Auf unseren Feldern in Anhil, Provinz Mardin, im Süden der Türkei, standen fetter Weizen, goldene Gerste und Erbsen, die so prall und rund wurden, dass man sie für Murmeln halten konnte. Im Herbst zogen wir mit der Familie durch den Weinberg hinterm Haus, pflückten die Trauben, die wir aßen oder zu Rosinen werden ließen und auf dem Markt verkauften. Nichts in Anhil aber schmeckte so gut wie die Feigen. Die Türken nennen den Ort deswegen Yemişli, das Feigenreich.

Ich bin im Sommer 1972 nach Deutschland gekommen, ich weiß das Datum noch genau, es war der 28. Mai. Am ersten Juni sollte ich zu arbeiten beginnen, in einer Gärtnerei in Augsburg. Ich war 17 Jahre alt. Unser Zug rollte in den Hauptbahnhof von München ein, ganz hinten, auf dem letzten Gleis, und man brachte uns in einen Raum im Keller. Da warteten wir auf die Verwandten. Ich hatte einen Vertrag für ein Jahr; wenn ich tüchtig bin, hieß es, kann ich länger bleiben.

Gebro Aydin © privat

Wir waren zwanzig Gastarbeiter in der Gärtnerei: zwei Spanier, drei Portugiesen, ein Italiener. Der Rest Türken. Ich galt auch als Türke. Aber das bin ich nicht. Ich bin Assyrer. Morgens nahmen wir unsere Schaufeln, Spaten, Gabeln, die Rechen und harkten durch die Beete in der Baumschule. Ich arbeitete viel, darum war ich ja da. Mein Chef machte mich zum Vorarbeiter. Ich sprach schon nach ein paar Wochen etwas Deutsch und sog die Wörter der Dinge auf, die mich umgaben: Erde, Beet, Laub, Wasser, Pflanzen. Tannen, Fichten, Ahorn, Buchen, Birken, Ulmen, Obst. Zwetschgen, Birnen, Äpfel.

Ich hatte immer ein kleines Wörterbuch dabei, Türkisch-Deutsch, da habe ich reingeschrieben, was ich hörte, in der Straßenbahn, beim Einkaufen, bei der Arbeit. Einige Deutsche dachten, ich verstünde sie besser, wenn sie falsch, laut und viel zu langsam sprachen: "Du – holen – diese", "Heute – machen – Schluss – sechs" und so ein Unsinn. Mein Chef gewöhnte sich das schnell ab, Gott sei Dank. In meinem Büchlein schrieb ich alles so auf, wie ich es verstand – nicht, wie man es schreibt. Es wurde mein Lexikon. Sprechen habe ich so prima gelernt. Wenn ich auf Deutsch schreibe, verwechsele ich aber immer noch Groß und Klein.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 4/15.

Als ich nach Augsburg kam, beherrschte ich Syrisch, das ist meine Muttersprache; in Deutschland nennt man es auch Aramäisch. Außerdem Türkisch, Kurdisch und ein wenig Arabisch. In der Dorfschule in der Türkei durfte ich kein Syrisch sprechen, und ich verschwieg damals alles, was mit den Assyrern zu tun hatte: dass wir Christen sind. Dass unser Volk nur knapp der Vernichtung durch die Truppen des Osmanischen Reichs entgangen ist, 1915. Dass es unsere Vorfahren waren, die zwischen Euphrat und Tigris lebten, die Ninive aufbauten und Babylon eroberten, vor mehr als zweitausend Jahren. Als ich zum ersten Mal einem Augsburger davon erzählte, fragte er: "Assyrer? Euch gibt es noch?"

In der Gärtnerei konnte ich bald Gärten gestalten. Neben Deutsch lernte ich nun auch Latein: Bis heute kann ich die meisten Pflanzen bei ihren zwei Namen nennen. Besonders mochten die Augsburger damals Fichten im Garten haben, picea omorika, die serbische Fichte – die kannte ich zuerst.

Ich heiratete, unser erstes Kind kam in Augsburg zur Welt. Auch das zweite, dritte, das vierte und das fünfte. Im Sommer fuhren wir zwar meist nach Anhil, und das Haus meiner Eltern haben wir bis heute nicht verkauft, aber irgendwann war klar, dass wir in Augsburg bleiben würden. Augsburg ist ein sehr guter Ort für die Assyrer. 1991 machte ich mich als Gärtner selbstständig: "Gebro Aydin, Gartenbau und Pflege".

Vor nicht allzu langer Zeit haben wir ein Haus in Augsburg gekauft; da wohnt die ganze Familie. Im Garten, der nicht groß ist, steht eine Zwetschge, ein Apfelbaum, ein Birnenbaum, sogar ein wenig Wein wächst an der Wand. Ganz besonders aber mag ich das, was da ganz links steht, wo die meiste Sonne hinkommt: eine richtige Feige. Wenn der Sommer warm genug ist, trägt sie sogar Früchte.

Aufgezeichnet von Markus Flohr