Ist die Ukraine ein eigenständiger Staat? Wladimir Putin ist offensichtlich nicht dieser Meinung – die aggressive Politik des russischen Präsidenten auf der Krim und in der Ostukraine lässt keinen anderen Schluss zu. Am liebsten würde er die Ukraine wohl unter russische Oberhoheit stellen mit allenfalls begrenzter Selbstverwaltung.

In den vergangenen 250 Jahren sahen viele russische Politiker das ganz ähnlich: Innenminister Pjotr A. Walujew ging 1863 sogar so weit, Bücher für ein breites Publikum in ukrainischer Sprache zu verbieten, insbesondere Bibeln und Schulbücher. Nur im damals österreichischen Lemberg konnte sich eine ukrainische Kultur frei entfalten. Mit Verboten ließ sich allerdings der Drang vieler Ukrainer nach Respektierung ihrer Eigenart nicht unterdrücken. So musste im Gefolge der Revolution von 1905 die Zensur etwas gelockert werden; ukrainische Parteien wurden wieder erlaubt.

Nach dem Zusammenbruch der zaristischen Autokratie im März 1917 drängten in fast allen nicht russischen Völkern lange angestaute nationale Sehnsüchte an die Oberfläche. In Kiew gründeten nach der Abdankung von Zar Nikolaus II. Repräsentanten verschiedener ukrainischer Organisationen eine zentrale Rada, also einen Rat, um ihre Aktivitäten in Zukunft zu koordinieren. Zum Präsidenten wählten sie den Historiker Mychajlo Hruschewskyj, der in seinen Büchern die Eigenständigkeit der Ukraine auch geschichtlich begründet hatte.

Immer mehr Parteien, Berufs-, Wirtschafts- und Bildungsorganisationen, Vertreter nationaler Minderheiten und viele der sich überall bildenden Arbeiter-, Soldaten- und Bauernräte entsandten Delegierte in die Rada. Politisch blieb sie moderat, es ging ihr um Autonomie innerhalb einer "föderativen und demokratischen Russländischen Republik". Allerdings war offen, was darunter im Einzelnen zu verstehen sei.

Es dauerte nicht lange, bis es zu Konflikten mit der russischen provisorischen Regierung in Petrograd (St. Petersburg) kam – immerhin befand sich das Russische Reich nach wie vor im Krieg mit den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn. Im Juni lehnte die Petrograder Regierung denn auch alle ukrainischen Forderungen nach mehr Selbstbestimmung ab und erklärte, nur eine noch zu wählende verfassunggebende Versammlung könne Reformen beschließen. Ein ähnlicher Bescheid erging an die Balten und andere nach Autonomie strebende "Randvölker". Doch diese Abfuhr verstärkte nur die zentrifugalen Tendenzen. Am 15. Juni setzte die Rada ein Generalsekretariat als vorläufige Regierung ein. Die meisten Posten gingen an Sozialdemokraten und Sozialrevolutionäre.

Dass die provisorische Regierung in Petrograd den Krieg gegen Deutschland und das Habsburgerreich fortführte, war eine bittere Enttäuschung für Millionen von Menschen, die nach dem Sturz des Zaren auf einen schnellen Frieden gehofft hatten. Am 2. Juli starteten die russischen Truppen eine erneute Offensive. Doch die brach schon nach wenigen Tagen zusammen. Die Armee begann zu zerfallen. Dmytro I. Doroschenko, Zeitgenosse und Chronist der Ereignisse, schrieb, im Spätsommer 1917 hätten "alle vom Zentrum ausgehenden Aufrufe zu Ordnung, Ruhe und Abwarten [...] jegliche Kraft verloren. Allerorts kam es zu Unruhen: Raub von Vieh und Vermögen der Gutsherren, eigenmächtige Aneignungen von Land, Waldrodungen, Brandstiftungen und Plünderungen von Spirituosenbrennereien."

