"Sogar die Glühbirnen wurden von den französischen Kolonialbeamten herausgeschraubt", erzählte Anfang 1960 der Pionierleiter den Schülern der dritten Klasse einer Ost-Berliner Schule. "Kein Bleistiftanspitzer und kein Radiergummi sollte dem unabhängigen Guinea zur Verfügung stehen." Klar, dass die sozialistischen Länder hier helfen mussten, allen voran die Jungen Pioniere aus der DDR.

Am 2. Oktober 1958 hatte Guinea seine Unabhängigkeit von Frankreich erklärt. Die alte Kolonialmacht zog alle Mitarbeiter ab. Ahmed Sékou Touré, der neue Staatspräsident, suchte Hilfe im Ostblock. Die DDR, die nach jedem Zipfelchen internationaler Anerkennung gierte, sprang in die Lücke und schickte Helfer und Material. Und was die DDR tat, das tat sie mit viel Getöse. Die Kampagne "Jugend hilft Afrika" lief auf allen Kanälen.

Der Kinderfunk des Berliner Rundfunks startete die "Aktion Sily". Sily bedeutete "großer Elefant" und stand für das junge Guinea, aber auch für Touré, der angeblich im Volke so genannt wurde. Sogar auf dem Berliner Weihnachtsmarkt erblickte man zwischen nachgemachten Palmen einen echten Elefanten dieses Namens. Dort konnten die Schulkinder Spenden abgeben. Eine halbe Million Schulhefte, 100.000 Bleistifte und 50.000 Zeichenblocks wurden gesammelt und nach Afrika geschickt. Ich weiß nicht mehr, ob in unserer Klasse jemand mit einem Pappkarton durch die Bankreihen ging, um abgenagte Bleistiftstummel einzusammeln. Ich glaube eher, wir zogen wie so oft mit dem Handwagen von Haus zu Haus und sammelten Altstoffe. Die Ergebnisse wurden auf Wandzeitungen und bei Fahnenappellen stolz verkündet.

Die Erinnerungen vermischen sich mit anderen Aktionen dieser Art. Eine jagte die nächste, es wechselten nur die Akteure und die Länder. Es ging um den Freiheitskampf in Algerien, um das tapfere Kuba, um das heldenhaft kämpfende Volk in Vietnam, um Nicaragua, um das Chile der Unidad Popular oder allgemein um die Befreiung der Welt von kolonialer und neokolonialer Ausbeutung. Vierzig Jahre lang waren die Völker Asiens, Afrikas und Lateinamerikas in den Medien allgegenwärtig – im realen Leben des eigenen Landes waren sie nicht vorhanden. Auch ihre Heimatländer waren für den Normalbürger unerreichbar. Die DDR-Bewohner hatten eine von oben verordnete Weltanschauung, aber die Welt anschauen durften sie nicht.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 4/15.

Dabei gab es auch in der DDR einige wenige politische Exilanten. In der Verfassung von 1949 hieß es: "Fremde Staatsbürger werden weder ausgeliefert noch ausgewiesen, wenn sie wegen ihres Kampfes für die in dieser Verfassung niedergelegten Grundsätze im Ausland verfolgt werden." Vorsichtiger formulierte es die Verfassung von 1968: "Die DDR kann Bürgern anderer Staaten oder Staatenlosen Asyl gewähren, wenn sie wegen politischer, wissenschaftlicher oder kultureller Tätigkeit zur Verteidigung des Friedens, der Demokratie, der Interessen des werktätigen Volkes oder wegen ihrer Teilnahme am sozialen oder nationalen Befreiungskampf verfolgt werden."

1950 erhielten einige spanische Kommunisten Asyl. Einige blieben auf Dauer. Doch mit dem Richtungswechsel der spanischen KP zum demokratischen Sozialismus wurden sie für die SED zum Ärgernis. Nach Francos Tod war man froh, sie in ihre Heimat verabschieden zu können.

Größer war die Zahl der Bürgerkriegsflüchtlinge aus Griechenland. Nach der Niederlage der griechischen Kommunisten 1948 flohen ungefähr 100.000 Partisanen und Zivilisten, die meisten fanden in der Sowjetunion und der Tschechoslowakei ein dauerhaftes Exil. Die DDR erklärte sich bereit, 1.200 Kinder aufzunehmen. Manche kamen mit ihren Familien, andere hatten ihre Eltern verloren. Perikles Fotopoulos, einer der populärsten DDR-Schlagersänger der sechziger Jahre, stammte aus einer griechischen Emigrantenfamilie.