Es gab Momente, da schienen die Mächtigen Europas tatsächlich vom Weltgeist beseelt. Die Protokolle des Berliner Kongresses, auf dem 1878 die Neuordnung des Balkans verhandelt wurde, haben so eine Sternstunde eingefangen. Reichskanzler Otto von Bismarck pochte dort auf die "in Deutschland bestehenden Prinzipien bezüglich der öffentlichen Rechte". Als Gastgeber der Konferenz betonte er, welchen Wert Deutschland darauf lege, seine rechtsstaatlichen Prinzipien auch "auf die äußere Politik" auszudehnen. Mit diesem Argument schloss er sich dem französischen Vorschlag an.

Die Sache, in der sich das Deutsche Reich so eindeutig auf die Seite seines "Erbfeindes" schlug, war ungewöhnlich: William Weddington, trotz seiner englischen Herkunft Außenminister und Premierminister Frankreichs, hatte die Anerkennung Serbiens und Rumäniens als eigenständige Nationalstaaten an die Bedingung geknüpft, dass die Länder die religiöse Freiheit und die Gleichberechtigung ihrer Bürger garantierten. Im Kern ging es darum, rechtliche Beschränkungen für die südosteuropäischen Juden zu beseitigen. Der Standpunkt Deutschlands und Frankreichs lautete, wer "in die europäische Familie in derselben Weise wie die anderen Staaten eintreten" und die damit verbundenen Vorteile genießen wolle, müsse erst "die Prinzipien anerkennen, welche die Basis des sozialen Aufbaus in allen Staaten Europas bilden". Antijüdische Gesetze galten da als nicht mehr zeitgemäß.

Als sich der russische Außenminister, Fürst Alexander Gortschakow, mit dem Hinweis, die Juden des Balkans seien "eine Plage", vehement gegen diese Forderung stellte, brillierte Bismarck mit modernen soziologischen Argumenten: Ob es denn nicht sein könne, wandte er ein, dass "der bedauerliche Zustand der Israeliten vielleicht gerade auf die Beschränkung in den politischen und bürgerlichen Rechten zurückzuführen" sei. Bismarck stellte damit die entscheidende Frage nach Ursache und Wirkung sozialer Probleme. Sie ist bis heute das grundlegende Argument aller Antidiskriminierungsmaßnahmen.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 4/14, das am Kiosk erhältlich ist.

Für jene Verehrer Bismarcks, die den unprätentiösen Realismus des "eisernen Kanzlers" loben, muss es hart sein, ihr Idol derart als Geschäftsführer der Aufklärung agieren zu sehen. Der Export universaler Rechte hat in diesen Kreisen keinen guten Leumund. Moralische Prinzipien in der Außenpolitik gelten ihnen als Kennzeichen naiver "Gutmenschen", Einmischungen in die Minderheitenpolitik anderer sind tabu. Allerdings lässt sich Bismarck aufgrund dieser Episode kaum zum Philanthropen verklären. Der Berliner Kongress markierte den europapolitischen Höhepunkt seiner Laufbahn, entsprechend weltmännisch hatte er zu agieren. Insgesamt aber war die Konferenz gerade aufgrund der aufbrechenden deutsch-russischen Entfremdung eine Niederlage. Die Frage nach der Judenemanzipation blieb eine Randglosse, zumal Bismarck die liberale Haltung in diesem Fall nichts kostete. Wie er später einräumte, hatte er dabei vor allem auf die Juden im Deutschen Reich geschielt.

Tatsächlich wurde Bismarcks Einsatz für die Juden auf dem Balkan von deren deutschen Glaubensgenossen aufmerksam registriert. Eine breitere Debatte darüber, wie Bismarck zu den Juden stand, entbrannte allerdings erst sehr viel später – in der Weimarer Republik. Damals, 1921, legte der deutsch-jüdische Journalist Otto Jöhlinger eine Studie mit dem Titel Bismarck und die Juden vor. Das Büchlein sollte einer Behauptung entgegentreten, mit der die Rechte der Weimarer Republik die Werbetrommel rührte: dass der Reichskanzler ein Antisemit gewesen sei.

