Die Szene wirkt wie ein Tagtraum: "Grillen schrillen im Chor, das junge Korn wiegt sich im Winde, Fliederduft kommt aus den Bauerngärten", schreibt 1922 die Vossische Zeitung. "Und in diesem Rahmen ein Aufzug aus dem Orient: Indiens Söhne mit dunklem Haar, den roten Fez auf dem Kopf, Perser mit seidenen Turbanen, Araber, Tataren, Afghanen."

Die Gläubigen zieht es am Ende der Fastenzeit nach Wünsdorf. Deutsche Behörden haben dort, rund 40 Kilometer südlich von Berlin, mitten im Ersten Weltkrieg eine Moschee erbauen lassen. Rings um die Moschee stehen die Baracken des sogenannten Halbmondlagers, in dem Muslime leben, die in den Reihen der deutschen Kriegsgegner gekämpft haben und in Gefangenschaft geraten sind.

Die Geschichte dieser ersten Moschee in Deutschland handelt von der Macht der Propaganda im Ersten Weltkrieg ebenso wie von deren Grenzen. Und sie zeigt, wie pragmatisch sich kulturelle Vorbehalte überwinden lassen, wenn sich beide Seiten davon einen Nutzen versprechen.

Die Idee für den Bau entsteht im fernen Istanbul. Aus der Hauptstadt des Osmanischen Reichs berichtet am 11. November 1914 der deutsche Botschafter, Hans von Wangenheim, Sultan Mehmed V. wünsche, "für die mohammedanischen Kriegsgefangenen in Deutschland am geeigneten Ort eine Moschee zu errichten". Sein Wunsch ist den deutschen Behörden Befehl, denn die Osmanen zählen zu ihren wichtigsten Verbündeten.

Nur einen Monat zuvor hat Mehmed, der sich als Oberhaupt aller Muslime versteht, zum Heiligen Krieg gegen Russland, Frankreich und Großbritannien aufgerufen. Der Sultan-Kalif fürchtet, deren Sieg ließe sein wankendes Großreich endgültig implodieren. Tatsächlich wollen die Entente-Mächte das Osmanische Reich seit Jahrzehnten am liebsten unter sich aufteilen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 4/15.

Am 18. Januar 1915 unterbreitet der deutsche Diplomat Rudolf Nadolny dem Kriegministerium in Absprache mit dem Generalstab des Feldheeres und dem Auswärtigen Amt einen fantastisch anmutenden Plan, wie man mit den rund 14.000 muslimischen Gefangenen umgehen solle. Ziel ist es, die Nord- und Westafrikaner, die für Frankreich ins Gefecht zogen, die Inder und Afghanen aus der britischen, die Tataren und Baschkiren aus der russischen Armee "durch geeignete Behandlung und Propaganda derart zu beeinflussen, dass sie die Sache unserer Feinde verlassen, für jetzt und möglichst auch für die Zukunft unsere Anhänger werden und sich bereit erklären, für uns gegen unsere Feinde zu kämpfen". Für die Muslime verlockend sei "hauptsächlich die Idee des Heiligen Krieges und ihrer nationalen Selbständigkeit".

Die Deutschen träumen von einem Dschihad in den Kolonien ihrer Gegner. Dazu soll die Moschee in Wünsdorf entscheidend beitragen. Das Halbmondlager wird zum Vorzeigeprojekt: Die islamischen Speisegesetze werden, so gut es geht, geachtet. Von Anfang an dürfen die muslimischen Kriegsgefangenen ihr Essen selbst zubereiten. Ihre Bewacher stellen ihnen dafür Rind-, Hammel- und Kaninchenfleisch zur Verfügung. Nur die rituelle Schlachtung verbieten sie mit dem Hinweis auf "bereits langbefristete Lieferungsverträge auf Fleisch" und ein fehlendes Schlachthaus. Aber auch aus Sorge, die Gefangenen könnten einen "sparsamen Verbrauch aller Fleischteile" nicht gewährleisten. Trotzdem machen sich die immer schlechtere Versorgungslage im Reich und das feucht-kühle Klima auch in den Lagern bemerkbar: Krankheiten brechen aus, rund tausend Gefangene sterben.

Das Herzstück des Lagers, die Moschee, wächst in nur fünf Wochen in den Brandenburger Himmel. "Die Gesamtbauanlage einschließlich des Minaretts", so schildert es ein Planer, "ist als reiner Holzbau mit beiderseitiger Bretterverschalung auf massiven Grundmauern ausgeführt, der Fußboden des Betraumes aus flachseitig verlegten Rathenower Steinen hergestellt und mit Matten belegt worden". Innen- und Außenanstrich bestehen aus Ölfarbe: "Die senkrecht aufgehenden Außenflächen des Kuppelbaues sind elfenbeinfarbig, die zurückliegenden Flächen in roten und grauen Streifen zur Ausführung gekommen." Bis zu 400 Personen finden hier Platz. Kostenpunkt: 45.000 Reichsmark.