Das Schicksal Japans entschied sich in Potsdam. Am 26. Juli 1945 forderten die Alliierten das Land zur bedingungslosen Kapitulation auf, sonst drohe ihm "die unausweichliche und vollständige Vernichtung" der Streitkräfte und "ebenso unausweichlich die äußerste Verwüstung des japanischen Heimatlandes".

Dies war keine leere Drohung. Auf dem Versuchsgelände von Alamogordo in New Mexico war im Morgengrauen des 16. Juli die erste amerikanische Atombombe erfolgreich getestet worden. Zwei weitere hatten die Amerikaner in ihrem Arsenal, "Little Boy" und "Fat Man". Die Alliierten waren sich einig: Wenn auch sie funktionieren würden, ließe sich der Krieg mit einem oder zwei zerschmetternden Schlägen beenden. Keine verlustreichen Gefechte und keine Häuserkämpfe mehr mit den Soldaten des Landes, das weite Teile Ostasiens erobert, ein Drittel Chinas besetzt und Indochina überrannt hatte. "Ein wahres Wunder der Erlösung" sah Churchill in der Atombombe. "Mittels einiger weniger Explosionen" könnte man "dem Schlachten Einhalt gebieten".

Den ganzen 27. Juli über diskutierten die Verantwortlichen in Tokio über die Potsdamer Deklaration. Der Außenminister wollte Sondierungen zu einer sowjetischen Friedensvermittlung abwarten. Offenbar ahnte er nicht, dass Stalin längst zum Kriegseintritt gegen Japan entschlossen war. Die Militärs hingegen forderten die sofortige Ablehnung des Ultimatums. Alles andere, argumentierten sie, werde die Moral der Truppen untergraben.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 1/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Der greise Ministerpräsident Suzuki Kantarō beugte sich dem Einspruch der Generalität: Die Regierung werde sich "entschlossen für die erfolgreiche Beendigung des Krieges" einsetzen. Damit war Japans Schicksal besiegelt: Am 31. Juli war "Little Boy" einsatzbereit. Oberst Paul W. Tibbets, der als bester Bomberpilot der Air Force galt, sollte den Angriff auf Hiroshima fliegen. Am 6. August um 2.47 Uhr startete er, um 8.15 Uhr öffnete er den Bombenschacht. "Little Boy" explodierte um 8.16 Uhr Ortszeit.

In einem Radius von drei Kilometern versengte die Hitze – 2.944 Grad Celsius – alles Leben. Tausende von Menschen im Umkreis von 900 Metern schrumpften zu schwarzen Bündeln zusammen, die an Straßen, Gehwegen und Brücken klebten. Auf den Stufen einer Bank blieb von einem Menschen nur sein Umriss eingebrannt. Vögel gingen im Flug in Flammen auf. Bis heute ist unklar, wie viele Menschen in Hiroshima umkamen – sofort oder, verstrahlt, nach längerem Siechtum. Nach fünf Jahren verzeichnete das Sterberegister insgesamt 200.000 Opfer von "Little Boy".

Wenige Stunden nach dem Bombenabwurf auf forderte US-Präsident Harry S. Truman die Japaner abermals auf, sich zu ergeben, sonst werde es weiteres "Verderben aus der Luft regnen". In Tokio ging die Diskussion zwischen Durchhalteverfechtern und Kapitulationsbefürwortern weiter.

Mittlerweile war die Lage des Landes verzweifelt. Die japanischen Luftstreitkräfte konnten den amerikanischen Bomberpulks wenig entgegensetzen, es mangelte ihnen an Piloten wie an Treibstoff. Die Amerikaner waren schockiert, dass die Japaner nicht sofort die Waffen streckten. Auf sechs Millionen Flugblättern, abgeworfen über 47 Städten, wurde das japanische Volk aufgefordert, in Eingaben an den Kaiser die Beendigung des Krieges zu fordern. Andernfalls "werden wir entschlossen diese Bombe wie auch unsere anderen überlegenen Waffen einsetzen".

In der Tat wurde um diese Zeit bereits die Bombe "Fat Man" montiert. Am 9. August um 11.02 Uhr Ortszeit explodierte sie über den Hügeln von Nagasaki. Die Berge dämpften die Wirkung der Explosion. Dennoch wurde ein Drittel der Stadt zerstört. An den Folgen starben binnen fünf Jahren insgesamt 140.000 Menschen.