Das Ideal eines christlichen Ständestaats

Nahezu alle politischen Strömungen trachteten nach dem Ersten Weltkrieg danach, Bismarcks Erbe für sich zu reklamieren – unter anderem die stärker werdenden Antisemiten. Mit aufwendigen Zitatsammlungen bemühten sie sich, die ablehnende Haltung des Kanzlers in der "Judenfrage" nachzuweisen. Für Theodor Fritsch, den Autor des in hohen Auflagen verbreiteten Handbuchs der Judenfrage, war Bismarck eine Art Kronzeuge. Manchen galt er gar als "Vater der antisemitischen Bewegung" – dem österreichischen Antisemitenführer Georg von Schönerer etwa, der 1921 vor lauter Bewunderung verfügte, unweit von Bismarcks Alterssitz in Friedrichsruh begraben zu werden. Autoren wie Otto Jöhlinger hielten tapfer dagegen. Und dank Bismarcks Neigung zu politisch opportunen Positionsänderungen war jede Seite mit stimmigen Zitaten gewappnet.

Vor allem eine Rede des jungen Abgeordneten Bismarck stand wiederholt im Mittelpunkt der Debatte: Am 15. Juni 1847 hatte er sich vor dem Preußischen Landtag gegen die vollständige Gleichberechtigung der Juden ausgesprochen. Wie sein russischer Kontrahent später auf dem Berliner Kongress vermochte er in der Emanzipation der Juden keinen wünschenswerten Fortschritt zu sehen. "Ich gönne ihnen auch alle Rechte, nur nicht das, in einem christlichen Staate ein obrigkeitliches Amt zu bekleiden."

Der politische Novize Bismarck huldigte dem Ideal eines christlichen Ständestaats. In diesem Weltbild war kein Platz für einen säkularen Staatsbürgerbegriff mit allgemeiner Rechtsgleichheit. Der Gedanke, ein Jude könne Repräsentant gegenüber "der geheiligten Majestät des Königs" sein und Christen Gehorsam abverlangen, löste bei ihm tiefste Abneigung aus. Ähnlich abstoßend fand er die standesamtliche Zivilehe nach französischem Vorbild. Bismarck schalt sie einen unerwünschten "Gallizismus". Deutschen Juden war eine Eheschließung außerhalb der eigenen Religion nur möglich, wenn sie sich taufen ließen.

Die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden hatte in Bismarck also zunächst einen entschiedenen Gegner. Das entsprach dem Geist der Zeit. Die Emanzipation der Juden hatte in Deutschland mehrere Anläufe gebraucht, bis sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts umgesetzt wurde. Zwar hatten schon zu Beginn des Jahrhunderts aufgeklärte preußische Beamte die Initiative ergriffen, und kurzzeitig hatte die oktroyierte zivile Gesetzgebung des Code Napoléon gegolten. Doch nach der Franzosenzeit geriet die Emanzipation ins Stocken. 1848 schließlich scheiterte mit der Revolution auch das Projekt der Gleichberechtigung an der politischen Reaktion, für die Bismarck stand.

Erst zwei Jahrzehnte später wurde es doch noch Realität, unter der Federführung jenes Mannes, der es zunächst so entschieden verworfen hatte. Aus dem Gegner der Emanzipation war ein entschiedener Förderer geworden. Es sei besser, Revolutionen selbst zu machen, als sie erdulden zu müssen, lautete Bismarcks Credo, und so wurden unter seiner Kanzlerschaft schließlich alle rechtlichen Beschränkungen für Juden aufgehoben: Die königliche Verordnung vom 3. Juli 1869, welche die Rechtsgleichheit in Preußen und dem Norddeutschen Bund endgültig herstellte, trug neben der Unterschrift des Monarchen die Signatur Bismarcks. Selbst die Zivilehe, die er einst verdächtigte, die "Kirche zur Schleppenträgerin der subalternen Bürokratie" zu degradieren, wurde 1875 Reichsrecht. Aus Gründen der Staatsräson setzte Bismarck energisch durch, was er zuvor bekämpft hatte.

In seinem konservativen Umfeld löste dieser Gesinnungswandel heftige Irritationen aus. Und auch aus heutiger Sicht mag er verwundern. Wie ist er zu erklären?

