Nachdem ich meine Manuskripte, unter den Spielsachen der Kinder versteckt, durch den rumänischen Zoll gebracht hatte, war ich etwas ruhiger. Die Beamtin, die sich um den Transport unseres Hausrats kümmerte, bekam das Doppelte der üblichen Bestechungssumme. Sie öffnete den Reißverschluss ihrer Hose, entschuldigte sich schamhaft bei meinem Mann (Scuzaţi!), ließ das Geld in der Unterhose verschwinden, zog den Reißverschluss wieder zu und setzte sich an den Schreibtisch.

Karen Gündisch © privat

Als wir die Grenze von Rumänien zu Ungarn überquert hatten, dachte ich: Jetzt kann uns nichts mehr passieren. Doch die große Anspannung verschwand erst, als uns ein in unserer Muttersprache grüßender Schaffner in Österreich wie ganz gewöhnliche Reisende behandelte. Wir wurden leichtsinnig, ließen unser Gepäck in Wien im Zug, gingen eine Stunde spazieren, versäumten es, in den Schnellzug nach Nürnberg umzusteigen, bummelten durch Österreich und aßen Mozartkugeln, die uns eine Wienerin in großen Mengen anbot.

Wir kamen mitten in der Nacht in Nürnberg an, waren müde und plötzlich sehr kleinmütig, als wir im Übergangswohnheim anklopften. Dort gab es eine Regel, dass nachts sicherheitshalber nur ein Aussiedler das Gebäude betreten durfte. Ich blieb mit den Kindern vor dem Haus. Wir froren erbärmlich. Es dauerte lange, bis mein Mann mit einem Zimmerschlüssel und einem Karton mit Lebensmitteln kam. Marmelade, Butter, Leberwurst, Milch, Bier, Schokolade. Auch das schwarze Brot, von dem wir in Rumänien schon gehört hatten, war dabei: Vogelfutter, feuchtes Zeug mit Kernen. Nicht essbar. Zum Glück hatten wir, weil vorgewarnt, ein großes Weißbrot dabei.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 4/15.

Am nächsten Tag, dem 11. November 1984, wurden wir registriert. Unsere Deutschkenntnisse wurden getestet, und wir wurden ärztlich untersucht. Ich war damals 36, aber die Ärztin schätzte mich viel jünger. Sie meinte, viele Aussiedlerfrauen seien von den Spuren ihres schweren Lebens gezeichnet und sähen deswegen eher älter aus, als sie tatsächlich wären. Von der Diakonie erhielten die Kinder neue Kleider: Jeans und einen Pullover, eine Windjacke für Ingrid und Turnschuhe für Uwe. Die Beamtin machte es uns leicht, die Kleidungsstücke anzunehmen, weil sie meinte, es würde noch dauern, bis unsere Kisten ankämen. Wir hatten nur einen Koffer mit.

Der Bundesnachrichtendienst befragte uns nach Kontakten zur berüchtigten Securitate. Wir wussten von unseren rumänischen Nachbarn, dass sich der Geheimdienst in regelmäßigen Abständen nach uns erkundigt hatte, aber uns selbst hatte man in Ruhe gelassen. Heute weiß ich, dass wir bis ins Schlafzimmer hinein ausspioniert worden sind. Es kann nur ein glücklicher Zufall sein, dass meine Tagebücher nicht in die Hände der Securitate gelangt sind. Sonst wären wir nicht mal bis nach Ungarn gekommen.