Noch bevor die deutsche Wehrmacht am 1. September 1939 Polen überfiel, hatte das NS-Regime die Weichen für eine erste Mordaktion gestellt. Aber anders als nach der Pogromnacht vom 9. November 1938 zu vermuten, waren nicht jüdische Bürger die Opfer. Vielmehr sollten kranke und behinderte Menschen, die bereits an den Rand der "Volksgemeinschaft" gedrängt worden waren, systematisch getötet werden.

Seit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 hatte sich die Situation all jener psychisch Kranken und Behinderten, die in Heil- und Pflegeanstalten lebten, kontinuierlich verschlechtert. Personal war reduziert worden, Pflegesätze und Nahrungsmittelzuteilungen waren gekürzt und zahlreiche Anstalten geschlossen worden. Eine dauerhafte Überbelegung war die Folge, mehr Patienten starben. Die Insassen der Anstalten gehörten überdies zu den bevorzugten Opfern von Zwangssterilisationen, die das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses" von 1933 vorsah.

Die ersten Opfer des Krankenmordes waren behinderte Kinder. Im Frühjahr 1939 begannen, von Hitler beauftragt, sein "Begleitarzt" Karl Brandt und der Leiter der Kanzlei des "Führers", Philipp Bouhler, mit den Vorbereitungen für die "Kindereuthanasie". Mit Unterstützung führender Kinderärzte wurden bis Ende des Zweiten Weltkrieges zwischen 5.000 und 10.000 Kinder ermordet.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/17.

Ebenfalls noch vor Beginn des Krieges gingen Brandt und Bouhler daran, die Ermordung von erwachsenen Anstaltspatienten vorzubereiten. Im Oktober 1939 ermächtigte Hitler sie in einem Schreiben, "die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann". Der Handlungsspielraum, den Hitler seinen beiden Vertrauten damit eröffnete, war enorm: Der Willkür war Tür und Tor geöffnet. Das Schreiben wurde auf den 1. September 1939 rückdatiert und der Krieg somit als zusätzliche Begründung herangezogen, obgleich die Vorbereitungen schon vorher angelaufen waren.

Trotz der besonderen Rolle, die Brandt und Bouhler spielten, waren die Krankenmorde nicht das Ergebnis der Verschwörung einer kleinen nationalsozialistischen Clique. Die Verantwortung war breit gestreut. Schon nach dem Ersten Weltkrieg hatten Mediziner und Juristen die Tötung von "lebensunwertem Leben" gefordert. Mit Begriffen wie "Ballastexistenzen" und "leere Menschenhülsen" sprach man behinderten und psychisch kranken Menschen bereits damals ihr Menschsein ab. Kosten-Nutzen-Rechnungen wurden angestellt: Wer nicht arbeiten und der Gesellschaft im engen ökonomischen Sinne nutzen konnte, sollte auch nicht leben.

Nach 1933 breiteten sich diese "Euthanasie"-Vorstellungen bei Partei- und Gesundheitsfunktionären sowie Ärzten weiter aus. Doch mit einem "guten Tod", so die Übersetzung des Wortes "Euthanasie" aus dem Griechischen, hatten die Forderungen nach staatlich sanktioniertem Massenmord nichts gemein.

Für die Umsetzung des Mordprogramms entstand eine ausgefeilte Bürokratie, die im Frühjahr 1940 in der Berliner Tiergartenstraße 4 ihr Hauptquartier bezog. Die Organisation oblag dem stellvertretenden Leiter der Kanzlei des "Führers", Viktor Brack. Erst nach Kriegsende erhielt die "Erwachseneneuthanasie" den an die Berliner Adresse angelehnten Namen "Aktion T4".

Mehrere Tarnorganisationen sollten helfen, die Morde zu verschleiern. Hierzu gehörten die Reichsarbeitsgemeinschaft für Heil- und Pflegeanstalten, welche für die "Selektion" der Patienten zuständig war, und die Gemeinnützige Kranken-Transport-G.m.b.H., beauftragt mit der Deportation der Kranken in die Tötungsanstalten.

