"Oft wird der Keller mit der Stube vertauscht,
schlafend die einen, manch einer lauscht.
Ob nicht der Farbigen schleichenden Schritte
dem Haus sich nähern, in unsere Mitte.
Edelwild witternd. O welch ein Schrecken,
wenn sie es stöbern aus ihren Verstecken.
Schande, viel Schande bei Tag und bei Nacht,
haben sie über das Städtlein gebracht."

In ihren Versen schildert Emilie Leber aus St. Georgen im Schwarzwald die kollektive Furcht vor sexuellen Übergriffen der französischen Besatzer. Denn nicht nur im Hoheitsbereich der Roten Armee waren Vergewaltigungen an der Tagesordnung. Im Südwesten Deutschlands brannten sich vor allem die Gewaltexzesse von Freudenstadt in das kollektive Gedächtnis ein, wo unmittelbar nach dem Einmarsch Einzeltäter wie Gruppen Tag und Nacht gegen Zivilistinnen wüteten. Doch wie beim Vormarsch der Roten Armee änderte sich die Situation auch hier binnen einiger Wochen: Nach dieser Phase blinden Wütens gingen die Täter geplanter und koordinierter vor. Sie achteten nun darauf, dass ihre Vergehen im Verborgenen blieben, und lauerten ihren Opfern meist im Schutz der Dunkelheit auf. Nachweise für solche gezielten Übergriffe lassen sich in fast allen Landstrichen des heutigen Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz finden. Einen Eindruck vom Ausmaß der Vergewaltigungen vermitteln die Annalen der Pfarrämter, die über die Vorkommnisse oft ausführlicher Buch führten als die staatlichen und kommunalen Behörden. Die Zeitgenossen machten damals allerdings vornehmlich die "schwarzen Horden de Gaulles", also Soldaten nordafrikanischer Herkunft, für die Ausschreitungen verantwortlich. Die dunkelhäutigen Männer wurden als unzivilisierte und ungezügelte Wilde diffamiert, die in die idyllischen Ortschaften der Deutschen eindrängen, unersättlich und unerbittlich im Verlangen nach körperlicher Befriedigung.

Inwieweit diesen Bezichtigungen auch tatsächliche Erfahrungen zugrunde lagen oder ob sie ausschließlich hergebrachte kolonialistische und rassistische Stereotype wiedergaben, lässt sich nur schwer einschätzen. Ein Indiz dafür, dass die meisten der Täter allerdings weiß waren, ergibt sich aus einer Besonderheit in der französischen Zone: Die infolge von Vergewaltigungen geborenen Kinder wurden dort akribisch registriert, untersucht und nach einem strengen Ausleseverfahren in Frankreich und Nordafrika zur Adoption freigegeben. Die Babys aus diesen Akten sind überwiegend weiß; nur bei einem geringen Prozentsatz kommen Kolonialsoldaten als Vater infrage. Auch über das gesamte Ausmaß der französischen Übergriffe liegen keine verlässlichen Daten vor. Sicher ist: Es handelte sich um weit mehr als nur Einzelfälle. So registrierte die Polizei beispielsweise allein im Großraum Stuttgart, der bis Juli französisch und erst danach amerikanisch besetzt war, im April 1945 fast 1.200 Vergewaltigungen.

Was waren die Gründe für die Gewaltexzesse? Russen und Franzosen hatten unter jahrelanger Okkupation ihrer Heimat durch die Deutschen gelitten und lebten zum Kriegsende nicht nur einen militärischen und moralischen Sieg aus, sondern ließen auch ihrer Wut und Verzweiflung über die Willkürherrschaft freien Lauf, der ihr Land, ihre Angehörigen und sie selbst unterworfen gewesen waren. Mengen von Alkohol sowie die anstehende Demobilisierung und nicht zuletzt die Aussicht auf relative Straffreiheit beförderten die Ausschreitungen – obwohl Offiziere der Roten Armee von 1942 an Disziplinarvergehen eigenverantwortlich ahnden durften und es sogar vorkam, dass sie Vergewaltiger vor versammelter Mannschaft standrechtlich erschossen.

