Der Beginn meiner persönlichen Ökobewegtheit fällt in das Jahr 1972. Für den Konfirmandenunterricht musste ich die erste längere schriftliche Arbeit meines Lebens anfertigen und wählte das Thema "Umweltzerstörung". Heraus kam eine mit Illustriertenfotos von dampfenden Müllhalden bebilderte apokalyptische kleine Erzählung, die mit der Forderung endete, dass "der Mensch" sich jetzt aber mal dringend ändern müsse, sonst sei es um den Planeten unwiderruflich geschehen.

Im selben Jahr erschien das berühmte vom Club of Rome in Auftrag gegebene Buch Die Grenzen des Wachstums. Es war weit weniger alarmistisch als mein Aufsatz, auch wenn das im Rückblick anders scheint. Aber wahrscheinlich handelt es sich ohnehin um eines der meistnichtgelesenen Bücher der jüngeren Geschichte. Das Team um Dennis Meadows hatte auf der Basis der damals gegebenen Hard- und Software-Kapazitäten Szenarien für die Lage der Überlebensressourcen in den nächsten 100 Jahren errechnet und war lediglich zu dem Befund gekommen, dass das Wachstum nicht unendlich fortgeschrieben werden könne, weshalb ein Pfadwechsel bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts unausweichlich sei.

Das Buch wurde fast zehn Millionen Mal verkauft, und heute kann man sagen: Auf der Ebene des Bewusstseins hat der Pfadwechsel hervorragend geklappt, individuell wie kollektiv. Ich selbst bin geradezu ein Paradebeispiel für gelungene Aufklärung: Als Jugendlicher habe ich mit Leidenschaft über Umweltprobleme geschrieben, heute bin ich einer dieser Nachhaltigkeitstypen. Tja. Doch leider hat sich nicht nur mein Bewusstsein in Sachen Umwelt, Nachhaltigkeit und Klima während meiner Lebenszeit prächtig entwickelt, sondern auch mein Umweltverbrauch.

Damit stehe ich nicht allein. In den mehr als vier Jahrzehnten seit Meadows’ Weckruf hat sich in unserem Land, das im internationalen Vergleich ein Eins-a-Öko-Vorzeigeland ist (was unserem Selbstbild entspricht), alles vergrößert oder vervielfacht, was Naturzerstörung verursacht. Die Zahl der verkauften Textilien verdoppelt sich alle zehn Jahre; mehr als ein Drittel der Kleidungsstücke werden nie getragen. Die Wohnflächen werden ständig größer, die Urlaubsreisen weiter, die Produkte immer mehr, und sie werden immer schneller gegen neue getauscht. Auch die Kaufkraft ist in Deutschland seit meiner Konfirmation radikal gestiegen. Während man damals in Deutschland durchschnittlich 40 Tage arbeiten musste, um sich ein Fernsehgerät anschaffen zu können, sind es heute gerade noch vier; für den Kauf eines Schweinekoteletts musste man zweieinhalb Stunden veranschlagen, heute ein paar Minuten. Die aufzuwendende Zeit für den Kauf eines Brotes hat sich halbiert. Für ein Hähnchen oder ein Stück Butter musste man damals im Schnitt zehnmal länger arbeiten als heute.

Ich selbst habe ausgiebig gegen Atomkraftwerke demonstriert, einen Wissenschaftsladen mitgegründet, bin heute Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung und leite eine Stiftung, die sich für alternative Wirtschafts- und Lebensformen engagiert (Futurzwei). Aber das Haus, das wir zu zweit bewohnen, ist riesig, und obwohl es keine Energie verbraucht, steckt in seinem Bau und seiner Technologie ein Ressourcen- und Energieaufwand, der den des kleinen Einfamilienhauses meiner Eltern um ein Vielfaches übersteigt. Ganz zu schweigen von der Mobilität: Ich reise im Jahr mehr als meine Eltern zusammengenommen im ganzen Leben, und auch sonst möchte ich meinen carbon footprint lieber nicht so genau ausgerechnet haben. Ich denke, er ist trotz einiger Kosmetik – vor allem im Bereich Konsumgüter – Weltspitze. Im negativen Sinn.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/16.

Dies gilt im Land der Energiewende allgemein. Abgesehen von relativen Einsparungen an Energie und Emissionen, die nicht nur auf Effizienzgewinne, sondern auch auf die Auslagerung der Produktion in Schwellenländer sowie auf die Deindustrialisierung Ostdeutschlands zurückgehen, weisen alle unsere Verbrauchswerte steil nach oben, was kein Wunder ist: Die Wirtschaft wächst mit kurzen krisenbedingten Einbrüchen kontinuierlich und mit ihr die benötigten Material- und Energiemengen.