Die Ukrainer nutzten diese desolate Lage, um ihre Forderungen in die Höhe zu schrauben. Auf dem Dritten Allukrainischen Militärkongress am 20. Oktober stimmten die versammelten Soldatenräte für eine "Ukrainische Demokratische Republik". In Petrograd sah man dies mit Sorge. Eine gesamtrussische Partei aber unterstützte die ukrainische Sache vorbehaltlos: die der Bolschewiki. Für deren Anführer Wladimir I. Uljanow, genannt Lenin, war nationale Selbstständigkeit zwar ein Begriff des bürgerlichen Zeitalters, aber damit hatte er eben auch seine Berechtigung, solange dieses bürgerliche Zeitalter andauerte – und solange es den Zielen seiner Partei dienlich war. Ähnliche Argumente fand Lenin für die Aufteilung des Bodens an bäuerliche Klein- und Kleinstbetriebe, die Kontrolle von Arbeitern in der Industrie oder die Wahl der Offiziere in der Armee. Die Bolschewiki verfügten damit neben ihrer Hauptforderung, "Alle Macht den Räten!", über mächtige Losungen für jede nur erdenkliche Situation.

Am 7. November 1917 schließlich putschten sich die Bolschewiki in Petrograd an die Macht. Ein Coup-Versuch in Kiew scheiterte jedoch. Die Rada antwortete am 20. November: "Von jetzt an wird es eine Ukrainische Volksrepublik geben [...]. Bis die ukrainische konstituierende Versammlung zusammentritt, gehört alle Macht zur Aufrechterhaltung der Ordnung, zur Verkündigung von Gesetzen, alle Regierungsgewalt in unserem Lande uns, der ukrainischen Zentralrada".

Dieser Text stammt aus dem ZEIT Geschichte Magazin 3/15, das am Kiosk erhältlich ist.

Bei den Wahlen zur allrussischen verfassunggebenden Versammlung Ende November stimmte in der Ukraine nur jeder Zehnte für die Bolschewiki, ukrainische Parteien dagegen erhielten 67 Prozent. Die Zentralrada besaß somit demokratische Legitimität. Nichtsdestoweniger schickte Lenins Regierung am 17. Dezember ein Schreiben, in dem sie zuerst feierlich das Recht aller Völker auf Selbstbestimmung bekräftigte, "einschließlich des Rechtes auf Lostrennung von Russland", dann aber Forderungen formulierte, die auf die militärische Unterwerfung der Rada hinausliefen. Frist: 48 Stunden, andernfalls Kriegserklärung.

Der Allukrainische Kongress der Räte, der gleichzeitig in Kiew tagte, lehnte das Ultimatum rundweg ab. Die Bolschewiki, die in diesem Kongress nur 86 von 300 Abgeordneten stellten, reisten daraufhin nach Charkiw und riefen kurzerhand einen eigenen Rätekongress aus, welcher der Rada den Krieg erklärte. Verstärkt durch Soldaten aus Russland, begannen die ukrainischen Bolschewiki den Vormarsch auf Kiew. Das Land taumelte in den Bürgerkrieg.

"Es ist der komischste Krieg, den ich je erlebt habe"

Das Schicksal der Ukraine hing nun vom bolschewistischen Russland ab – und vom Verhalten der Mittelmächte. In Brest-Litowsk hatten die Kriegsgegner inzwischen Friedensverhandlungen begonnen. Doch die Frage, was mit der Ukraine geschehen sollte, war für die Deutschen zunächst nicht vordringlich.