Die Amerikaner wiederum brachten ganz andere Kriegserfahrungen mit. Und doch vergingen auch sie sich an deutschen Zivilistinnen. Die Militärdienststellen registrierten für das erste Nachkriegsjahr insgesamt 1.500 Anzeigen von Vergewaltigungen, wobei auch hier das Gros der Delikte während der Kampfhandlungen in der Endphase des Krieges begangen wurde: 613 Amerikaner kamen wegen Vergewaltigungen vor ein Tribunal, etwa jeder fünfte von ihnen wurde verurteilt, 44 Todesurteile wegen besonders schwerer Vergehen sind bekannt – wobei auch diese Zahlen nur eine Tendenz abbilden können. Denn das wachsende Problem sexueller Gewaltnahmen wurde von der Generalität nach Kräften geheim gehalten.

Zudem war der Begriff "Vergewaltigung" im US-Militär-Strafgesetz sehr eng gefasst: Die Gerichte erkannten nur Fälle an, in denen das Opfer nachweislich starke physische Gegenwehr geleistet hatte. So musste sich etwa Else M. aus Mannheim Ende Mai 1945 von einem Richter belehren lassen, dass es sich bei dem von ihr geschilderten Vorgang keineswegs um eine Straftat gehandelt habe, da sie sich stärker hätte wehren müssen. Sie gestand, dass sie dies angesichts der vorgehaltenen Pistole aus Angst unterlassen habe, und widerrief schließlich die Beschuldigung: "Jetzt, wo man mir die Definition von 'Vergewaltigung' erklärt hat, muss ich einsehen, dass ich nicht vergewaltigt worden bin. Ich habe mich während des Gewaltaktes nicht verteidigt." In allen Besatzungszonen kehrten die Alliierten die Verbrechen ihrer Truppen solchermaßen unter den Tisch und erklärten stattdessen die Opfer selbst für verantwortlich.

Insgesamt belegen zeitgenössische Umfragen, dass gerade die jungen amerikanischen GIs im Feindesland darauf aus waren, sexuelle Erfahrungen zu machen – von blankem Hass gegen deutsche Frauen aber waren sie dabei wohl eher nicht getrieben. Die brutalen Gewaltnahmen durch US-Soldaten beschränken sich denn auch auf die ersten Wochen der Besatzung. Später ist in der amerikanischen Zone ein anderes Phänomen sehr viel verbreiteter: die "Fraternisierung" zwischen Soldaten und einheimischen Frauen. Oft genug mögen dabei materielle Gründe den Ausschlag gegeben haben, nicht selten aber handelte es sich auch um einvernehmliche erotische Abenteuer, und in einigen Fällen gingen aus den von vielen Landsleuten misstrauisch beäugten Liebschaften zwischen deutschen "Fräuleins" und amerikanischen GIs sogar feste Beziehungen hervor.

Eine Ausnahme in jeder Hinsicht stellte die britische Zone dar. Hier gab es weder besonders viele freiwillige Beziehungen zwischen deutschen Frauen und Besatzungssoldaten noch Vergewaltigungen in großer Zahl. Zwar lässt sich auch hier annehmen, dass die wenigen Meldungen nicht die tatsächlichen Ausmaße dokumentieren, denn wie in den anderen Besatzungszonen waren die Gründe vielzählig, eine Vergewaltigung nicht anzuzeigen. Die Überlieferungen aber legen nahe, dass die "Tommys" sich tatsächlich vergleichsweise wenige Verfehlungen zuschulden kommen ließen.

In den übrigen Zonen wurden die Folgen der massenhaft verübten sexuellen Gewalt spätestens im Sommer 1945 offensichtlich: Mehr und mehr Schwangere drängten in die Behandlungszimmer der Ärzte, in die Sprechstunden der Bürgermeister und Gesundheitsämter sowie in die Beichtstühle der Pfarrer. Sie forderten den Abort – und hofften auf juristische und moralische Absolution. Doch indem sie sich notgedrungen und daher oft erst spät offenbarten, setzten sie ein kompliziertes Verfahren der Investigation in Gang. Es gibt Aufschluss darüber, in welchem juristischen Vakuum man sich nach Kriegsende befand.