Um das zu ändern, müsste man möglicherweise den Kapitalismus abschaffen, mindestens aber, wie Soziologen sagen würden, unser gesellschaftliches Naturverhältnis verändern: weniger verbrauchen, bis ein global nachhaltiges Niveau erreicht ist. Für die globalen Spitzenverbraucher bedeutet das: 80 Prozent runter, um einen weltweit ausgeglichenen Pro-Kopf-Verbrauch zu erreichen. Das ist schwer vorstellbar und nicht mit dem sozialen und ökonomischen Erfolgsmodell der Wachstumswirtschaft vereinbar.

Damit stellt sich heute genau dieselbe Frage, die schon in den siebziger Jahren den Kristallisationspunkt des ökologischen Denkens bildete: die nach einer anderen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung. Liest man heute die Schriften der frühen Ökologiebewegung, dann fällt sofort auf, dass ein anderes Naturverhältnis immer mit Blick auf das ökonomische und soziale Ganze der Gesellschaft gedacht wurde. Arbeit, Zeit, Vergemeinschaftungsformen, Ernährungsweisen, Spiritualität, die Rolle der Technik, die Beziehungsformen – alles stand im Angesicht der ökologischen Herausforderungen mit auf dem Prüfstand. Dafür war das durch die Studentenbewegung verbreitete kapitalismuskritische Klima natürlich günstig, und nicht wenige Exponenten revolutionsbegeisterter K-Gruppen fanden nach der ausbleibenden Revolution die grüne Thematik als Treibmittel gesellschaftlicher Veränderung so geeignet, dass sie sich der Ökobewegung anschlossen.

Unabhängig davon war die Prominenz von so unterschiedlichen Denkern wie André Gorz, Ivan Illich, Carl Amery und Rudolf Bahro, um nur einige zu nennen, ein starkes Indiz dafür, dass die Ökologiebewegung sich als eine soziale Bewegung verstand, die den gesamten gesellschaftlichen Stoffwechsel verändern wollte. Ein weniger zerstörerisches Verhältnis zur Natur werde sich nur mit einer anderen Organisation der Arbeit (Gorz), einem ethisch begründeten Technikgebrauch (Illich), neuen Selbstorganisationsstrategien (Amery) oder auch einer spirituellen Einbettung von Produktion und Konsumption (Bahro) befrieden lassen. Die sich in den siebziger Jahren formierende Ökobewegung war zwar in ihren theoretischen Ansätzen höchst heterogen, fand sich aber darin einig, dass man nicht nur die Technik, sondern vor allem die Gesellschaft reformieren müsse.

Apokalyptiker und Klimaforscher

Und sie hatte noch einen anderen gemeinsamen Nenner: Sie kam kaum ohne das Bild der Apokalypse aus, die unausweichlich drohe, wenn man nicht schnellstmöglich den ökopolitischen Pfadwechsel einläute. Bei Illich war das die erwartbare Zusammenbruchskrise der Industriegesellschaft, bei Amery der im Roman vorausentworfene Untergang der Stadt Passau, bei Bahro die "Logik der Selbstausrottung". Der Sozialdemokrat Erhard Eppler wies "Wege aus der Gefahr", der Publizist Hoimar von Ditfurth riet zum Pflanzen eines letzten Apfelbäumchens, der Philosoph Hans Jonas entwarf eine "Heuristik der Furcht", die – psychologisch widersinnig – das Handeln anleiten müsse.

Von heute aus betrachtet, ist interessant zu sehen, dass sich nur der apokalyptische Teil der ökologischen Erzählung als nachhaltig erwiesen hat, während jener, der auf die Veränderung von Wirtschaft und Gesellschaft zielte, sich aus dem ökologischen Diskurs stillschweigend verabschiedet hat. Die prominentesten Erben der Apokalyptiker von damals sind die Klimaforscher – nicht zufällig heißt das pünktlich zur Pariser Klimakonferenz im Oktober 2015 erschienene Buch von Joachim Schellnhuber Selbstverbrennung, und als unbezweifelbare Wahrheit gilt in klimapolitischen Debatten, dass man "keine Zeit" habe, da der finale Kollaps des Klimas unmittelbar vor der Tür stehe.

