Zwar hatte der Reichsinnenminister und Reichsführer SS Heinrich Himmler noch im März 1945 angesichts der vorrückenden gegnerischen Truppen eine Verordnung erlassen, wonach eine Schwangerschaft aus "gewaltsam erzwungenem Geschlechtsverkehr mit Rotarmisten" abzubrechen war. Doch im Mai hatten die Siegermächte alle Rechtsnormen der Nationalsozialisten außer Kraft gesetzt. Für den Umgang mit Sexualstraftaten gab es daher keine verbindlichen Vorgaben mehr. In den Köpfen vieler Ärzte und Hebammen allerdings wirkte noch immer das "rassehygienische" Denken der NS-Jahre fort. Mancher Abort erfolgte daher auch nach der Kapitulation noch aus dem Geist der nationalsozialistischen Vernichtungsideologie. In anderen Fällen herrschte schlicht Ratlosigkeit: Durfte man sich auf eine "Ethik" berufen, die es erlaubte, sich der "Kinder der Feinde" auf diesem radikalen Weg zu entledigen – oder musste man die unerwünschte "fremde Brut" nicht trotz allem aufziehen? Welche Wege durfte man beschreiten, um das eigene "Rechtsgefühl" mit den restriktiven Bestimmungen des Abtreibungs-Paragrafen 218 in Einklang zu bringen?

Während die Täter und ihre Tat in den Verfahren schemenhaft blieben, widmeten sich die Gutachter in den Kliniken und Ämtern aus diesem Dilemma heraus mit großem Engagement der Prüfung der Opfer. Freilich nicht, um ihnen in ihrer Not emotional beizustehen oder gar therapeutisch zu helfen. Der Lebenswandel der Betroffenen sollte vielmehr als Gradmesser für ihre Glaubwürdigkeit dienen und damit das Fundament bilden für die Entscheidung, ob eine Abtreibung zu befürworten sei oder nicht. Frauen wie die Magdeburgerin Klara M. mussten sich in solchen Untersuchungen peinliche Fragen stellen lassen. Sie mussten das Verbrechen überzeugend schildern können. Auf dem Prüfstand stand nichts Geringeres als ihre persönliche Dignität.

Auch die deutschen Stellen wälzten damit in allen Besatzungszonen die Verantwortung auf die Hilfe suchenden Frauen ab. In einem Brief an die britischen Besatzungsbehörden schildert ein Braunschweiger Amtsarzt Ende Juli die Abläufe:

Nachdem ich nun drei Wochen Gelegenheit gehabt habe, fast täglich mehrere Anträge über Schwangerschaftsunterbrechung zu bearbeiten, bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß hier eine Regelung dringend notwendig ist. Ich habe alle Anträge gewissenhaft bearbeitet, habe immer mit den Frauen persönlich gesprochen, habe, wenn möglich, Zeugen gehört und Erhebungen bei Polizei und Fürsorgeverbänden angestellt und glaube daher: [...] Die Frauen, die Anträge auf Schwangerschaftsunterbrechung wegen Vergewaltigung stellen, lassen sich [...] in zwei Gruppen einteilen: Die erste Gruppe umfaßt junge Mädchen, die angeben, von Soldaten der amerikanischen und englischen Besatzungsarmee vergewaltigt zu sein. Diese Angaben sind meist sehr wenig glaubhaft. Die meisten dieser fast durchweg unverheirateten Mädchen können [...] nicht damit rechnen, daß ihrem Antrag stattgegeben wird, weil eine Vergewaltigung unwahrscheinlich ist. Die zweite Gruppe umfaßt [...] fast ausnahmslos verheiratete Frauen, die meist mehrere Kinder haben. Dem größten Teil dieser Gruppe kann man [...] die Angabe der Vergewaltigung glauben. Es ergibt sich nun die Notwendigkeit, diese Schwangerschaften zu unterbrechen.

Klara M. wurde der Abort verwehrt. Als Begründung führten die Gutachter an, dass sie den Vorfall zunächst geheim gehalten hatte und niemand ihren Bericht zu bestätigen vermochte. Die Augenzeugen, die am Tatort vorbeigefahren waren, ohne Hilfe zu leisten, ließen sich nicht mehr auffinden: Nach dem Autokennzeichen befragt, musste die junge Frau eingestehen, dass sie aufgrund der Umstände nicht darauf geachtet hatte. Ob Klara M. versucht hat, das ungewollte Kind eigenmächtig abzutreiben, oder ob sie eine "Engelmacherin" aufgesucht hat, die ihr für Geld oder Lebensmittel behilflich war, lässt sich den Quellen nicht entnehmen. Am wahrscheinlichsten scheint, dass sie die Herausforderung angenommen und ein "Besatzungskind" ausgetragen hat – so wie Hunderttausende andere Frauen ebenfalls.

Zu Weihnachten 1945 erblickten die ersten dieser Kinder das Licht der Welt. Weder Fürsorger noch Beamte und Politiker hatten zu diesem Zeitpunkt eine Ahnung, was mit ihnen geschehen sollte.

Wie in allen Besatzungszonen kamen auch die Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses der amerikanisch besetzten Stadt Mannheim deswegen Anfang 1946 im Rathaus zusammen. In einem waren sich diese ausnahmslos männlichen Experten einig: Die Neugeborenen durften unter keinen Umständen gemeinsam mit "deutschem" Nachwuchs aufwachsen, Deutschland könne allenfalls eine Zwischenstation darstellen. Der erste Impuls ließ sie auf ein Weltbild zurückgreifen, in dem nur eine Separierung sinnvoll erschien: Die "Besatzungskinder" waren zwar in Deutschland geboren, mussten aus der deutschen Gesellschaft aber schnellstmöglich entfernt werden.

Ähnlich wie die Mannheimer Wohlfahrts-Fachleute argumentierten auch andere Behörden. Sie alle wollten die Kinder des Feindes aus der Öffentlichkeit verbannen: Betreut von ihren Müttern und Großeltern oder verpflegt hinter den Mauern eines möglichst abgeschieden gelegenen, speziell für sie errichteten Heims, sollten sie verborgen bleiben, bis sie in die Herkunftsländer der Väter überführt werden könnten.

Die mit Gewalt gezeugten Kinder trugen dadurch von Geburt an ein schweres Los: Ihre Väter waren Vergewaltiger, deren Namen und Biografien im Dunkeln blieben. Egal ob "Russen-" oder "Ami-Kind", ob "Briten-" oder "Franzosenbrut" – als ungewollte und vielfach ungeliebte "Bankerte" mussten sie mitsamt ihren Müttern rigorose Diskriminierungen ertragen, wurden als "Fremd-Körper" wahrgenommen und behandelt.

Ihr Schicksal lenkt den Blick aber auch auf einen für Nachkriegsdeutschland und Nachkriegseuropa wichtigen Aspekt. Gerade der alltägliche Umgang mit den sogenannten Half and half-Babys, deren Erzeuger aus allen Teilen der Welt kamen, zwang die Menschen im postnationalsozialistischen Deutschland auch zur Konfrontation mit dem Anderen, dem Fremden. Im Laufe der ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte setzten die "Besatzungskinder" so wesentliche sozialpsychologische und politische Aushandlungsprozesse in Gang: Sie wurden zu Vermittlern und Katalysatoren einer neuen Liberalität und einer Öffnung zur Welt.