ZEIT Geschichte: Herr Bonwetsch, sehnen Sie sich manchmal zurück nach Moskau?

Bernd Bonwetsch: Das tue ich, aber inzwischen ist mir dieses Gefühl verdorben. Ich habe mich in Russland immer zu Hause gefühlt, auch zu Sowjetzeiten, sosehr mir der Kommunismus zuwider war. 2005 bin ich dann als Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Instituts nach Moskau gegangen, für fünf Jahre. Ich wollte Verbindungen aufbauen, sodass deutsche Historiker in Russland langfristig eine Basis für ihre Forschung haben. Teilweise ist mir das gelungen, aber ich wurde auch bitter enttäuscht.

ZEIT: Woran sind Sie gescheitert?

Bonwetsch: Unter anderen am russischen Außenministerium, das ich nicht überzeugen konnte, sein Archiv zu öffnen für eine Aktendokumentation zur Geschichte des Ersten Weltkriegs. Erst waren alle begeistert, dann wurde die Sache immer weiter verschleppt und endete im Nichts.

Irina Scherbakowa: Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie heute in Russland Politik gemacht wird. Man verhandelt über eine Publikation zum Ersten Weltkrieg, doch eigentlich geht es um die heutige Innenpolitik. Und die braucht Feindbilder, um ihr autoritäres Handeln nach innen zu rechtfertigen. Woher kommt der Feind? Der kommt aus dem Westen! Forscher wie Bernd Bonwetsch werden dann als Agenten dieses Westens angesehen.

ZEIT Geschichte: Sie haben Erinnerungen von Opfern des Stalinismus gesammelt und sind als Mitglied der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial selbst oft ins Visier der Behörden geraten. Haben Sie jemals überlegt, das Land zu verlassen?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 3/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Scherbakowa: Nein. Ich bin in der Sowjetunion aufgewachsen, als man die Erinnerungen an den Gulag nur im Geheimen zusammentragen konnte. Ich hätte damals nie geglaubt, dass wir einen Aufbruch wie in der Zeit der Perestroika erleben würden. Das war ein unglaubliches Geschenk. Es kam mir fast vor wie eine Wiedergutmachung für all das, was Russland im 20. Jahrhundert widerfahren ist. Jetzt zweifle ich wieder. Denn dieses Geschenk, dass das Sowjetimperium unblutig zerfallen ist, dass es keinen neuen Bürgerkrieg gab, haben viele Menschen nicht wahrgenommen, und die Eliten haben diese historische Chance vertan. Ich glaube, dass sich in Russland nur etwas ändern wird, wenn die Zivilgesellschaft weiterkämpft.

ZEIT Geschichte: Kaum ein Thema hat die deutsche Öffentlichkeit in den vergangenen Monaten heftiger gespalten als das Verhalten Russlands. Wie nehmen Sie diese Debatte wahr?

Scherbakowa: Wir Kritiker fühlen uns schnell im Stich gelassen, wenn der Eindruck aufkommt, dass es im Ausland allzu viel Verständnis für Putin gibt. Denn wir wissen: Ein Appeasement wird nichts bringen, und es gefährdet die kritische Opposition.

Bonwetsch: Allzu viel Verständnis? Am extrem rechten und linken Rand hat Putin in Deutschland Anhänger, aber sonst scheint mir doch eine kritische Haltung zu überwiegen. Doch egal wie man Putin beurteilt: Die Deutschen haben eine ganz eigene Bindung an Russland. Und vielleicht rührt daher ein gewisses Bemühen, sich auch in die russische Seite hineinzuversetzen.

Scherbakowa: Es war immer eine besondere Beziehung. Im 18. und im 19. Jahrhundert waren die Deutschen auf vielen Ebenen Teil der russischen Gesellschaft: im Militär, in der Wirtschaft, in Kunst und Literatur sowieso. Ich glaube, es gibt keine große bürgerliche Familie in Deutschland, deren Ahnen nicht irgendwann einmal ein paar Jahrzehnte in Russland verbracht haben.

Bonwetsch: Vor allem sind die Deutschen Russland bis heute für die Wiedervereinigung dankbar. Und mir scheint, dass auch umgekehrt Deutschland in Russland ein positiveres Image hat als viele andere Länder – trotz der zwei verheerenden Kriege, die Deutschland im 20. Jahrhundert gegen Russland geführt hat. Vielleicht bringt Krieg zwei Länder ja einander noch näher als Frieden. Selbst während des Zweiten Weltkrieges haben die Russen ja nie aufgehört, Deutsch zu lernen und deutsche Literatur zu lesen. Die deutsche Kultur wurde außerordentlich geschätzt. Das war umgekehrt nicht der Fall, obwohl es das Beispiel unseres ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker gibt, der berichtete, den ganzen Krieg über Krieg und Frieden im Tornister gehabt zu haben.

Scherbakowa: Eines der wichtigsten Bücher für viele Russen im Krieg! Es half ihnen, zu lesen, wie man so einen großen Krieg wie den Napoleonischen erlebt und was so ein Krieg mit den Menschen macht.