Die gesellschaftliche Dimension des Verhängnisses beziehungsweise seiner Abwendung ist indes mit dem fortschreitenden Erfolg der Ökobewegung auf der Strecke geblieben. Und hier wird die Geschichte dieser Bewegung wirklich interessant. Denn einerseits hat kaum ein Thema der letzten 40 Jahre die Gesellschaft so tief durchdrungen wie das ökologische. Andererseits hat diese Durchdringung an der Kultur der fahrlässigen Grenzüberschreitung so gut wie nichts geändert.

Paradoxerweise lässt sich das nur mit dem erfolgreichen Marsch der Ökobewegung durch die Institutionen erklären. Wie das?

Zunächst: Moderne Gesellschaften reagieren auf Probleme, indem sie neue Zuständigkeiten schaffen, um sie zu bearbeiten. Wenn es etwa zu große Ungerechtigkeiten im Geschlechterverhältnis gibt, werden Frauenbeauftragte und Lehrstühle für Genderforschung eingerichtet. Wenn zu offensichtliche Negativfolgen einer naturzerstörenden Wirtschaftsweise deutlich werden, entstehen Umweltinstitute, Ministerien, Lehrstühle, neue Disziplinen und Organisationen, die sich mit den Ursachen und Folgen der Zerstörung und Strategien ihrer Vermeidung befassen. So führt der permanente Stau auf Stadtstraßen und Autobahnen nicht zum Ruf nach weniger Autos, sondern nach einem Lehrstuhl für Stauforschung (den es an der TU Dortmund tatsächlich gibt).

Nicht zufällig stand vor dem Aufstieg der Grünen zu einer etablierten Partei der Kampf zwischen "Fundis" und "Realos". Die einen, gewissermaßen die true believers der Theorie, wollten Wirtschaft und Gesellschaft verändern, um radikalökologische Ziele zu verwirklichen. Die anderen wollten Bündnisse mit der Normalgesellschaft und der Normalwirtschaft schließen, um ökologische Fortschritte zu erreichen.

Tatsächlich hing der parlamentarische Erfolg der Ökobewegung von der geschmeidigen Einfügung der ökologischen Frage in den gesellschaftlichen Funktionskreislauf ab. Damit stellte sich aber automatisch die Frage, wie man eigentlich zugleich grün und wachstumskapitalistisch sein könne.

Dieses Dilemma war nur zu lösen, indem man das grüne Anliegen gesellschaftspolitisch entkernte und auf naturwissenschaftlich-technische Aspekte reduzierte. Indem man etwa die Energiefrage nicht vor dem Hintergrund eines ständig steigenden Bedarfs durch immer mehr Konsum von Gütern und Dienstleistungen betrachtete, sondern als rein technische Frage definierte: als Entscheidung zwischen fossil und erneuerbar. So konnte man sie beantworten, ohne auf Veränderung oder gar Beschränkung der permanent steigenden Bedürfnisse drängen zu müssen. Nicht um weniger Energie ging es nun, sondern um andere Energie.

Dasselbe gilt für Ernährung, Mobilität, Konsumgüter. Allenthalben wird dieselbe Richtung eingeschlagen: nicht weniger, sondern anders, grüner irgendwie, effizienter, ökologischer. In diesem Rahmen kann dann sogar der Kauf eines Porsche Cayenne als ökobewusste Konsumentscheidung erscheinen, vorausgesetzt, er hat einen Hybridantrieb. So wurde nicht das Geschäftsmodell von "Wachstum" auf "ökologische Nachhaltigkeit" umgestellt, sondern "Nachhaltigkeit" wurde zu einer Produkteigenschaft.

An die Stelle der Forderung, Gesellschaft und Wirtschaft zu verändern, hat sich die Überzeugung gesetzt, dass man die Welt auch mit den Mitteln des Kapitalismus retten könne – indem man ihn technologisch so aufrüstet, dass die zerstörerischen Wachstumsfolgen immer weiter reduziert werden. Das heißt dann wahlweise green growth oder green new deal und führt zu allerlei Berechnungen der Kosten von "Ökosystemdienstleistungen". Zu den weiteren Folgeerscheinungen gehört der (nicht funktionierende) Emissionshandel. Einerseits vertraut man auf den Staat als Initiator großflächiger technologischer Transformation wie bei der "Energiewende", andererseits auf den Markt, der alsbald mildernde Kräfte freisetze – sobald alles in der Welt einen Preis hat, auch die Zerstörung von Überlebensressourcen.

