Auf der Veranda seines Holzhäuschens sitzt der Pfeilmacher und hört seine Feinde kommen. Erst vernimmt er ein Rumpeln aus weiter Ferne, dann weht rötlicher Staub durch den Amazonaswald, schließlich biegen sie um die Ecke: Lastwagen mit Allradantrieb und schwer beladenen Anhängern, die sich über die trockene Lehmstraße quälen, durch Schlaglöcher poltern und ächzende Brücken passieren. "Sie transportieren das Holz ab – unser Holz", sagt Leo vom Volk der Tenharim. Lange blickt er den Fahrzeugen hinterher.

An diesem Nachmittag hat sich die gesamte Familie auf der Veranda versammelt: Leos Kinder und Enkel, die Kinder und Enkel seines Bruders und seiner Cousins, dazu etliche Nachbarn, ebenfalls mit Leo verwandt. Sie schnitzen Pfeile. Leo hat ihnen erklärt, wie man das federleichte Bambusrohr zu bearbeiten hat und mit selbst gesponnenen Baumwollfäden die Spitze aus hartem Holz befestigt. In die länglichen Kerben können die Jäger Gift aus vergorener Baumrinde träufeln. Die bunten Arafedern am Ende stabilisieren den Flug. "Hundert Meter weit fliegt ein Pfeil, wenn er richtig gemacht ist", sagt Leo. In diesem Teil des Amazonaswaldes gilt er als Meister im Anfertigen von Waffen, Langflöten und Federschmuck. "Meine Pfeile töten ein Tier mit einem einzigen Schuss", sagt er. "Das Pfeilgift lässt das Blut in seinen Adern gerinnen. Wenn Sie eine Flinte nehmen, macht das einen Riesenkrach, und Sie müssen mindestens dreimal nachlegen." Die Schusswaffen des weißen Mannes seien vulgär.

Leo weiß, dass die Tenharim den Krieg gegen ihre neuesten Feinde mit Waffengewalt nicht gewinnen können. Doch viele hier glauben an eine finale Schlacht zwischen den Indianern und den weißen Siedlern, die als Holzfäller, Viehtreiber, Goldschürfer und Entsandte von Bodenspekulanten schwer bewaffnet durch die Wälder streifen. Für das Volk der Tenharim wird es dabei um alles gehen: um die Zukunft der rund 900 Indianer, um das Überleben jahrtausendealter Traditionen – und um dieses Stück Urwald, so groß wie Schleswig-Holstein, voller Flussläufe und Wasserfälle, wilder Tiere und seltener Pflanzen.

Wo die Tenharim leben, geht es zu wie im Großteil des brasilianischen Regenwalds: In den vergangenen 40 Jahren wurde ein Fünftel des Waldes vernichtet, zu Beginn des Jahrtausends verlangsamte sich das Tempo ein wenig, aber neuerdings legt es wieder zu. Nach Satellitendaten des brasilianischen Weltraumforschungsinstituts verschwinden Jahr für Jahr etwa 5.000 Quadratkilometer Regenwald, zweimal die Fläche des Saarlands. Wissenschaftler warnen, dass sich dadurch neue Wüsten bilden könnten – selbst Tausende von Kilometern entfernt, denn der Regenwald bindet riesige Mengen Treibhausgase und bremst die Erderwärmung. Er ist der größte Wasserspeicher des Planeten.

Auf Satellitenfotos kann man gut sehen, wo noch Indianer leben: Nur noch ihre Reservate sowie einige Naturschutzgebiete sind als dunkle Flecken zu erkennen, dichte Baumkronen, der Wald durchschlängelt von Flüssen. Ringsherum zeigen die Aufnahmen die Karos landwirtschaftlicher Betriebe auf entwaldeten Flächen: Sojafelder, Weideflächen. Die Holzfäller, Viehtreiber und Bodenspekulanten greifen nun nach den letzten grünen Inseln. Das Missionswerk der katholischen Kirche berichtet, dass allein 2014 in Landkonflikten 138 Indianer ums Leben kamen. In der Nachbarschaft der Tenharim hört man Sprüche wie: "Was sollen die paar Indianer mit so viel Wald?" Oder: "Lass uns die Männer zusammenrufen, ins Indianerdorf ziehen und alles dort verbrennen!"

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/16.

Gleich mehrere Male hat "der weiße Mann" dem Indianervolk in den vergangenen Jahrzehnten den Krieg erklärt, zuerst 1970. Die brasilianische Militärregierung unter Emílio Garrastazu Médici erhob damals die wirtschaftliche Erschließung des Amazonasgebiets zur Staatsräson. Sie organisierte die Besiedlung des Nordens durch Brasilianer aus südlicheren Landesteilen und ließ eine 4223 Kilometer lange Straße namens Transamazônica von Westen nach Osten durch den Urwald legen. Sie führt direkt an der Veranda des Pfeilemachers vorbei.

Leo erinnert sich noch gut daran, wie sie gebaut wurde. "Ich war neun Jahre alt", erzählt er. "Zuerst sah ich den Bulldozer, ich wusste nicht, was das war." Die Tenharim liefen damals noch nackt im Wald herum, bekleidet mit nichts als einem Baumwollgürtel; Hemden und Hosen kamen erst Jahre später in Mode. Leos Vater gehörte einer Gruppe von Männern an, die den Straßenbau blockieren wollten. Sie errichteten Barrieren aus Holz und besonders reißfesten Lianen, aber die Höllenmaschinen der Weißen fuhren darüber hinweg. Sie schnitten geradewegs durch das Stammesgebiet der Tenharim, sie walzten sogar den Friedhof ihrer Ahnen platt. Die Bulldozer waren mit Panzerplatten versehen; die Tenharim versuchten gar nicht erst, sie anzugreifen. Die meisten flüchteten tiefer in den Wald, Frauen und Kinder zuerst.

Die Stammesgemeinschaft war damals noch größer und mächtiger als heute: Forscher schätzen die einstige Zahl der Tenharim auf bis zu 10.000. Dann, nach den ersten Kontakten mit den Straßenarbeitern, brachen Masern und Keuchhusten aus. Auch Leos Mutter starb. Nach kürzester Zeit waren nur noch gut 100 Tenharim übrig. Hätte die Regierung 1974 nicht ein Notfallteam von Medizinern entsandt, wäre das einst stolze Kriegervolk wohl ausgestorben – so wie etliche andere Stämme. "Ich hatte sehr lange nichts als Angst vor den Weißen, die mit ihren Autos und Flugzeugen ankamen", erzählt Leo. "Alle in meiner Familie rieten mir: Geh da nicht hin, der weiße Mann bringt Krankheiten!"