In den national gestimmten Zeiten des 19. Jahrhunderts wurde der 31. Oktober, der Tag von Luthers legendärem Thesenanschlag, zum inoffiziellen Feiertag des protestantischen Deutschlands. Luthers Hammerschläge waren real, und für die Zeitgenossen des Kaiserreichs stand fest: Sie beendeten das Mittelalter, schmiedeten den neuen Glauben und dröhnten bis in die Gegenwart. Der geistigen Tat Luthers sei schließlich, dreieinhalb Jahrhunderte später, die politische Tat des Protestanten Bismarck gefolgt.

Schon immer diente Luther den Nachgeborenen als Projektionsfläche ihrer Befindlichkeiten und Sehnsüchte. In Festreden, Liedern und Inszenierungen verbanden sich konfessionelle, bildungsbürgerliche und politische Interessen. Werk und Persönlichkeit der "Wittenbergischen Nachtigall" – den Beinamen gab ihm sein Zeitgenosse, der Nürnberger Volksdichter Hans Sachs – wurden immer neu ausgedeutet, uminterpretiert, legendenhaft überhöht und ins Mythische entrückt. Der Reformator galt mal als Rebell, mal als Prophet. Aus dem gläubigen, gottesfürchtigen Christen wurde ein "Werkzeug", ein "Gesandter" des "deutschen Gottes", dem zu folgen Pflicht und Ehre zugleich war.

Der hammerschwingende Rebell gegen Rom, Papst und Klerus ließ sich mit Gestalten der deutschen Mythologie und Geschichte in Beziehung setzen: mit dem Helden Siegfried etwa, der sich sein eigenes Schwert schmiedete, um den Drachen zu töten. Oder mit dem kunstfertigen Wieland, der seine Gefangenschaft aus eigener Kraft überwand; dem germanischen Gott Thor, dessen Hammerschlägen kein Gegner gewachsen war. Und eben mit dem "Reichsschmied" Bismarck, der die Nation aus "Blut und Eisen" schuf.

In unzähligen Bildern variierten Künstler die Szene im Lauf der Jahrhunderte, setzten Akzente ganz nach Geschmack und eigener Intention. Mal weist Luther mit dem Hammer auf einzelne Thesen, umringt von Gesinnungsgenossen oder von staunendem Volk, mal sieht man ihn allein beim Annageln seiner Botschaft. Der Hammer wird entweder einfach nur gehalten oder drohend erhoben. Entscheidend aber ist, um Goethes Faust zu zitieren: "Im Anfang war die Tat!"

Noch eine zweite Szene besaß das Potenzial zur nationalen Identitätsstiftung. Am 4. Mai 1521 inszenierte der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise eine Entführung und ließ Luther auf die Wartburg in Sicherheit bringen. "Luther auf der Wartburg" wurde zum beliebten Sujet zahlreicher Illustrationen, Bilderzyklen und populärer Texte. Des "Junkers" eigentliche Großtat aber war die Übersetzung des Neuen Testaments in nur elf Wochen. Damit schuf er den ersten Teil der berühmten "Lutherbibel" und schenkte den Deutschen eine neue Sprache, das "Lutherdeutsch". Beides galt im nationalen Diskurs des 19. Jahrhunderts als Geburtsstunde deutschen Selbstbewusstseins. Denn neben der Tat: "Im Anfang war das Wort" – wie es im Johannes-Evangelium heißt.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 5/16.

Wo einst die Minnesänger im Wettstreit angetreten seien, habe Luther den Grundstein der deutschen Literaturgeschichte – und damit die Basis jeglichen kulturellen Selbstverständnisses – gelegt. In Klassik und Romantik habe die deutsche Sprache um 1800 dann ihre Vollendung erfahren: Von der Wartburg aus führe eine direkte Linie nach Weimar. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die längst zur Ruine verkommene Festung bei Eisenach saniert und zum deutschen Nationaldenkmal stilisiert; sie galt als "deutscheste aller deutschen Burgen". Die Bibelübersetzung und die inzwischen kanonisierte klassische deutsche Literatur wurden damit Teil einer lange währenden Reichsgründungsgeschichte der "verspäteten" deutschen Nation. Und das Bild des über das Schreibpult gebeugten Theologen Luther, ikonografisch dem "Hieronymus im Gehäus" verwandt: Es konnte zur Inkunabel des Intellektuellen-Selbstbildes schlechthin werden.

Auch Szenen aus Luthers Familienleben gewannen immense Bedeutung. Im 18. Jahrhundert bildete sich ein bürgerlicher Familientypus heraus, der die Privatsphäre stärker als früher vom öffentlichen Raum abgrenzte. Das Familienleben galt als Vorbereitung auf die Welt "da draußen" und zugleich als Gegenwelt zur Gesellschaft mit ihren ökonomischen und politischen – und aristokratisch dominierten – Regeln und Zwängen. Im pädagogisch angeleiteten Prozess der Sozialisation entstand das bürgerliche Individuum.