Russische Einwanderer bauen Kreuze für einen russischen Friedhof in der nähe von Berlin, etwa 1925. © General Photographic Agency/Getty Images

Ganz genau weiß man es nicht, die Statistiken sind unvollständig: Wohl mehr als vier Millionen russischsprachige Bürger leben in Deutschland, Hunderttausende von ihnen mit russischem Pass.

In den vergangenen drei Jahrzehnten waren es vor allem Russlanddeutsche, die in der Bundesrepublik neu Fuß fassten. In Pforzheim, Emmendingen, Berlin-Marzahn, um nur einige Orte zu nennen, bilden sie kompakte Gemeinden. Schon seit den siebziger Jahren, vor allem aber nach der Wiedervereinigung, kamen auch jüdische Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion und den nachsowjetischen Republiken. Für sie war die russische Sprache das einigende Band.

Noch schwieriger zu beziffern ist die Präsenz derer, die in Deutschland ihren zweiten Wohnsitz eingerichtet haben und die sich in einer ständigen Pendelbewegung zwischen Moskau, St. Petersburg und Berlin oder München befinden – eine Form des Aufenthalts, von der nicht klar ist, ob sie provisorisch-vorübergehend ist oder dauerhaft werden soll. Ganz zu schweigen vom Strom der Touristen, Studenten, gewöhnlichen Bürger, die die Welt sehen wollen und es genießen, sich frei und mühelos über Grenzen hinweg bewegen zu können. Nicht zuletzt gibt es nun wieder Menschen, die Russland beziehungsweise den postsowjetischen Raum in Richtung Deutschland verlassen, weil sie zu Hause keine Perspektive mehr sehen. Damit kehrt ein Zustand zurück, den man um die Jahrtausendwende eigentlich für überwunden hielt.

Mit der "russischen Welt" hat vermutlich jeder schon einmal Kontakt gehabt. Man muss dafür kein Spezialist sein, nicht Tolstoi oder Puschkin im Original gelesen haben – das Russische begegnet einem an fast allen Zeitungskiosken der Republik. In jedem noch so abgelegenen Bahnhof findet sich ein beeindruckendes Sortiment russischer Zeitungen und Zeitschriften. Wer sie liest (insbesondere die Kleinanzeigen, Veranstaltungskalender, Ankündigungen von Jubiläen und Festveranstaltungen), bekommt eine Ahnung von Umfang und Dichte des russischen Lebens in Deutschland, erfährt etwas über die Netzwerke, die Infrastruktur, Buchhandlungen, Reisebüros, die Flug- und Busreisen in die alte Heimat vermitteln: nach Saratow, Tscheljabinsk, Taschkent, Omsk.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 4/15.

In deutschen Fernzügen wird man häufig unfreiwillig zum Ohrenzeugen von lauthals auf Russisch geführten Geschäftsverhandlungen, es gibt Vormittage im Berliner KaDeWe (Kaufhaus des Westens), an denen die Kundschaft fast nur aus Russen besteht – es fällt auf, dass sie wirklich kaufen und nicht bloß schauen. In manchen Stadtteilen der Hauptstadt gibt es nicht nur russische Supermärkte (mit im Baltikum oder Niedersachsen hergestellter smetana, einer Art Schmand ) auch viele "deutsche" Supermärkte haben für ihre Klientel längst eine entsprechende Abteilung eingerichtet. In den Luxusgeschäften oder Apotheken auf dem Kurfürstendamm oder in der Münchner Maximilianstraße spricht das Personal selbstverständlich Russisch, Schuhgeschäfte kommen der speziellen Wertschätzung russischer Damen für fantastische High Heels entgegen, aber sie bieten auch exquisite Herrenschuhe an mit den Markennamen Wladimir oder Krim. Immobilienmakler, die auf sich halten, haben längst russische Abteilungen.

Wer etwa in Charlottenburg oder im Bayerischen Viertel in Berlin wohnt, lebt in einer Art russischer Parallelwelt: am Zeitungskiosk, im Supermarkt, frühmorgens, wenn die Hunde Gassi geführt oder der Nachwuchs von der njanja in den Kindergarten oder in die russische Schule gebracht wird, aber auch im Fitnesscenter und in der Sauna. In den Seminaren an der Universität sitzen Studenten, vor allem aber Studentinnen, die – da es ihre Muttersprache ist – besser Russisch sprechen als die Professoren, die ihnen etwas beibringen wollen. Man kann heute in Berlin mühelos am Kirchenleben der russischen Orthodoxie teilnehmen, den Tag des Sieges am 9. Mai vor dem sowjetischen Ehrenmal verbringen, Vernissagen russischer Galeristen besuchen oder ins russische Theater gehen. Kurzum: Es existiert in Deutschland eine russische Parallelwelt, und viele Russen haben sich für sie entschieden, auch wenn ein solches Leben auf den staatlichen Kanälen als dekadent diffamiert wird.

In dieser neuen russischen Welt, die sich in den vergangenen beiden Jahrzehnten in Europa gebildet hat, vor allem in den Metropolen, aber auch auf dem flachen Land, weiß man wenig von der russischen Welt in Deutschland, die es schon einmal gegeben hat – mit ihren Technischen Hochschulen und Zufluchtsorten für Revolutionäre, mit Peter Struve in Stuttgart, Lenin in München, El Lissitzky in Darmstadt. Mit dem "russischen Berlin" der frühen zwanziger Jahre, als die Stadt zum Zentrum der ersten Welle der russischen Emigration geworden war. Zeitweilig lebten fast 360.000 Emigranten in der "Stiefmutter der russischen Städte", wie Ilja Ehrenburg Berlin einmal nannte. Sie verkörperten nach Revolution und Bürgerkrieg das "Russland jenseits der Grenzen". Nach dem Zusammenbruch des Russischen Reiches waren an die zwei Millionen Menschen geflohen – nach Konstantinopel, Sofia, Belgrad, Prag, Paris, Riga und eben nach Berlin –, eine Gesellschaft im Wartesaal der Geschichte, in der Hoffnung, irgendwann zurückkehren zu können.