Die Patienten wurden von Herbst 1939 an systematisch erfasst. Die Direktionen der Anstalten hatten Bögen des Reichsinnenministeriums für diejenigen auszufüllen, die bestimmte schwere Krankheiten aufwiesen, bereits seit längerer Zeit in der Anstalt lebten und kaum "produktiv" eingesetzt werden konnten. Das Kriterium der Arbeitsfähigkeit machte deutlich, dass Nützlichkeitserwägungen bei der Auswahl der Opfer eine wichtige Rolle spielten.

Über Leben und Tod entschieden etwa 40 ärztliche Gutachter, überwiegend erfahrene Psychiater, in einem Umlaufverfahren anhand des Meldebogens, also ohne die Patientinnen und Patienten vorher gesehen zu haben. Erster Leiter der medizinischen Abteilung wurde der Würzburger Psychiatrieprofessor Werner Heyde, der in den fünfziger Jahren – bis zu seiner Verhaftung 1959 – unter falschem Namen wieder als Arzt praktizierte.

Die Opfer wurden zunächst in sogenannte Zwischenanstalten überführt. Dort holten sie die "grauen Busse" der T4-eigenen Transportgesellschaft ab und brachten sie in die Tötungsanstalten. Der Zweck der Fahrten blieb weder dem Pflegepersonal noch den Patienten verborgen. Über seine Beobachtung aus der Kreispflegeanstalt Fußbach im Kreis Offenburg berichtete der Anstaltsverwalter August Schilli nach dem Krieg: "Beim Abgang des zweiten Transportes wussten viele Anstaltsinsassen von der Bestimmung der Transporte. Viele Patienten haben sich in der Anstalt versteckt und verkrochen, andere liefen betend zur Kapelle."

"Trostbriefabteilung" in den Tötungsanstalten

In den Jahren 1940/41 gab es, allerdings nicht gleichzeitig, sechs Mordstätten: in Brandenburg an der Havel, im württembergischen Grafeneck, im sächsischen Pirna-Sonnenstein, im oberösterreichischen Hartheim, in Bernburg an der Saale und im hessischen Hadamar.

In allen Tötungsanstalten liefen die Morde nach demselben Schema ab. Die Deportierten mussten sich entkleiden und wurden angeblich untersucht. Tatsächlich legte ein Arzt nur eine möglichst schlüssige Todesursache fest. Danach wurden die Menschen fotografiert und in eine als Duschraum getarnte Gaskammer geführt. Eine Patientin, die zu den wenigen gehörte, die 1941 zwar nach Hadamar gebracht, aber von dort aus wieder zurückgeschickt worden waren, berichtete nach dem Krieg vor Gericht: "Die anderen mit uns nach Hadamar verlegten Kranken mussten, wie ich mich noch erinnere, die im Wachsaal liegenden Militärmäntel überziehen und wurden ins Bad geführt. Wo sich das Bad befand, weiß ich nicht. Es wurde ihnen ausdrücklich erklärt, sie müssten jetzt baden und kämen dann ins Bett."

Alle Tötungsanstalten wurden von Ärzten geleitet, und es war immer ein Arzt, der den Gashahn der Flaschen mit Kohlenmonoxid aufdrehte. Sogenannte "Brenner" äscherten die Leichen in den hauseigenen Krematorien ein, teilweise wurden den Getöteten vorher Goldzähne oder zu medizinischen Zwecken das Gehirn entnommen.

Den Angehörigen der Ermordeten nannte man nicht nur falsche Todesursachen, sondern auch falsche Sterbedaten und teilweise andere Sterbeorte. Eine "Trostbriefabteilung" in den Tötungsanstalten kümmerte sich um die Korrespondenz mit den Hinterbliebenen. Dass dabei auch Fehler unterliefen, deckte im November 1940 ein Bericht der NSDAP-Kreisleitung von Erlangen auf: "1. eine Familie hat versehentlich 2 Urnen bekommen. 2. Eine Todesnachricht zeigte als Todesursache: Blinddarmentzündung. Der Blinddarm war aber bereits vor 10 Jahren herausoperiert worden."

Am 24. August 1941 ließ Hitler vermutlich aufgrund von öffentlichkeitswirksamen Protesten namentlich des katholischen Bischofs von Münster, Clemens August Kardinal Graf von Galen, die Mordaktion "T4" vorerst einstellen. Bis zu diesem Zeitpunkt waren rund 70.000 Anstaltsinsassen aus dem damaligen Reichsgebiet ermordet worden.

