Grell sind die Schreie, schrill. Vera hält sich die Ohren zu und betrachtet die Szene wie einen Stummfilm: Sie sieht die Menschen auf den Straßen, wie sie zwischen herumliegenden Backsteinen umherirren, sich an ihre Möbel klammern, an die wenigen Dinge, die ihnen geblieben sind. Sie sieht Kinder, manche ein paar Jahre jünger als sie, manche ein paar Jahre älter. Dünne Beine, Angst in den Gesichtern. Sie weiß, wer diese Leute sind: Das sind die Deutschen, und sie müssen weg.

Vera ist damals neun Jahre alt. Die Deutschen: Seit sie mit ihrer Familie wenige Jahre zuvor in die Stadt gekommen ist, hat sie Abstand zu ihnen gehalten. Nie hat sich ein deutsches Kind zu ihnen, den sowjetischen Kindern, getraut. Nie haben sie miteinander Ball gespielt, obwohl sie einander neugierig beäugten. Vera weiß nicht, wohin sie nun ziehen müssen. Sie weiß nur, sie werden verjagt aus dem zerbombten Königsberg, das mittlerweile Kaliningrad heißt und nicht mehr zu Deutschland gehört, sondern zur Sowjetunion, ihrer Heimat. Und doch spürt das Mädchen, dass Kaliningrad anders ist als die Sowjetunion, die sie bislang kannte. Die steinernen Häuser, die grünen Obstbäume, niemals zuvor hatte sie so etwas gesehen. Eine solche Pracht inmitten der Zerstörung.

In zwei Augustnächten hatten britische Bomber 1944 Königsberg, die Hauptstadt Ostpreußens, in ein Flammenmeer verwandelt. Der Dom, das mittelalterliche Schloss, die alten Gassen – zerstört. Die einst 360.000 Einwohner – obdachlos oder geflohen. Im April 1945 stürmten 240.000 Rotarmisten die Stadt.

Bereits im Ersten Weltkrieg war Ostpreußen ein Zankapfel zwischen Russland und Deutschland; im Herbst 1914 wurde es als einzige Provinz des Kaiserreichs zum Schlachtfeld. Nach der Kriegsniederlage blieb das Grenzland, einst vom Deutschen Orden mit dem Schwert christianisiert, zwar deutsch, wurde aber vom Reichsgebiet getrennt, eine Enklave an der Ostsee, eingezwängt zwischen Polen und Litauen. Das Potsdamer Abkommen von 1945 schließlich teilte Ostpreußen zwischen Polen und der Sowjetunion auf. Aus dem östlichsten Winkel Deutschlands wurde der westlichste des Sowjetreichs.

Vera Schatan, die 1948 die Vertreibung der Deutschen aus der Stadt beobachtete, ist heute 76 Jahre alt. Sie hat ihr Leben in Kaliningrad verbracht, hat als Korrekturleserin bei der Kaliningradskaja Prawda gearbeitet, dem führenden Blatt der Provinz. In ihrer Vierzimmerwohnung an der Bankenstraße im Nordwesten der Stadt, wo vieles noch an das alte ostpreußische Stadtbild erinnert, blickt sie zurück. Sie hat das zerstörte Königsberg noch vor Augen. 1946: Michail Kalinin, der langjährige Vorsitzende des Obersten Sowjets, dessen Namen die Stadt nun trug, war gerade erst gestorben; ostpreußischen Boden hatte er nie betreten. Im selben Jahr wurde Kaliningrad Vera Schatans neue Heimat.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 3/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Aus Stalinsk, dem südsibirischen Kohlerevier, war ihr Vater auf Anordnung der Partei nach Ostpreußen versetzt worden. Die Neusiedler kamen aus dem ganzen Land und machten die Region Kaliningrad zu einer Sowjetunion im Kleinen. Für die Schatans begann ein kurzes Leben in einer Villa mit schweren hölzernen Möbeln und einem Garten. "Man konnte in jedes deutsche Haus hineingehen und sich alles nehmen", sagt Vera Schatan.

Noch heute begleiten sie ostpreußische Erinnerungsstücke. Eine Vase, deren Henkel abgebrochen ist, Rahmen, Porzellanfigürchen. In ihrem Wohnzimmer hängt ein Bild vom Königsberger Schloss, diesem einstigen Wahrzeichen der Stadt aus dem 13. Jahrhundert, dessen Ruinen der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew 1968 sprengen ließ. Es führt ihr stets vor Augen, welches Erbe ihre geliebte Stadt trägt. Ihr Kaliningrad, das für ihre Enkelin Rita nur "König" heißt. Weil das wahrhaftiger klinge, irgendwie cooler.

Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion legen Kaliningrader aller Generationen die verschütteten Spuren der Geschichte wieder offen: Menschen, die in dieser Gegend geboren sind, die als Kinder zwischen den dicken Bäumen der langen Alleen Fangen gespielt haben und nun nicht mit ansehen wollen, wie diese Bäume breiteren Straßen Platz machen. Menschen, die auf alten Bildern entdeckt haben, wie ihre Stadt vor der Zerstörung durch britische Bomber und sowjetische Stadtplaner aussah, und die dafür kämpfen, das alte Antlitz wenigstens in einigen Zügen wiederherzustellen.

Sie tun das, um einen Teil ihrer eigenen Identität zu retten. Denn diese Identität ist für sie keineswegs einfach eine postsowjetische oder russische. In diesem Teil Russlands fällt öfter einmal der Satz: "In Russland bin ich nicht so oft." Warum auch, wenn es mittlerweile viel einfacher ist, in Polen einzukaufen, als mit dem Zug in die russische Hauptstadt zu fahren. Moskau ist 1200 Kilometer von Kaliningrad entfernt, Berlin nur halb so weit. Wer in Kaliningrad zu Hause ist, führt ein Inselleben.

Rund eine Million Einwohner hat der Bezirk. Seine nichtsowjetische Vorgeschichte wollte die UdSSR vergessen machen. Doch die Vergangenheit ließ sich nicht wegdekretieren. Sie fand sich im alten ostpreußischen Besteck, in Büchern auf dem Dachboden, mochten sie auch auf Deutsch und damit für viele unverständlich sein. Für manche wurden sie ein Grund mehr, die "Feindessprache" zu lernen.

Was hat es nur mit diesem Königsberg auf sich, fragten sie sich, was mit Rauschen, mit Cranz, mit Eylau, Orten, denen die sowjetische Führung Namen wie Swetlogorsk, Bagrationowsk und Selenogradsk gegeben hatte? Was sind das für Kirchen in den Dörfern? Was für Burgruinen? Kaum jemand wusste etwas dazu zu sagen, die Menschen aber wurden fündig. Wie eine Welle brach die Vergangenheit in den neunziger Jahren über sie herein. Sie zeichneten alte Stadtansichten nach, übersetzten deutsche Bücher, empfingen Ostpreußen, die nach 1989 zum ersten Mal in ihre frühere Heimat zurückkehrten, um zu sehen, was aus ihren Höfen und Häusern geworden war.