Die gängige These lautet, dass die Ursachen in Bismarcks Frankfurter Zeit zu finden seien. Dorthin wurde er 1851 beordert – als Gesandter Preußens im Deutschen Bundestag. 1853 lehnte er in dieser Eigenschaft einen Antrag Österreichs ab, den Juden gewisse Rechte wieder zu entziehen. Das war kurios, denn Preußen hatte kurz zuvor selbst eine Verfassungsrevision durchgeführt, mit der Juden von einer Reihe staatlicher Ämter ausgeschlossen worden waren. Eine österreichisch-katholische Forderung zu unterstützen aber war für Bismarck ausgeschlossen.

In Frankfurt kam es auch zu einer Begegnung, die sein weiteres Schicksal wesentlich beeinflussen sollte: Er lernte den fast 80-jährigen Bankier Amschel Mayer Rothschild kennen. Der erfolgreiche Geschäftsmann, der das europaweit expandierende Frankfurter Bankhaus Rothschild in zweiter Generation führte, imponierte ihm.

Das Bankhaus hatte stets in enger Beziehung zu Habsburg gestanden, Bismarck zog es nun an Preußen heran. Amschels Neffe Mayer Carl von Rothschild wurde mit seiner Unterstützung Preußischer Hofbankier, geehrt mit Titel und Orden. Als Bismarck schließlich 1859 von Frankfurt nach St. Petersburg aufbrach, um dort seine Stelle als Preußischer Gesandter anzutreten, bat er den Bankier, ihm einen zuverlässigen Partner in Berlin zu vermitteln: Die Empfehlung lautete auf Gerson Bleichröder, dem die Leitung der Berliner Rothschild-Vertretung oblag.

Die enge Zusammenarbeit sollte sich bald auszahlen. Aufrüstung, Eisenbahn- und Fabrikbau – Preußen brauchte dringend Kapital für seinen großen Sprung nach vorn. Der Bankier beschaffte es. Gemeinsam mit Bismarck als preußischem Ministerpräsidenten schrieb Bleichröder Geschichte. Der deutschamerikanische Historiker Fritz Stern hat dieser Verbindung 1977 sein Werk Gold und Eisen gewidmet, in dem er beschreibt, wie Bleichröders Bankhaus zum finanziellen Rückgrat von Bismarcks Einigungpolitik wurde.

Nach Reichsgründung formiert sich eine antisemitische Bewegung

In Bleichröder fand er für dieses Vorhaben einen zuverlässigeren Partner als im konservativen Lager. Das machte ihn unabhängiger und bereit zu Konzessionen gegenüber der jüdischen Minderheit. Der vom Judentum zum Protestantismus konvertierte Bismarck-Verehrer Maximilian Harden, der eine der schärfsten journalistischen Federn im Kaiserreich führte, kommentierte das Zusammengehen am Ende des 19. Jahrhunderts so: "Unter dem Ministerium Bismarck fielen 1869 die letzten Schranken der Emanzipation, nachdem der Deichhauptmann zum Staatsmann geworden war und bei Bleichröder für seine nationalen Pläne ein rascheres Verständnis gefunden hatte als bei den Ariern der Opposition." Das Deutsche Reich war in der Praxis ein deutsch-jüdisches Werk – eine Einsicht, die Bismarcks deutschnationalen Bewunderern stets entging.

Mit dem Sieg über Frankreich 1871 war das Ziel erreicht. Bleichröder handelte mit den geschlagenen Nachbarn die Konditionen aus, unter denen sie die gigantischen Kontributionsforderungen in Höhe von fünf Milliarden Franc erfüllen sollten. Er selbst hatte von derart hohen Reparationen abgeraten, doch das mächtige Militär wollte die Franzosen am Boden sehen. Die Aufgaben, mit denen Bismarck Bleichröder betraute, bedeuteten indessen nicht, dass der Bankier im deutschen Feldlager als gleichwertig akzeptiert wurde, schreibt Fritz Stern: "Bismarck und sein Gefolge machten sich über Bleichröder in Witzen lustig, die nach christlichen Heustadeln rochen." Bleichröders Rolle unterschied sich kaum von der des "Hofjuden" im Spätabsolutismus. Sein Einfluss blieb begrenzt.

Das hatte sich bereits im Winter 1870 gezeigt, als das deutsche Militär im besetzten Elsass-Lothringen damit begann, die dort ansässigen Polen abzuschieben, unter denen sich auch viele Juden befanden. Als sich Bleichröder auf Bitten der jüdischen Gemeinde für die Vertriebenen einsetzte, entgegnete man ihm, dass die Region zu "germanisieren" sei. Es sollten "jene Elemente" entfernt werden, die "dem deutschen Geist entgegenstünden". So waren, bemerkt Stern bitter, "bei der Geburt des Deutschen Reiches Polen und Juden die ersten Opfer chauvinistischer Rohheit – sie sollten auch die letzten Opfer des Großdeutschen Reichs sein".