Unter ihnen befanden sich auch jüdische Patientinnen und Patienten, die ohne Rücksicht auf die zuvor aufgestellten Kriterien von Sommer 1940 an in eigenen Sammelanstalten zusammengeführt und von dort aus in die Tötungsanstalten verschleppt worden waren. Ende September 1940 verzeichnete das Sammellager der Heil- und Pflegeanstalt Gießen beispielsweise 126 jüdische Patienten, darunter zwei Jugendliche im Alter von 14 und 15 Jahren sowie elf Patienten über 70 Jahre. Alle wurden im Tötungszentrum Brandenburg ermordet. Die Gesamtzahl der jüdischen "Euthanasie"-Opfer ist unbekannt, Schätzungen gehen von 1.000 bis 5.000 Ermordeten aus.

Ein eindeutiges Bindeglied zwischen der "Euthanasie" und dem Holocaust, wie es zum Teil in der Forschung gesehen wird, ist die Ermordung der jüdischen Anstaltsinsassen allerdings nicht. Sie zeigte aber, dass jegliche Gewalteskalation im Nationalsozialismus bevorzugt Juden traf und die antijüdische Politik seit Beginn des Zweiten Weltkrieges einen massenmörderischen Charakter annahm. Dies galt sowohl für die Morde im deutsch besetzten Polen als auch für die Gewalttaten in Konzentrationslagern, ohne dass dort in den ersten Kriegsjahren bereits ein systematisches Mordprogramm gegen Juden verfolgt worden wäre. Erst mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 weiteten sich die regional durchgeführten Morde zunächst an jüdischen Männern, bald aber auch an Frauen und Kindern, zu einem systematischen Völkermord aus.

Die Massenexekutionen wie auch die beginnenden Morde in den Gaskammern von Auschwitz kamen ohne die Vorbilder der NS-"Euthanasie" aus. Dennoch sind Überlappungen, Verbindungen und komplementäre Entwicklungen zwischen der "Aktion T4" und der Vernichtung der Juden zu erkennen.

Im "Reichsgau Wartheland", dem an das Reich angeschlossenen polnischen Gebiet um Posen, gab es eindeutige organisatorische und personelle Kontinuitäten. So hatte das aus SS-Männern bestehende "Sonderkommando Lange" zunächst Patienten dortiger psychiatrischer Anstalten ermordet, bevor es im Herbst 1941 in der Mordstätte Kulmhof (Chelmno) mit der Tötung von Juden durch Auspuffgase begann.

"Dezentrale Euthanasie"

Zur gleichen Zeit hatte SS-Brigadeführer Odilo Globocnik bei Heinrich Himmler die Erlaubnis eingeholt, eine Vernichtungsstätte zur Ermordung von polnischen Juden in Belzec zu bauen. Diese lag im östlichen Teil des deutsch besetzten Polens, im sogenannten Generalgouvernement, südöstlich der Stadt Lublin, wo Globocnik als SS- und Polizeiführer eingesetzt war.

Als Leitungspersonal gewann er ehemalige Beteiligte der "Aktion T4". Sie waren an das Morden bereits gewöhnt, hatten aber als Köche, Fahrer oder "Brenner" häufig untergeordnete Funktionen ausgeübt. Da die Bedingungen in Belzec und den deutschen Anstalten sich zu stark unterschieden, konnte auch die "Mordtechnik" nicht eins zu eins übernommen werden. Allerdings blieb es bei dem Grundprinzip, Menschen in stationären Gaskammern umzubringen.

Keineswegs aber endeten die Krankenmorde im Deutschen Reich, nachdem sie im August 1941 unterbrochen worden waren. Seit 1942 ging das Morden weiter – nicht mehr zentral in den sechs Tötungsanstalten, sondern in einer Vielzahl von Heil- und Pflegeanstalten. Patientinnen und Patienten wurden nun durch überdosierte Medikamente, Vernachlässigung oder Hungerrationen getötet.

An dieser zweiten Phase, der "dezentralen Euthanasie", waren Schwestern, Pfleger, Ärzte, Klinikleitungen, Gesundheitsfunktionäre, Kommunalverwaltungen sowie Mitarbeiter zentraler Staats- und Parteidienststellen beteiligt. Nach heutigen Schätzungen wurden in Deutschland und den besetzten Gebieten zwischen 1939 und 1945 insgesamt 300.000 Kranke und Behinderte ermordet.