Im Jahr 1515 hält Martin Luther eine Vorlesung zur Exegese des Paulusbriefes an die Römer. Er kommt darin zu einer provokanten Erkenntnis: "Denn Gott will uns nicht durch fremde Gerechtigkeit und Weisheit selig machen [...]. So muß man sich in allen diesen Dingen in Demut verhalten, als ob man bisher nichts habe, und die nackte Barmherzigkeit Gottes erwarten." Nur die göttliche Gnade kann den Einzelnen erlösen, für einen gnädigen Gott bedarf es keines Vermittlers, weil die Beziehung des Gläubigen zu Gott unmittelbar und allein durch den Glauben und allein durch Gottes Gnade zustande kommt. Damit formuliert Luther eine Absage an die Lehre von den guten Werken, mit denen man vor Gott bestehen müsse. Er rüttelt auch an der gängigen Auffassung von der besonderen Würdigkeit des geistlichen Standes und am hierarchischen Aufbau der Kirche. Ein ausgearbeitetes Reformprogramm ist die Römerbrief-Vorlesung allerdings nicht – Wege und Mittel der Veränderung bleiben noch unbestimmt. Doch in der Verzahnung von Theologie und Zeitkritik lässt sich die systemsprengende Kraft von Luthers Worten bereits erahnen.

Die 95 Thesen – zunächst für die gelehrten Kollegen auf Latein verfasst, danach ins Deutsche übertragen und unerwartet rasch in zahllosen Drucken im deutschsprachigen Raum verbreitet – setzen in dieser Hinsicht ein erstes Ausrufezeichen: Die Reform der Kirche ist unverzichtbar, die Lehren der Konzilien und des Papstes sind Menschenwerk, das zu Irrtümern führen kann. Damit stellt der Wittenberger Professor die höchsten kirchlichen Autoritäten ebenso wie die für die Glaubensaussagen wichtigen Kirchentraditionen infrage. In den Augen der Kurie ist Luther jetzt ein Ketzer.

Im Juni 1518 wird in Rom der Ketzerprozess gegen ihn eröffnet, zwei Jahre später ergeht die Bannandrohungsbulle, seit Juli 1520 wird sie im Reich verkündet. Gleichzeitig publiziert der Wittenberger die drei großen Reformschriften, in denen er seine Positionen entfaltet: An den christlichen Adel deutscher Nation, Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche und Von der Freiheit eines Christenmenschen. Anfang Januar 1521 berichtet der päpstliche Nuntius in Deutschland nach Rom: "Ganz Deutschland ist in hellem Aufruhr. Neun Zehntel schreien ›Luther‹, die übrigen, wenn ihnen Luther gleichgültig ist, schreien zumindest ›Tod der römischen Kurie‹; jedermann verlangt und schreit nach einem Konzil."

Dabei geht es Luther trotz aller Schärfe nicht um eine Revolution. Sein Anliegen ist die Rückkehr zu den ursprünglichen Formen christlichen Lebens – genau das meint der spätmittelalterliche Begriff der reformatio. Allerdings gehen die Vorstellungen darüber, wie dies genau auszusehen habe, rasch auseinander. Als Richtschnur erkennen Luther und seine Anhänger nur mehr das Wort an: sola scriptura. Zum Träger ihrer Ordnungsvorstellung erklären sie die Gemeinde; Kirche und Welt gehören zusammen. Im städtischen Bürgertum, bei großen Teilen der bäuerlichen Bevölkerung und auch im Adel stoßen diese Prinzipien auf große Resonanz. Sie entfalten eine Dynamik, die genutzt werden kann, um soziale und politische Veränderungen einzufordern.

Besonders rasch verbreitet sich die reformatorische Bewegung in den Städten. Die Formulierung des nordamerikanischen Historikers Arthur G. Dickens ist klassisch geworden: "The reformation was an urban event." Ein Grund dafür ist das Prinzip sola scriptura: Die Lehre wird von der Predigt getragen und als gedrucktes Wort durch Flugblätter, Bibelübersetzungen und das Gemeindelied verbreitet; dies kommt dem vielfach lesefähigen Stadtbürgertum entgegen. Ein weiterer Grund liegt in der Neigung der Städte, "sich als Corpus Christianum im Kleinen zu verstehen", wie der Kirchenhistoriker Bernd Moeller schreibt. Schon in seinem Gutachten von 1523 für die sächsische Kleinstadt Leisnig betont Luther, dass die Kirchengemeinde selbst über ihre Ordnung zu bestimmen habe. Und die Kirchengemeinde ist im Selbstverständnis des Stadtbürgertums identisch mit der Bürgergemeinde.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 5/16.

Als weichenstellend erweist sich also die Verbindung zwischen reformatorischer Theologie und Gemeindeprinzip – in einer Zeit, in der das stadtbürgerliche Herrschaftsverständnis gerade neu ausgehandelt wird. Der Konflikt in den Städten schwelt seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert. Die Ratsoligarchien streben nach Ausweitung ihrer Macht: Der genossenschaftliche Schwurverband, der die Herrschaft in den Städten bislang im Konsens legitimierte, soll einem stärker hierarchischen Verhältnis zwischen Stadtobrigkeit und Untertanen weichen. Dagegen formiert sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts der Widerstand der Zunftbürger und anderer stadtbürgerlicher Schichten. Immer dann, wenn wirtschaftliche oder finanzpolitische Probleme zu lösen sind, brechen diese Konflikte auf.

Zwischen 1520 und 1540 bekennen sich fast alle Reichs- und Hansestädte zur Reformation, nur Köln entzieht sich der Bewegung. Der religiöse Aufbruch verbindet sich mit der Rückkehr zu den genossenschaftlichen Verfassungstraditionen. Darin zeigt sich die Zielrichtung der reformatio.

Nicht nur das Stadtbürgertum, auch der niedere Adel, also die Reichsritterschaft, sieht sich um 1500 auf dem absteigenden Ast. Der Lebensstandard des Landadels liegt unterhalb desjenigen wohlhabender Stadtbürger, und der Einfluss schwindet: Seit der Reichstag 1495 das alte Fehderecht zugunsten allgemeiner Rechtsnormen aufgehoben hat und die Territorialherren an Macht gewinnen, ist vom ritterlichen Lebensideal nicht mehr viel übrig.