Nach der Reichsgründung dauerte es nicht lange, bis sich eine antisemitische Bewegung formierte, die Bismarcks Verbindung mit Bleichröder zu skandalisieren trachtete. Dass der Kanzler dem Bankhaus auch die Pflege seines privaten Vermögens anvertraut hatte, kam seinen Gegnern zupass: Korruptionsgerüchte wurden geschürt, mitunter bezeichnete man Bismarck selbst als Juden. Das Familienblatt Die Gartenlaube und die Kreuzzeitung, das Hausblatt der preußischen Reaktion, wurden ausfällig. Vor allem die ultrakonservative "Anti-Kanzler-Liga" um die Antisemiten Hermann Wagener und Otto Glagau griff Bismarck und Bleichröder an.

Stoppen oder wenigstens eindämmen ließen sich die Angriffe auch durch Prozesse nicht. In jeder Aussage, mit der Bleichröder vor Gericht die Vorwürfe widerlegte, und durch jede Verurteilung wegen Verleumdung sahen sich seine Gegner nur umso stärker bestätigt in ihrem Verschwörungsdenken. Bald ging unter Hinweis auf die staatstragenden Aktivitäten jüdischer Bankhäuser die Rede von einer "goldenen Internationale". Der Stimmungsumschwung im Zuge des Gründerkrachs 1873 traf die Juden zusätzlich, die von ihren Feinden mit dem wirtschaftlichen Liberalismus identifiziert wurden, den man für die Krise verantwortlich machte.

Gravierend wirkte sich auch ein Kurswechsel des Kanzlers selbst aus. Hatte er in der Phase der Reichseinigung noch mit den liberalen Kräften paktiert, so wandte er sich Ende der siebziger Jahre wieder dem konservativen Lager zu. Sein Hauptgegner wurden die Liberalen, in deren Reihen sich viele jüdische Politiker befanden. Den wachsenden Antisemitismus nutzte er dabei als "eine bequeme Waffe gegen Liberalismus und jeden Freihandel", wie der Historiker Peter Pulzer feststellt. Auch privat sprach Bismarck von den liberalen Führern Lasker und Bamberger abfällig als "Semiten". In seinem direkten Umfeld befanden sich schon länger viele überzeugte Judenhasser – der Sozialkonservative Hermann Wagener etwa, der einst ein Gegner Bismarcks gewesen war und bereits vor der Reichsgründung massiv gegen die Juden agitiert hatte, und Bismarcks Pressereferent Moritz Busch.

Einer entsprechenden Rhetorik des Ausschlusses bediente sich Bismarck nicht zuletzt, als er am 17. November 1881 die Sozialversicherungsgesetze ankündigte: Seine Beschwörung des "christlichen Volkslebens" als "Fundament" des deutschen Gemeinwesens ließ manchen aufhorchen. Der Kanzler war wieder in den Jargon des pommerschen Provinziallandtags zurückgefallen. Die Juden waren alarmiert. Schließlich war für sie der säkulare Staat stets das "Unterpfand der Bürgerrechte", wie Pulzer schreibt.

Auch in der "Judenfrage" ein Opportunist der Macht

Inwieweit Bismarck antijüdische Ressentiments nicht nur kühl kalkulierend benutzte, sondern ihnen auch selbst anhing, ist schwer zu sagen. Fest steht, dass er einen engen Umgang mit dem protestantischen Pfarrer Adolf Stoecker pflegte, einem der Führer der neuen antisemitischen Bewegung. Als Angehöriger der Hofgeistlichkeit verfügte Stoecker über einigen Einfluss und agitierte mit sozialkonservativen Parolen gegen Juden, Liberale und Sozialdemokraten. Er begrüßte Bismarcks Umkehr und predigte die "Wiedereinrichtung des christlichen Staates". Immer wieder richteten sich seine Attacken auch gegen den Bankier Bleichröder. Als dieser sich Schutz erbat, unternahm Bismarck nichts. Offenbar war das Thema Antisemitismus geradezu ein Tabu zwischen den beiden: "Es ist außerordentlich seltsam für das Verhältnis Bismarck-Bleichröder, daß weder ein einziger Bismarck-Brief noch Notizen über ein Gespräch der beiden erhalten geblieben sind, die das Thema des Antisemitismus berührt hätten", schreibt Fritz Stern.

