Die Geschichte des deutschen Überwachungsstaates – vom Büttelreich der Hohenzollern bis zum Stasi-Paradies der DDR – führt weit zurück ins frühe 19. Jahrhundert. Sie ist vor allem mit einem Namen verbunden: Clemens Fürst von Metternich. Vom Wiener Kongress 1815 bis zur Revolution 1848 war er als österreichischer Außenminister und Staatskanzler der mächtigste Politiker Mitteleuropas, so virtuos wie zugleich unfähig.

Virtuos war Metternich in seinem diplomatischen Spiel nach Napoleons Untergang. Es gelang ihm, nicht nur Österreichs starke Stellung in Deutschland und Europa zu restaurieren, sondern auch das gesamte Ancien Régime der Fürstenstaaten in Europa wiederherzustellen, das die französischen Revolutionäre so gründlich erschüttert hatten. Unfähig war Metternich, weil er nicht begriff, dass genau diese Politik der Restauration keine große Zukunft mehr hatte, dass sich die politische, kulturelle und wirtschaftliche Realität gerade rasant wandelte und keine Macht der Welt die Zeit anhalten konnte.

Nichts anderes aber versuchte Metternich in den langen Jahren seiner Regentschaft. Und so entwickelte der gern heiter und charmant auftretende Aristokrat einen stählernen Apparat der Überwachung und Entmündigung, ein bizarres Spitzelsystem, das zur Attacke auf die Würde eines ganzen Volkes wurde – die Gegner der Metternichschen Ordnung aber nicht aufhalten konnte.

Um 1815 indes scheint dem österreichischen Außenminister noch die Zukunft zu gehören, als er nach Napoleons Untergang von Wien aus den Schiedsrichter spielen darf. Er schmiedet die reaktionäre Allianz zwischen Österreich, Preußen und Russland, das Zar Nikolaus I. nach dem Dekabristenaufstand 1825 in einen besonders brutalen Polizeistaat verwandeln wird.

Im Rausch der Kongresserfolge erwägt Metternich zwar kurz ein paar Reformen, denkt an eine Art österreichisches Parlament. Aber dann überwiegt doch die Furcht vor Ideen wie Freiheit und Volkssouveränität, Nation und Verfassung. Sie könnten die Habsburgermonarchie in den Grundfesten erschüttern. Also verbieten! Also verfolgen! Überwachen, bespitzeln, zensieren. Und das möglichst im gesamten Deutschen Bund, nicht nur in Österreich.

Als im März 1819 ein Student in Mannheim den Dramatiker und entschiedenen Gegner der Liberalen August von Kotzebue ersticht, nimmt Metternich das zum Anlass für etwas, was er längst geplant hat: Im böhmischen Karlsbad schwört er Deutschlands Staaten auf unerbittliche Härte ein.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 2/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Von nun an herrscht Ruhe im Land, Friedhofsruhe. Die Universitäten werden überwacht, die Zensur wird verschärft, eine Kommission soll Freiheitsfreunde aufspüren, und der Deutsche Bund darf in seinen Mitgliedsstaaten Soldaten einsetzen, wenn die Innere Sicherheit gefährdet ist. Das sind die Karlsbader Beschlüsse: ein Urzeugnis staatlicher Paranoia, die Goldene Bulle der Reaktion. "Schändlich und beleidigend", ruft Wilhelm von Humboldt, und sein Wort ist nicht das schärfste.

Absonderliche Regeln gelten nun. Das Pressegesetz regelt die Zensur für alle Schriften, die kürzer als 320 Seiten sind, so will man Zeitschriften und Broschüren kontrollieren, dicke, teure Bücher hingegen gelten als ungefährlich. Und in Mainz wird die Zentraluntersuchungskommission eingerichtet – das Urmodell aller kommenden Staatssicherheitszentralen. Sie soll "hochverräterische Umtriebe" verhindern und darf die deutschen Länder anweisen, wo zu durchsuchen und wer zu verhaften ist. Doch vor allem sammelt sie unablässig Material, erstellt ungezählte Listen vermeintlicher Verschwörer.

In Österreich ist das System nicht ohne Tradition. Bereits in den ersten Jahren seiner Herrschaft installierte der "gute Kaiser Franz" von 1798 an einen Kontrollapparat. Er konnte dabei an das Werk seines Vaters, Leopolds II., anknüpfen, hatte dieser doch als Großherzog der Toskana in den Jahren 1765 bis 1790 neben manch nützlicher Reform ein penetrantes Spitzelwesen gefördert. In der Ära Metternich verfeinern dann vor allem der Wiener Polizeipräsident Josef Graf Sedlnitzky und Staatsminister Franz Anton Graf Kolowrat die Überwachung.

In den Ländern des Deutschen Bundes allerdings agiert Metternich allein. Hier macht er Innenpolitik mit den Mitteln der Außenpolitik. Dabei bietet ihm nicht nur Österreichs Schnüffeltradition Inspiration. Auch das Überwachungs- und Zensursystem Napoleons ist ihm noch gut aus seiner Pariser Botschafterzeit erinnerlich und die Arbeit des Polizeiministers Joseph Fouché, der schon Robespierre gedient hatte, ein stilles Vorbild. Als Fouché 1816 von Frankreich verstoßen wird, gewährt Metternich ihm in Österreich Asyl.