Die Meldung über die Zerstörung Nagasakis gab der Diskussion in Tokio eine dramatische Wendung. Man musste befürchten, dass eine dritte Atombombe niedergehen werde – auf die Hauptstadt. Am Nachmittag trat das Kabinett zusammen.

Der Außenminister wollte nur die eine Bedingung stellen: dass das Kaisertum erhalten bleibe. Die Militärs beharrten auf weiteren Ansprüchen, etwa dem, dass Japan nicht besetzt werden dürfe. Kurz vor Mitternacht fanden sich die verantwortlichen Politiker und Militärs im kaiserlichen Luftschutzbunker ein. Kaiser Hirohito, der zwar bis dahin wie ein Gott verehrt wurde, aber tatsächlich wenig zu sagen hatte, wurde in dieser schicksalhaften Stunde zum Schiedsrichter. Das erste Mal sprach der Monarch ein Machtwort und erklärte, die von den Vereinigten Staaten, Großbritannien und China in Potsdam beschlossene und von der sowjetischen Regierung unterzeichnete Erklärung sei anzunehmen. Das Außenministerium übermittelte die japanische Antwort, verbunden mit der Erwartung, dass die Monarchie unangetastet bleibe. Die USA antworteten: "Vom Zeitpunkt der Kapitulation an wird die Autorität des Kaisers und der japanischen Regierung dem Oberbefehlshaber der alliierten Mächte unterstellt."

Von Neuem begann in Tokio nun das Tauziehen. Der Außenminister befürwortete die Annahme. Der Vorsitzende des Kronrats hingegen fand es unannehmbar, den Tenno einer fremden Macht unterzuordnen. Der stellvertretende Admiralstabschef schlug vor, 20 Millionen Japaner sollten ihr Leben als Mitglieder eines Sonderangriffskorps opfern.

Wieder entschied der Kaiser – und wieder für den Frieden. Während die Amerikaner am 15. August in einem letzten Luftangriff Spreng- und Brandbomben auf Kumagaya und Isesaki niederregnen ließen, versammelte sich das Volk. Um 16 Uhr ertönte aus den Lautsprechern die Stimme des Kaisers. Nie zuvor hatten die Untertanen sie vernommen. Hirohito sprach in gekünsteltem, archaischem, den einfachen Leuten kaum verständlichem Hofjapanisch. Aber sie begriffen den Sinn seiner Rede: Den Krieg fortzusetzen "würde nicht nur zur völligen Vernichtung unserer Nation führen, sondern zur Zerstörung der menschlichen Zivilisation [...]. Aus diesem Grunde haben Wir angeordnet, die Forderungen der Gemeinsamen Erklärung der Mächte anzunehmen."

Japan weinte. Viele Menschen warfen sich während der Ansprache flach auf die Erde und berührten mit der Stirn den Boden. In manchen Kasernen rann das Blut der Selbstmörder über die Treppen. Einige Fanatiker brachten sich auf der Brücke vor dem Haupteingang des Palastes um. Kamikazeflieger stiegen mit ihren Flugzeugen auf und stürzten sich in die Bucht von Tokio. Mehrere Maschinen überflogen den Palast und warfen Flugblätter ab, die alle "Verräter" verdammten und Kampfbereitschaft bis zum Äußersten verkündeten. Am Ende jedoch erstickte Resignation den Aufruhr, die Empörung, die Erregung. Das japanische Volk ergab sich in sein Schicksal.

Am 2. September humpelte Außenminister Shigemitsu Mamoru das Fallreep des Schlachtschiffes Missouri empor. Er trug Frack und Zylinder. Grüner Filz bedeckte auf dem Achterdeck den Tisch, auf dem die Kapitulationsurkunden lagen, die nun von den Vertretern Japans und der Alliierten unterzeichnet wurden. Douglas MacArthur, der Feldherr des Pazifikkrieges, wurde US-Prokonsul im Kaiserreich Japan. "These proceedings are closed" – mit diesen Worten beendete MacArthur die Zeremonie. Der Zweite Weltkrieg war zu Ende, fast auf die Stunde genau sechs Jahre nach seinem Beginn. Für Japan begann der Frieden. Es wurde ein harter Frieden – wie in Deutschland.

Die US-Air-Force dokumentierte in diesem Film die Folgen der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki.

Die US Air Force über die Folgen der Atombombe von Hiroshima VIDEO: Nach dem Atombomben-Abwurf über der japanischen Stadt Hiroshima dokumentieren amerikanische Soldaten die Folgen – der Film der US Air Force zeigt die enormen Zerstörungen durch den Angriff. (2:57 Min)