Der Kanzler erwies sich aber nicht nur als undankbar gegenüber seinem treuen Weggefährten: Nach den beiden Attentaten auf Kaiser Wilhelm I. im Jahr 1878 ließ er auch die Chance verstreichen, dem antisemitischen Spuk frühzeitig ein Ende zu bereiten. Der Leipziger Handwerkslehrling Max Hödel, der auf den Kaiser geschossen hatte, war Mitglied der Christlich-sozialen Arbeiterpartei Adolf Stoeckers. Doch Bismarck ignorierte diese Tatsache und ließ die antisemitische Organisation unangetastet. Stattdessen löste er den Reichstag auf und brachte das Sozialistengesetz auf den Weg.

Als Bismarck 1880 schließlich doch erwog, gegen Stoecker vorzugehen, war der Grund dessen sozialpolitische, nicht die antisemitische Agitation, wie er Innenminister Puttkamer versicherte, der mit Stoecker sympathisierte. In der kurzen Amtsperiode Friedrichs III. wiederum, im Dreikaiserjahr 1888, verhinderte er die Entlassung Stoeckers, obwohl er gegen den politisierenden Pfarrer inzwischen eine ausgesprochene Abneigung hegte; den jungen Wilhelm II. warnte er sogar ausdrücklich vor Stoecker.

All das zeugt von einem taktischen Verhalten, das Bismarck für die Antisemiten zu einem unsicheren Faktor machte. Thronerbe Wilhelm II. galt als empfänglicheres Agitationsziel, zumal er sich mit Anhängern Stoeckers umgab. Am Hof entspann sich eine stark antisemitisch gefärbte Intrige gegen den alten Kanzler: Dem sozialdemokratischen Vorwärts wurde 1895 ein Brief Stoeckers aus dem Krönungsjahr 1888 an den damaligen Chefredakteur der Kreuzzeitung zugespielt, in dem der Prediger vorschlug, alle Konflikte zwischen Bismarck und Wilhelm II. wie einen Scheiterhaufen aufzuschichten und schließlich in Flammen zu setzen. Die Saat ging auf: In der wachsenden Entfremdung zwischen Bismarck und Wilhelm II. sank Bleichröders Stern. 1890 wurde Bismarck entlassen. Der Antisemitismus wurde ihm so am Ende selbst zum Verhängnis.

Es waren Geister, die er selbst gerufen hatte: Sein politischer Wechsel – fort vom Liberalismus, hin zum Konservatismus – Ende der siebziger Jahre sollte als "zweite Reichsgründung" wahrgenommen werden. Die neue Nationalidentität wurde nun unter antiliberalen Vorzeichen geschmiedet und richtete sich umgehend gegen die Juden. Die Debatte um den berüchtigten Aufsatz Unsere Aussichten des Historikers Heinrich von Treitschke 1879 ("Die Juden sind unser Unglück") und die von der Studentenschaft getragene "Antisemitenpetition" von 1880/81 machten deutlich, dass das Ressentiment im Bürgertum respektabel geworden war. Unter Duldung Bismarcks unterlief Puttkamers Administration immer mehr die gesetzlich verankerte Gleichberechtigung; die preußische Armee vergab kaum mehr Reserveoffizierspatente an Juden.

Der österreichische Sozialphilosoph Joseph Popper-Lynkeus, der 1886 eine scharfe Kritik des zeitgenössischen Antisemitismus formulierte, stellte rückblickend fest, man könne "den Antisemiten nicht Unrecht geben, wenn sie Bismarck für ihren Protector halten. Und man muß sagen, der Antisemitismus, der sonst nur literarisch und vereinzelt geblieben wäre, wurde durch ihn sozusagen staats- und salonfähig gemacht." Auch wenn er den "Radau-Antisemitismus" Stoeckers und der Studentenverbindungen ablehnte, bleibt Bismarck also in der Frage des Antisemitismus eine Kippfigur, deren Konturen sich abhängig vom Blickwinkel ändern. Auch in der "Judenfrage" war er ein Opportunist der Macht.