun allerdings der dänische König Friedrich VII., als er 1863 mit einer neuen Gesamtverfassung die volle Eingliederung der deutschsprachigen Herzogtümer forcieren wollte.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 4/14, das am Kiosk erhältlich ist.

Die Empörung in Preußen, aber auch in den süddeutschen Staaten war groß. Allerorten gründeten sich Schleswig-Holstein-Vereine. Die unterschiedlichsten Lager vereinten sich gegen einen gemeinsamen Feind. Und Otto von Bismarck? Der preußische Ministerpräsident plante längst die Annexion beider Herzogtümer. Doch noch verschwieg er der Öffentlichkeit sein Vorhaben – aus taktischen Erwägungen. Offiziell setzte er auf die Kraft internationaler Vereinbarungen, auf das Londoner Abkommen von 1852. Sein Täuschungsmanöver war so perfekt, dass manche Zeitung ihn wegen seiner angeblichen Politik des strikt völkerrechtlichen Vorgehens bereits als Verräter an der nationalen Sache geißelte. So sahen etwa die Nationalliberalen ihr Vorurteil bestätigt, dass ein preußischer Junker sich letztlich keinen Deut um das Wohl der Nation schere.

Bismarck nahm den Zorn und den Widerspruch in Kauf. Er wollte die Entwicklung so lange hinauszögern, bis Preußen wirklich Kapital aus dem Konflikt schlagen konnte. Ein rasches, aber schlecht vorbereitetes Vorgehen gegen Dänemark, nur um die innenpolitische Erregung zu besänftigen? Das kam für ihn nicht infrage. Bismarck dachte weiter, und er brauchte für seinen Plan einen Bündnispartner.

Längst hatte er sich – unter strikter Geheimhaltung – an Wien gewandt und sich dort diplomatisch höchst geschickt die Unterstützung der Österreicher für seinen "deutschen" Feldzug gesichert. In seine tatsächlichen Pläne weihte er sie allerdings nicht ein: Er dachte expansionistisch. Und es ging ihm dabei keineswegs um die "nationale Sache", sondern um preußische Machterweiterung. Von Bismarck überredet, ließ sich Österreich also auf ein politisches Abenteuer ein, das mit den eigentlichen Interessen des Landes wenig zu tun hatte. Bismarck selbst war mächtig stolz auf seinen Schachzug, und auch Historiker wie der unlängst verstorbene Hans-Ulrich Wehler lobten den Ministerpräsidenten für diese "diplomatische Meisterleistung: Sein raffiniert komplizierter Machtpoker um Schleswig-Holstein [kann] einem noch heute einen intellektuellen Genuß bereiten."

Der "diplomatischen Meisterleistung" folgten die militärischen Tatsachen: Preußen und Österreich stellten Dänemark ein Ultimatum, um die Verfassungsänderung wieder aufzuheben und zum Regelwerk des Londoner Abkommens zurückzukehren. Das lehnte die Regierung in Kopenhagen ab, auch weil sie annahm, andere Mächte würden den Dänen schon zu Hilfe eilen. Doch da irrte sie sich. Niemand sprang den Dänen bei, die sich preußischen und österreichischen Truppen gegenübersahen, die den eigenen Einheiten deutlich überlegen waren.