Kaum ein politikwissenschaftlicher Aufsatz hat in den vergangenen Jahrzehnten eine so leidenschaftliche Debatte ausgelöst wie Samuel Huntingtons Kampf der Kulturen von 1993. Das Ende des Kalten Kriegs, prophezeite der in Harvard lehrende Politologe, sei keineswegs das "Ende der Geschichte", wie sein Kollege Francis Fukuyama glaubte: Vielmehr entstünden neue Konflikte entlang religiöser Bruchlinien, insbesondere zwischen Christentum und Islam.

Huntingtons These galt seinen Kritikern nicht nur als falsch, sondern auch als brandgefährlich. Die Anschläge vom 11. September 2001 und die darauf folgenden westlichen Interventionen in Afghanistan und im Irak schienen Huntington allerdings recht zu geben. Auch heute scheint wieder einiges für seine Annahme zu sprechen: In den USA kandidiert ein Mann für das Präsidentenamt, der Muslime pauschal unter Terrorverdacht stellt. Und im Brüsseler Stadtteil Molenbeek fragten islamistische Prediger wenige Tage nach den Anschlägen vom März dieses Jahres die Jugendlichen in ihrer Gemeinde per SMS: "Meine Brüder, warum schließt Ihr Euch nicht unserem Kampf gegen die Westler an?" Tobt also doch ein Kulturkampf, ein Heiliger Krieg zwischen islamischer und christlich geprägter, westlicher Zivilisation?

Zumindest gibt es Terroristen, die einen solchen Krieg herbeiführen wollen – und westliche Politiker, die einer spiegelbildlichen Rhetorik verfallen. Der Blick in die Geschichte der vergangenen Jahrzehnte zeigt indes, dass die vielfältigen Konflikte zwischen westlichen und islamischen Staaten kaum in das von Huntington entwickelte Schema passen.

Für den Aufstieg des islamistischen Terrors sind vor allem drei Ereignisse von Bedeutung.

Im Januar 1979 fegte eine Revolution das von den USA gestützte Regime des Schahs im Iran hinweg: Schiitische Fundamentalisten setzten sich im folgenden Machtkampf durch und schufen den ersten modernen Gottesstaat. Auf einmal gab es eine politische Alternative zu den Monarchien und Militärdiktaturen in der muslimischen Welt.

Im November 1979 besetzten bewaffnete Islamisten aus mehreren arabischen Ländern zwei Wochen lang die Große Moschee in Mekka und riefen zum Sturz der saudischen Herrscherfamilie auf. Zwar konnte der Aufstand blutig niedergeschlagen werden, aber das Königshaus gewährte den fundamentalistischen sunnitischen Wahhabiten fortan mehr und mehr Einfluss, um sich ihre Unterstützung zu sichern.

Und schließlich begann, ebenfalls 1979, die sowjetische Intervention in Afghanistan, als Moskau dem bedrängten kommunistischen Regime des Landes militärisch zu Hilfe eilte. Doch obwohl die Rote Armee auf dem Höhepunkt des Konflikts mehr als 100.000 Mann einsetzte und mit äußerster Brutalität vorging, fügten ihr die Mudschahedin, unterstützt durch Saudi-Arabien, Pakistan und die USA, schwere Verluste zu: Afghanistan wurde zu einem Schlachtfeld des Kalten Krieges. Zehn Jahre lang dauerte der blutige Konflikt. Er belastete die maroden sowjetischen Staatsfinanzen, unterminierte den Nimbus der "unbesiegbaren" Roten Armee und trug damit wesentlich zum Kollaps der UdSSR bei. Zugleich zogen Tausende sunnitische Freiwillige aus 22 arabischen Ländern in diesen ersten militanten Dschihad der Neuzeit. Einer dieser Freiwilligen war der saudische Milliardärssohn Osama bin Laden.

Obwohl die Mudschahedin die Araber wegen ihrer geringen Kampfkraft nicht sonderlich ernst nahmen, glaubte Bin Laden, er habe mit seiner Gruppe maßgeblich zur Niederlage der sowjetischen Supermacht beigetragen. 1988 gründete er mit einigen Mitstreitern Al-Kaida – "die Basis". Als kurz darauf die letzten Sowjettruppen das Land verließen, kehrten viele kampferprobte arabische Dschihadisten, darunter Bin Laden und seine Männer, in ihre Heimatländer zurück – auf der Suche nach einer neuen Mission.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 2/16.

Bin Laden erklärt den Krieg

Die ließ nicht lange auf sich warten: Nach der Annexion Kuwaits durch den Irak 1990 bot Bin Laden dem saudischen König Fahd an, das Land mit seinen Gotteskriegern gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein zu verteidigen. Doch Fahd lehnte ab und bat stattdessen den alten Verbündeten Washington um Schutz. Daraufhin erklärte Bin Laden dem saudischen Herrscherhaus und den USA den Heiligen Krieg.

Bereits 1993 versuchte seine Terrororganisation, das World Trade Center in New York durch eine Autobombe zum Einsturz zu bringen. Drei Jahre später verkündete Bin Laden, aufgrund der "amerikanischen Besetzung des Landes der zwei heiligen Orte" Mekka und Medina sei es die Pflicht jedes Muslims, "Amerikaner zu töten". Fortan verübte Al-Kaida regelmäßig Anschläge gegen die USA: 1996 auf eine Kaserne in Saudi-Arabien – 19 Menschen kamen ums Leben, 500 wurden verletzt –, 1998 auf zwei Botschaften in Afrika (224 Tote und 4.000 Verletzte), im Jahr 2000 auf den Kreuzer "USS Cole" im Hafen von Aden (17 Tote und 39 Verletzte).