Das magische Wort für all das lautet "Entkoppelung", nämlich des Wirtschaftswachstums vom Ressourcenverbrauch. Die ist zwar, absolut gesehen, eine physikalische Unmöglichkeit, aber der Umstand, dass sich immerhin relative Entkoppelungen durch Effizienzgewinne beschreiben lassen, wiegt die Verfechter eines "grünen Wachstums" in ihrem Glauben, dass man beides kann: an der systemischen Steigerungslogik der Wachstumswirtschaft festhalten und zugleich der drohenden Apokalypse trotzen.

Zwar gibt es kein einziges Phänomen, mit dem man belegen könnte, dass eine absolute Entkoppelung möglich wäre. Auch die durchschnittliche Senkung des Benzinverbrauchs zwischen 2000 und 2010 von 8,5 auf 7,9 Liter hat nichts daran ändern können, dass die Menge der Treibhausgase zwischen 2000 und 2010 stärker angestiegen ist als jemals zuvor. Es gibt einfach mehr Autos als vorher, und die werden immer größer und schwerer, was durch keine Effizienzgewinne zu kompensieren ist. Das ist wie mit unserem Haus – effizienter, aber aufwendiger und größer. Oder mit der Mobilität – grüner, aber immer öfter und immer weiter. Oder mit den Produkten – ökologischer, aber immer mehr mit immer kürzeren Produktzyklen.

Dennis Meadows und sein Team haben die Grenzen des Wachstums alle zehn Jahre neu berechnet, und der betrübliche Befund war von Mal zu Mal, dass die Überschreitung der Grenzen immer näher rückt. Heute gilt das von schwedischen Umweltwissenschaftlern entwickelte Konzept der "planetarischen Grenzen", die einen "sicheren Überlebensraum" für die menschliche Gattung markieren, als wegweisend – aber leider sind auch diese in einzelnen Bereichen, etwa beim Klimawandel oder bei der Übersäuerung der Ozeane, schon überschritten. Dennis Meadows selbst hält den Pfadwechsel zu einer nachhaltigen Gesellschaft heute nicht mehr für möglich.

Mit dieser betrüblichen Mitteilung hat er 2012 eine Tagung in Hannover eröffnet, auf der sich 160 internationale wissenschaftliche Koryphäen versammelt hatten, die den Stand der Dinge 40 Jahre nach Erscheinen der Grenzen des Wachstums darlegen sollten. Meadows’ Eröffnung war zwar ein Paukenschlag, löste aber keine Debatte aus. Alle taten lieber so, als hätten sie nichts gehört, und zeigten ihre PowerPoint-Präsentationen. Keine einzige lieferte eine gute Nachricht, alle endeten sie mit der Erkenntnis, dass dringend etwas geschehen müsse, wolle man den ökologischen Kollaps noch abwenden. Nichts hätte deutlicher machen können, wie sehr das Thema Teil des normalgesellschaftlichen Betriebs geworden ist.

Der Preis für das so perfekt funktionierende Bündnis zwischen Ökobesorgnis und Normalwirtschaft ist hoch: Nicht nur klafft heute zwischen der ausgebauten Expertokratie in Ministerien, Universitäten, Nichtregierungsorganisationen und Umweltverbänden und -räten aller Art und der bunten, aber eher staatsfernen und entpolitisierten Graswurzelaktivisten-Szene eine große gesellschaftspolitische Lücke, auch ist den Grünen ihr Markenkern abhandengekommen, seit die ganze Gesellschaft symbolisch ergrünt ist.

Das wirkt sich umso dramatischer aus, als die Folgen einer fortgesetzten Naturzerstörung heute immer deutlicher werden – bis hin zu den sozialen Folgen in Gestalt von Flucht und Vertreibung. Eine Weile lang hat die Ökobewegung als Modernisierungsimpuls für eine moderne Gesellschaft gewirkt, die so etwas regelmäßig braucht, um neue Märkte, Produkte und Bedürfnisse zu erschließen. Aber in dieser Modernisierung hat sie sich selbst weitgehend verloren. Ivan Illich hatte auf Selbstbegrenzung bestanden, weil es keiner noch so effizienzgeschärften Produktivität jemals gelingen könne, "die nach Belieben geschaffenen und multiplizierten Bedürfnisse zu befriedigen". Wohl wahr. Aber Selbstbegrenzung ist einem System wesensfremd, dessen Erfolgsrezept gerade darin liegt, unablässig natürliche Grenzen zu überschreiten.

Weiterlesen:
Harald Welzer (Hrsg.): "Futurzwei Zukunftsalmanach 2015/16" S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2015