Die Unterzeichnung des Vertrages von Brest-Litowsk am 3. März 1918 © Topical Press Agency/Getty Images

Am Abend des 6. Juli 1914 führte Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg eine lange Unterhaltung auf der Veranda seines Schlosses in der Mark Brandenburg. Wenige Stunden zuvor hatte die deutsche Reichsleitung der österreichisch-ungarischen Regierung grünes Licht für ein rasches Losschlagen gegen Serbien gegeben. Was der Kanzler an diesem Sommerabend offenbarte, hielt sein Gesprächspartner Kurt Riezler – Legationsrat im Auswärtigen Amt und enger Vertrauter – in seinem Tagebuch fest: "Eine Aktion gegen Serbien kann zum Weltkrieg führen." Der Reichskanzler war sich also bewusst, dass er mit dem "Blankoscheck" für Wien ein hohes Risiko eingegangen war, und er verschwieg auch nicht das Hauptmotiv für dieses Spiel mit dem Feuer: "Die Zukunft gehört Rußland, das wächst und wächst und sich als immer schwererer Alb auf uns legt."

In den kritischen Tagen nach dem Attentat in Sarajevo zeigte sich, dass der Alarmismus der Militärs hinsichtlich einer angeblichen Bedrohung aus dem Osten die führenden Politiker stark beeindruckt hatte. In zwei bis drei Jahren würde Russland aufgerüstet haben, schätzte Generalstabschef Helmuth von Moltke Ende Mai 1914. Dann wäre Deutschland der Triple Entente aus Frankreich, dem Vereinigten Königreich und Russland nicht mehr gewachsen. Es bleibe nun also nicht anderes übrig, "als einen Präventivkrieg zu führen, um den Gegner zu schlagen, solange wir den Kampf noch einigermaßen bestehen können".

Diesem Drängen mochte sich die Reichsleitung im Juli 1914 nicht länger verschließen. Bald seien "Rußlands wachsende Ansprüche und ungeheure Sprengkraft [...] nicht mehr abzuwehren, zumal wenn die jetzige europäische Constellation bleibt", notierte Bethmann Hollweg am 20. Juli, wenige Tage bevor die Wiener Regierung mit dem Ultimatum an Serbien die letzte Eskalationsstufe zündete. Die von Berlin gewünschte und gedeckte "Aktion gegen Serbien" sollte der Test sein: Wie kriegswillig war Russland? Nahm es die Herausforderung an, dann musste man nach Ansicht des Reichskanzlers und seiner Mitarbeiter den Krieg besser heute führen als morgen. Sollte sich der Krieg Österreich-Ungarns gegen Serbien auf die Krisenregion begrenzen lassen – was man in Berlin nicht ausschloss, aber für unwahrscheinlich hielt –, hätte sich über die so erwartete diplomatische Niederlage Russlands immerhin die Möglichkeit eröffnet, die Triple Entente zu sprengen. Die Neugruppierung der Mächtekonstellation malte man sich in Berlin vorteilhaft aus.

Je deutlicher sich aber abzeichnete, dass ein großer Krieg kaum mehr aufzuhalten sein würde, desto mehr konzentrierte sich der Reichskanzler darauf, Russland die Kriegsschuld zuzuschieben. Das Land müsse "rücksichtslos unter allen Umständen ins Unrecht gesetzt werden", forderte Bethmann Hollweg in einem Telegramm an Kaiser Wilhelm II. vom 26. Juli 1914. Nur so konnte die Reichsleitung auf die Unterstützung der SPD für ihren Kriegskurs hoffen, denn gerade in der Sozialdemokratie war der Hass auf das reaktionäre Zarenreich weit verbreitet.

Das Täuschungsmanöver gelang: Am Mittag des 31. Juli traf die lange erwartete Nachricht von der russischen Generalmobilmachung in Berlin ein. Am 1. August verkündete das Deutsche Reich seine allgemeine Mobilmachung. Wenig später folgte die Kriegserklärung an Russland. "Stimmung glänzend", notierte Admiral Georg Alexander von Müller, der Chef des Marinekabinetts. "Die Regierung hat eine glückliche Hand gehabt, uns als die Angegriffenen hinzustellen." Und auch Riezler lobte in einem Brief Ende August 1914 an seine Verlobte Käthe Liebermann, die Tochter des Malers Max Liebermann, Bethmann Hollweg sei doch ein "sehr guter Kopf"; man müsse "zugeben, daß die Inszenierung sehr gut war".

In den ersten Wochen des Krieges, als die deutschen Armeen im Westen scheinbar unaufhaltsam voranstürmten, gaben sich große Teile der deutschen Öffentlichkeit bereits siegesgewiss. Wirtschaftliche Interessengruppen und nationale Verbände, Vertreter von Parteien und Repräsentanten der Bundesstaaten meldeten sich mit ausschweifenden Kriegsziel-Forderungen zu Wort. Und in einer von Riezler entworfenen "vorläufigen Aufzeichnung über die Richtlinien unserer Politik beim Friedensschluß" vom 9. September 1914 lautete das Hauptkriegsziel: "Sicherung des Reiches nach West und Ost auf erdenkliche Zeit. Zu diesem Zweck muß Frankreich so geschwächt werden, daß es als Großmacht nicht neu erstehen kann, Rußland von der deutschen Grenze nach Möglichkeit abgedrängt und seine Herrschaft über die nicht-russischen Vasallenvölker gebrochen werden."

Einzelforderungen wurden in dem Papier, das seit Fritz Fischer unter der Bezeichnung "Bethmann Hollwegs Septemberprogramm" geläufig ist, allerdings nur für den Westen spezifiziert, weil man annahm, dass Frankreich schon bald um Waffenstillstand bitten werde. Was Russland betraf, vermitteln aber einzelne Denkschriften aus jenen Tagen einen Eindruck davon, was man sich dort zu holen gedachte.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 3/15, das am Kiosk erhältlich ist.

So verlangte der Stahlindustrielle August Thyssen am 28. August eine Ausdehnung des deutschen Machtbereichs im Osten bis zur Krim und in den Kaukasus, "um auf dem Landwege Kleinasien und Persien zu erreichen". Gerade der Kaukasus sei "mit Rücksicht auf seine bedeutenden Erzschätze für Deutschland unentbehrlich". An Radikalität übertroffen wurde Thyssen noch von Heinrich Claß, dem einflussreichen Vorsitzenden des rechtsextremen Alldeutschen Verbandes. Er forderte Mitte September, Russland müsse "auf die Grenzen vor Peters des Großen Zeit zurückgeworfen" werden. In den zu annektierenden Gebieten solle die einheimische Bevölkerung weichen, um Platz für deutsche Siedler zu schaffen. Völkerrechtliche Bedenken waren Claß fremd: "Die staatlichen Dinge sind keine Beschäftigung für Nervenschwache und Gefühlsmenschen – sie sind ein hartes Geschäft, das so besorgt sein will, daß das eigene Volk dabei am besten fährt."

Mit dem Scheitern des deutschen Feldzugsplans in Frankreich verschwanden allerdings die Voraussetzungen für solch uferlose Pläne. Am 27. Oktober 1914 musste Riezler in einem Brief an seine Verlobte daher einräumen: "Der Traum des Sieges nach allen drei Seiten ist jedenfalls aus – mit dem Versuch, Deutschland an die erste Stelle zu bringen, ist es auch nichts."