Der Geschmack des Rotkehlchenfetts auf frischem Brot muss unglaublich gut gewesen sein. Hunderte Schnäbel und abgenagte Knöchelchen, vor einigen Jahren bei archäologischen Ausgrabungen in der Abfallgrube von Martin Luthers Elternhaus gefunden, zeugen davon, was die Mutter des späteren Kirchenrebells und Reformators vor mehr als 500 Jahren zubereitete: unter anderem gebratene Dorngrasmücken, Buchfinken, Goldammern und Rotkehlchen. Ob, wie damals durchaus üblich, auch mit lebenden Singvögeln gefüllte Pasteten auf den Tisch kamen, ist nicht bekannt.

Historiker stürzen sich auf solche Details. Besonders aus den Kinder- und Jugendjahren des späteren Reformators, der damals noch den Familiennamen seiner Eltern trug – Luder, nicht Luther –, gibt es nicht gerade ein Übermaß an historisch gesicherten Fakten.

Manches, was er später aus jener Zeit erzählt hat, diente nach Ansicht des Luther-Biografen Heinz Schilling "einer auch propagandistisch gedachten Selbststilisierung", also der Intention, mit kräftigen Farben ein bestimmtes Bild von sich und seinem Weg zu dem Mann zu malen, der Kirche und Papst herausforderte. Zum Beispiel jener berühmte Satz: "Ich bin der Sohn eines armen Hauers."

Der Vater Hans Luder war kein einfacher Malocher im Schacht, sondern Bergbau-Unternehmer. Das Mansfelder Kupferschiefer-Revier, zwischen Harz und Saale gelegen, erlebte damals einen rasanten Aufstieg. Der aus einer Bauernfamilie stammende Luder hatte das unternehmerische Risiko nicht gescheut und die Chancen sozialer Mobilität in wirtschaftlicher Umbruchzeit ergriffen.

Im 3.000-Einwohner-Städtchen Mansfeld bewohnten die Luders eine ansehnliche Hofanlage. Das Haus hatte verglaste Fenster, im Inneren standen Kachelöfen; die Insignien eines vergleichsweise hohen Lebensstandards. In der Fastenzeit konnte die Familie sich frischen Süßwasserfisch leisten, Karpfen, Plötze und Hecht, nicht wie die ärmeren Leute Stockfisch oder Salzhering. Paläozoologen haben das anhand der in der Abfallgrube gefundenen Schuppen rekonstruiert.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 5/16.

Doch vieles im Leben Martin Luders bleibt bis heute unklar. Nicht einmal sein Geburtsjahr ist eindeutig gesichert. Geburts- oder Taufurkunden gab es damals nicht. Vieles spricht dafür, dass er am 10. November 1483 in Eisleben auf die Welt kam, als eines von wahrscheinlich acht Kindern, von denen nur fünf das Erwachsenenalter erreichten. Kurz darauf zog die Familie ins zwölf Kilometer entfernte Mansfeld.

Politik und Kirche, Kultur und Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft waren damals im Aufbruch. 1492 erreichte Christoph Kolumbus einen bis dahin unbekannten Kontinent. Bereits um 1450 war in der Werkstatt des Mainzers Johannes Gutenberg das erste mit beweglichen Lettern gedruckte Buch entstanden – eine Bibel. Die Epoche des Humanismus war angebrochen, ungebundenes Fragen und Forschen löste die abgestandene, auf Auslegung der Tradition bedachte Scholastik ab. Im Jahr 1543 würde der Astronom Nikolaus Kopernikus schließlich die Erde aus dem Zentrum des Universums verbannen und den Beweis führen, dass der Globus und all die anderen Planeten um die Sonne kreisen. Und besonders in den Städten Süddeutschlands, in Augsburg, Nürnberg und Ulm, verhalf ein aufstrebendes, selbstbewusstes Bürgertum Handel und Finanzwesen, Kunst und Kultur zu einer ersten Blüte.

Allerdings war der Mensch an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit auch von Unsicherheit und Ängsten geprägt. Die Pest, die in Wellen über Europa zog, Missernten und Hungersnöte, Seuchen und Epidemien wurden als Strafe Gottes für menschliche Sünden gedeutet. Im östlichen Mittelmeerraum drangen die Osmanen mit Macht immer weiter gen Westen vor; im Jahr 1453 hatten sie bereits Konstantinopel erobert, die Metropole der östlichen Christenheit. 1529 standen sie zum ersten Mal vor den Toren Wiens.

In diese Umwälzungen hinein wird Martin Luder geboren. In seinen ersten 13 Lebensjahren, die er in Mansfeld verbringt, deutet noch wenig darauf hin, dass hier ein neuzeitlicher Prophet heranwächst. "Das Auffällige an Luthers Kindheit ist ihre Unauffälligkeit", urteilt der Leipziger Kirchenhistoriker Armin Kohnle. Die unerbittliche Strenge seiner Erziehung entspricht wohl der Zeit.

Der Vater führt die Familie mit harter, oft auch erhobener Hand. Einmal scheint er so hart zugeschlagen zu haben, "dass ich vor ihm floh und dass ihm bange war, bis er mich wieder zu sich gewöhnt hatte" – so erzählt der Sohn Jahrzehnte später.

Auch die Mutter, Spross einer etablierten Eisenacher Bürgerfamilie, schlägt ihn, "bis Blut floss", weil er eine Walnuss gestohlen hat. In Erinnerung bleibt ihm das düstere Lied, das sie ihm vorsingt: "Mir und dir ist keiner hold, das ist unser beider Schuld."

Auf der Lateinschule in Mansfeld, wo Martin Lesen, Schreiben, Rechnen, Singen und ein wenig Latein lernt, sind sturer Drill und körperliche Züchtigung ebenfalls an der Tagesordnung. Schwächere Schüler bekommen hier eine Eselsmaske umgehängt und werden verspottet.