Bei Kriegsbeginn Anfang September 1914 hatte der damalige Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg zwar eine Liste deutscher Kriegsziele vorgelegt, in der es hieß, Russland solle "von der deutschen Grenze nach Möglichkeit abgedrängt und seine Herrschaft über die nichtrussischen Vasallenvölker gebrochen werden". Genaueres aber formulierte er nicht. Noch am 29. November 1917, als Reichskanzler Georg Graf Hertling vor dem Reichstag salomonisch erklärte, Deutschland wolle das Selbstbestimmungsrecht Polens, Litauens und Kurlands (einer historischen Landschaft im heutigen Lettland) respektieren, blieb die Ukraine außen vor. Auch Erich Ludendorff, der für die Oberste Heeresleitung rabiate Forderungen erhob, äußerte sich nicht zur Ukraine. Lediglich der Staatssekretär Richard von Kühlmann im Auswärtigen Amt hatte das Problem der Ukraine erkannt, wollte die Unabhängigkeit des Landes aber nur nach Absprache mit den Bolschewiki anerkennen.

Am 3. Januar 1918 schließlich erteilte Kaiser Wilhelm II. die Anweisung, "einstweilen mit den Ukrainern zu verhandeln und mit ihnen wo möglich ein Bündnis zu schließen". Eine unabhängige Ukraine, kalkulierte man in Berlin, würde Russland schwächen und könnte Getreide und Lebensmittel an die hungergeplagten Mittelmächte liefern. Die Schwerindustrie hoffte auf Mangan- und Eisenerz. Am 9. Februar wurde der Separatfrieden zwischen den Mittelmächten und der Ukraine geschlossen. Die Verhandlungen in Brest-Litowsk brachen daraufhin zusammen.

Leo D. Trotzki, dem bolschewistischen Verhandlungsführer, kam dies durchaus zupass, konnten die Bolschewiki die unklare Situation doch dafür nutzen, vor einem Friedensschluss noch schnell Tatsachen zu schaffen und ihre Macht zu festigen. Bereits am 16. Februar lief in Berlin und Wien ein offizielles Hilfegesuch der mittlerweile aus Kiew verdrängten Rada ein: Bolschewistische Truppen waren in die ukrainische Hauptstadt einmarschiert und hatten etwa 900 "weiße" Politiker, Offiziere und andere "Konterrevolutionäre" erschossen.

Die Deutschen reagierten, indem sie eine Offensive an der gesamten Ostfront starteten. Die Bolschewiki hatten dem praktisch nichts entgegenzusetzen. "Es ist der komischste Krieg, den ich je erlebt habe", schrieb der deutsche Generalstabschef des Oberkommandos Ost (Ober Ost), Max Hoffmann. "Man setzt eine Handvoll Infanteristen mit Maschinengewehren und einer Kanone auf die Bahn und fährt los bis zur nächsten Station, nimmt die, verhaftet die Bolschewiki, zieht mit der Bahn weitere Truppen nach und fährt weiter." Bereits am 3. März war Kiew eingenommen, die Rada konnte zurückkehren.

Am selben Tag mussten die Bolschewiki den Vertrag von Brest-Litowsk unterzeichnen und die Unabhängigkeit Finnlands, der baltischen Gebiete, Polens und der Ukraine anerkennen. In einem Zusatzfrieden kam im August noch Georgien dazu. Russland verlor damit ein Drittel seiner Bevölkerung. Ohne einzelne Gebiete direkt zu annektieren und mit dem maliziösen Hinweis, man achte "das Selbstbestimmungsrecht der Völker", dehnte Deutschland seinen Einflussbereich weit nach Osten aus. Die Ukraine sollte als Kornkammer dienen, im Kaukasus hoffte man auf Öl.

Vorerst aber drohte das Land im Chaos zu versinken. Der deutsche Journalist Colin Ross berichtete der Armeeführung, die Ukraine sei zersplittert in Bezirke, Städte, Dörfer: "In diesen Gebieten gehört die Macht einzelnen politischen Parteien, einzelnen politischen Abenteurern, Räubern und Diktatoren. Man trifft auf von Schützengräben umgebene Dörfer, die wegen des Lands der Grundbesitzer Krieg miteinander führen. Einzelne Atamane herrschen über Gebiete, deren Unterwerfung sie mithilfe von Vertrauensleuten und Söldnern erzwingen. Sie verfügen über Maschinengewehre, Geschütze und Panzerfahrzeuge, wie sich die Bevölkerung überhaupt eine Menge Waffen verschafft hat."

