"Der Wald wird Löcher haben wie des Bettelmanns Rock", lautet eine der angeblichen Prophezeiungen des bayerischen Sehers Mühlhiasl. Und auch andernorts wollte das Alarmgeschrei gar nicht mehr aufhören: Die Zerstörung der Wälder werde "unseren Nachkommen das Dasein, Handeln und Wirken auf alle Weise erschweren und ihnen durch unsere Verwüstungen das Andenken an uns schrecklich machen", formulierte es der anonyme Autor einer in Leipzig veröffentlichten Schrift.

Diese apokalyptischen Stoßseufzer kamen nicht aus den Megafonen grüner Umweltkämpfer gegen das Waldsterben am Ende des 20. Jahrhunderts. Sie stammen aus der Zeit um 1800 und warnten wortgewaltig vor der großen Holznot, die sich damals in Mitteleuropa abzeichnete. Die Angst vor der Verknappung der wertvollen Ressource war groß und kulminierte Ende des 18. Jahrhunderts.

Die ersten Weckrufe sind sogar aus noch früherer Zeit überliefert, aus dem 16. und 17. Jahrhundert. So wird etwa in der württembergischen Forstordnung von 1540 das Ziel formuliert, die Wälder "in Wachsung, Auffgang und Merung zu bringen und den Abgang und Mangel deß Holtz, so gewißlich und also bar vor Augen ist, zu verhüten".

Tag des Waldes - Der Baum hat Post Karl Heinz Martens war über 20 Jahre lang Postbote im holsteinischen Eutin. Er belieferte nicht nur Reihen- und Einfamilienhäuser, sondern auch eine 500-jährige Eiche im Wald.

Wie groß die Gefahr einer Holzknappheit und einer Verwüstung der Wälder zu unterschiedlichen Zeiten tatsächlich war, ist heftig umstritten. Denn die alten Forstgesetze bezogen sich nicht nur auf die Natur. Sie waren auch polizeiliche Maßnahmen, um die Ordnung im Wald herzustellen und Besitztümer zu sichern. Jedenfalls fehlte es zu keiner Zeit an Gegenstimmen. Im Jahr 1804, noch während der großen Holznot-Panik, verspottete der bayerische Forstreformer Joseph Hazzi den "fürchterlichen Lärm über den einbrechenden Holzmangel" als eine "sinnlose Hysterie".

Dass es vielerorts dramatische Entwicklungen gab, ist jedoch nicht von der Hand zu weisen: Verheerende Waldbrände wie der bei Freudenstadt im Schwarzwald im August 1800 brachten Armut, Hunger und Tod. Holz war das Erdöl der vorindustriellen Zeit, der wichtigste Rohstoff überhaupt. Es lieferte Wärme und Energie. Mit Holz wurde Brot gebacken und Fleisch geräuchert, Ton gebrannt und Salz gesiedet. Zum Schmieden von Eisen, zum Schmelzen von Glas, zum Bauen von Häusern und Möbeln – überall benötigte man das unersetzliche Holz. Es ist daher nur zu verständlich, dass ein drohender Verlust dieser Ur-Ressource die Menschen in Angst und Schrecken versetzte, zumal der Import aus anderen Regionen beschwerlich und teuer war, an manchen Orten nahezu unmöglich.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/16.

Die zahllosen Schriften, die im 18. Jahrhundert zur Holz- und Waldesnot erschienen, werden heute als eigene literarische Gattung gewertet. Dazu gehören auch Handreichungen zum sparsamen Umgang mit dem Brennmaterial. Den wichtigsten Beitrag aber formulierte im Jahr 1713 der Oberberghauptmann der sächsischen Silberstadt Freiberg im Erzgebirge, Hans Carl Edler von Carlowitz.

Der schmallippige Edelmann mit den tiefen Stirnfalten und der dunklen Perücke ist für die Holzlieferungen an die Erzgruben und Schmelzhütten seiner Region verantwortlich. Diese verschlingen ganze Wälder, die unmittelbare Umgebung ist entsprechend kahl, und der Holzpreis hat schwindelerregende Höhen erreicht. Carlowitz erkennt das grundsätzliche Dilemma der Übernutzung. In seinem epochalen Werk über die Forstwirtschaft (Sylvicultura Oeconomica oder Haußwirthliche Nachricht und Naturmäßige Anweisung zur Wilden Baum-Zucht) fordert er einen "pfleglicheren" Umgang mit dem Holz. Wenn die Wälder erst einmal ruiniert seien, "bleiben die Einkünfte daraus auff unendliche Jahre zurücke".

Für das einleuchtende Prinzip, dass nicht mehr Holz geschlagen werden darf, als durch Pflanzungen und natürliche Vermehrung nachwächst, findet er den Jahrtausend-Begriff der Nachhaltigkeit. Der entscheidende historische Satz: Künftig seien "Conservation und Anbau des Holzes so anzustellen, dass es eine continuirliche, beständige und nachhaltende Nutzung gebe".