Im deutschen Außenministerium kam man zu dem Schluss, es sei ausgeschlossen, "dass die Rada mit ihren eigenen Behörden in der Lage ist, die Lieferung und den Transport der Lebensmittel zu gewährleisten". Deutsche sowie österreichisch-ungarische Diplomaten und Militärs in Kiew entschieden daher, dass eine Zusammenarbeit mit der gegenwärtigen ukrainischen Regierung nicht mehr möglich sei. Eine neue Regierung musste her.

Schon seit einiger Zeit waren die Deutschen in Kontakt mit Pawlo Skoropadskyj, einem zaristischen General, der einige ukrainische Einheiten kommandierte. Unterstützt von deutschen Truppen, organisierte Skoropadskyj nun einen Militärputsch. Am 29. April ließ er sich auf einem "Kongress der Ackerbauern und Eigentümer" zum "Hetman" ausrufen – so hatten sich im 17. Jahrhundert die Herrscher eines unabhängigen Kosakenstaates am Dnjepr bezeichnet.

Viele Ukrainer begrüßten die deutschen Truppen als Befreier vom Bolschewismus

Die Anhängerschaft Skoropadskyjs war klein: Grundbesitzer und wohlhabende Bauern, Industrielle, Bürokraten, Offiziere und Kosakengruppen. Die liberale Partei der Konstitutionellen Demokraten stellte ihm Minister. Skoropadskyj blieb von deutschem und österreichischem Militär abhängig, wollte er das riesige Land unter seine Kontrolle bringen.

Überall flammten Kämpfe zwischen Besatzungstruppen und bolschewistischen Einheiten auf, auch Zivilisten kamen ums Leben. Grund dafür war unter anderem der völlige Zusammenbruch der Textilindustrie: "Die Verhältnisse im neuen Operationsgebiet liegen insofern schwierig", hieß es in einer Anordnung der zweiten deutschen Kavalleriedivision, "als die Landeseinwohner aus Mangel an Bekleidungsstücken vielfach russische Militäruniformen tragen und die Truppen der Rada sich von den Banden der Bolschewiki nicht durch äußere Abzeichen unterscheiden."

Auch das umgekehrte Problem gab es: dass bolschewistische Truppen aus Mangel an Uniformen in Zivil kämpften. Die Besatzungstruppen reagierten darauf zunehmend brutal. Der Angriff auf österreichisch-ungarische Truppen durch "nicht befugte Personen" – also auch durch Soldaten, die, anders als im Kriegsrecht vorgeschrieben, nicht als solche zu erkennen waren – sei ein derart schweres Verbrechen, dass es "nur durch sofortiges Niedermachen gesühnt werden kann", hieß es in einem Befehl an eine Infanteriedivision. Bald war das Erschießen von bolschewistischen Gefangenen, "Justifizieren" im österreichischen Jargon, an der Tagesordnung.

Den deutschen Truppen gelang es, ihre Zone bis Ende August 1918 weitgehend zu beruhigen. Gewalttätige Übergriffe waren dabei eher die Ausnahme; Fälle, in denen ganze Dörfer ausgelöscht wurden, wie später im Zweiten Weltkrieg, sind nicht bekannt. "In der Ukraine ist’s gegenwärtig so friedlich und ruhig, dass sich’s recht angenehm leben ließe, wenn nicht die Ungewissheit von den anderen Kriegsschauplätzen und von Berlin her auch hier ihre Schatten werfen würde", schrieb General Wilhelm Groener im Oktober an seine Frau.

In der Tat begrüßten viele Ukrainer – nicht zuletzt viele Juden – die deutschen Truppen als Befreier vom Bolschewismus und als Ordnungsmacht. Selbst heute noch wird die Herrschaft Skoropadskyjs, der die ukrainische Sprache förderte und Universitäten gründetete, als "eine Periode einigermaßen systematischer und durchdachter Anstrengungen zur Schaffung einer ukrainischen Eigenstaatlichkeit" beschrieben, etwa von dem ukrainischen Historiker Georgyj Kasjanow. Im "ukrainischen Staat" des Hetmans sieht er ein "Gebiet relativer Ruhe und Ordnung" – was freilich nicht vergessen machen darf, dass es sich um eine Militärdiktatur unter deutsch-österreichischer Führung handelte, die mit der Förderung einer gewissen "ukrainischen Eigenstaatlichkeit" durchaus Eigeninteressen verband.

Mit der Kriegsniederlage des Kaiserreichs im November 1918 endete diese deutsche Episode in der Ukraine, und der Machtkampf begann von Neuem: In der Nacht zum 14. November bildeten Sozialrevolutionäre, Sozialdemokraten und andere linke Parteien ein "Direktorium". Aus der Provinz heraus proklamierten sie am 27. November eine allgemeine Mobilmachung. Oberster "Ataman" ihrer Truppen wurde der sozialdemokratische Journalist Symon Petljura. Er versprach allen Bauern, die sich "rechtzeitig" seinen Truppen anschlossen, eine Landparzelle und konnte sich so während des Aufstandes auf eine breite Anhängerschaft stützen. Bereits Mitte Dezember rückten Petljura und seine Truppen in Kiew ein.

Wie so oft jedoch zeigte sich, dass es das eine war, die Macht zu übernehmen, und das andere, sie zu behalten. Denn als die Bauernsoldaten zurück in ihre Dörfer gingen, zerfiel die Ukraine wie zur Zeit der Rada in lokale Republiken. Es kam zu Aufständen und antisemitischen Pogromen. Zwar gab Petljura im Juli 1919 einen Befehl heraus, in dem er jede Pogromhetze untersagte. Doch es half wenig.

Die Bolschewiki verstanden das Machtvakuum für sich zu nutzen. Sie verfügten mittlerweile über eine straffe Organisation und kontrollierten die meisten Bevölkerungs- und Industriezentren in Russland. Schon im Februar 1919 nahmen sie Kiew erneut ein und drängten das Direktorium auf ein kleines Gebiet im Südwesten zurück.

Jedes nationale Bestreben wurde von Stalin brutal bekämpft

Nur eine letzte Gelegenheit, Boden gutzumachen, bot sich Petljura noch: als ihm Polens Staatschef Józef Piłsudski 1920 ein Bündnis vorschlug. Alles deutete darauf hin, dass das sowjetische Russland Truppen an der Grenze zu Polen zusammenzog. Piłsudski entschloss sich zu einem Präventivkrieg und versprach Petljura Unterstützung bei der Wiedererrichtung der "Volksrepublik" – allerdings ohne die westukrainischen Gebiete, die seit 1919 polnisch besetzt waren.

Am 25. April 1920 überschritten polnische und ukrainische Einheiten die Grenze, am 7. Mai rückten sie in Kiew ein. Die Rote Armee war überrumpelt. Doch sie erholte sich rasch. Bereits am 4. Juli begann der Gegenangriff aus Weißrussland heraus. Die polnischen Linien brachen zusammen, der Weg nach Warschau schien frei. Trotzki, mittlerweile Kriegskommissar, instruierte die Fronttruppen am 17. Juli, es gelte, den Druck zu erhöhen, "um das weißgardistische Polen schneller zu zerschlagen und den polnischen Arbeitern und Bauern Hilfe bei der Errichtung eines sowjetischen Polens zu leisten". Am 17. August aber konnte eine polnische Offensive die Rote Armee vor Warschau in die Flucht schlagen. Die Front stabilisierte sich auf ukrainischem und weißrussischem Gebiet. Im März 1921 schließlich wurde in Riga ein Friedensvertrag unterzeichnet, der Polen die "polnischen" Gebiete der Ukraine zusprach.

Die Restukraine war fortan ein Teil des zukünftigen Sowjetimperiums und damit abhängig von Moskau. 1922 diskutierte die bolschewistische Führung über die Ordnung der "Randgebiete", also derjenigen Teile des Reiches, in denen nicht russische Völker lebten. Stalin schlug vor, sie als "autonome Gebiete" in die russische Sowjetrepublik einzugliedern. Alles andere produziere nur Unordnung. Lenin dagegen bestand auf einer Union "gleichberechtigter Sowjetrepubliken". Er hoffte, auf diese Weise die starken nationalen Strömungen zu neutralisieren.

Im Dezember wurde eine entsprechende Verfassung verabschiedet. In demonstrativer Abgrenzung von der Politik des Zarenreiches wurden nun die ukrainische Sprache und Kultur gefördert. Die zwanziger Jahre waren eine Blütezeit der ukrainischen Geistesgeschichte. Und auch wirtschaftlich erholte sich das Land. Bereits 1921 hatte Lenin die "Neue Ökonomische Politik" eingeführt: Bauern mussten nur noch einen Teil ihrer Ernte abgeben und durften den Rest frei verkaufen. Die Bauernaufstände, die den Bolschewiki immer wieder zu schaffen gemacht hatten, flauten ab.

Stalin setzte all dem zu Beginn der dreißiger Jahre ein Ende. Jedes nationale Bestreben wurde nun brutal bekämpft, die Landwirtschaft ohne jede Rücksicht zwangskollektiviert. Die Folge war eine Katastrophe: Während des sogenannten Holodomor, einer durch erzwungene Getreideexporte verursachten Hungersnot, kamen in der Ukraine von 1932 an schätzungsweise 3,5 Millionen Menschen ums Leben.

Angesichts dieses Leids und der verbreiteten positiven Erinnerung an die deutsche Besatzungszeit am Ende des Ersten Weltkriegs kann es kaum überraschen, dass viele Ukrainer die Nazis zunächst willkommen hießen, als diese 1941 ins Land einfielen, und etliche sogar mit ihnen kollaborierten. So wie einst Pawlo Skoropadskyj mithilfe der Mittelmächte das Land befriedet hatte, hofften sie, würde die Wehrmacht sie nun vom stalinistischen Terror befreien. Schnell mussten sie feststellen, dass die Deutschen als mindestens ebenso brutale Besatzer kamen.

Als die Sowjetunion zerfiel, forderten die nicht russischen Gebiete erneut ihre Eigenständigkeit. Die Grenzen, die daraufhin gezogen wurden, ähnelten deutlich denen von Brest-Litowsk 1918. Im Dezember 1991 stimmten 90 Prozent der Ukrainer für die nationale Unabhängigkeit.

Der Übergang zu Demokratie und Marktwirtschaft indes verlief quälend langsam. Erst mit der Maidan-Revolution im Frühjahr 2014 gelang ein Durchbruch. Wie selbstständig die Ukraine in Zukunft sein kann, ist unterdessen noch immer – oder schon wieder – unklar: Mit Spezialtruppen, Waffen, Geld und kompletten Armee-Einheiten interveniert Wladimir Putin seit 2014 in ukrainischen Gebieten mit russischsprachiger Bevölkerung, um die Hinwendung der Ukraine zum Westen zu verhindern. Am 16. September 2014 ratifizierte die Rada, heute ein gewähltes Parlament, dennoch einstimmig den Assoziierungsvertrag mit der EU, und bei den Parlamentswahlen im Oktober 2014 erreichten proeuropäische Parteien eine überwältigende Mehrheit. Nicht zuletzt wegen Putins Aggression sind die Ukrainer heute in grundsätzlichen Fragen so geeint wie nie.