In seinem Tagebuch notiert der 17-jährige Schüler Dawid Sierakowiak im August 1941 nach über einem Jahr im Ghetto, was er von seiner Zukunft erwartet: "Wie es scheint, werden wir nicht nur einen Winter im Ghetto verbringen, sondern einige. Die Chancen, den Krieg zu überstehen, werden immer geringer."

Etwa 160.000 Juden pferchten die Deutschen in den ärmsten und heruntergekommensten Stadtvierteln von Lodz – oder Litzmannstadt, wie sie die Stadt seit dem Frühjahr 1940 nannten – zusammen, um sie von dort so bald wie möglich zu deportieren. Als das Ghetto am 30. April 1940 abgeriegelt wurde, hofften die deutschen Verantwortlichen, dass es ein Jahr später gar nicht mehr existieren würde. Am Ende aber sollte dieses Ghetto länger bestehen als alle anderen im besetzten Polen.

Eine eigene Verwaltung organisierte hier das Leben. Sie wurde von Mordechai Chaim Rumkowski geleitet, dem von den deutschen Besatzern ernannten sogenannten Ältesten der Juden. Rumkowski baute einen riesigen Apparat mit verschiedenen Abteilungen auf, der sämtliche Belange des jüdischen Lebens koordinierte. So gab es in dem abgeriegelten Bereich bald verschiedene Küchen, Zuständige für die Beseitigung von Fäkalien und Abfällen, eine Feuerwehr, eine Ghettopolizei und ein eigenes Gericht.

Jedoch: Die Grenzen des Ghettos waren die Grenzen von Rumkowskis Macht. Von deutscher Seite war die zivile Ghettoverwaltung zuständig. Deren Leiter Hans Biebow, ein ehrgeiziger Kaffeehändler aus Bremen, betrachtete das Ghetto als Mittel zur persönlichen Bereicherung und beutete die jüdische Bevölkerung nach Kräften aus.

Rumkowski wiederum hoffte, dass sich das Ghetto durch die Arbeitskraft seiner Bewohner für die deutsche Verwaltung unentbehrlich machen würde. In der Textilstadt Lodz mussten Juden nun Uniformen für die Wehrmacht fertigen, außerdem produzierten sie für deutsche Firmen wie Neckermann, die AEG und Kaufhäuser wie das Alsterhaus in Hamburg.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/17.

Die Lebensbedingungen waren von Beginn an katastrophal. Der abgeriegelte Bereich war überfüllt, viele der primitiven Häuser verfügten weder über sanitäre Anlagen noch über fließendes Wasser. Das Zusammenleben in engen Räumen raubte den Menschen nahezu jegliche Privatsphäre. Diejenigen, die ihre Wohnung nur mit Mitgliedern der eigenen Familie teilen mussten, gehörten noch zu den Glücklicheren.

Fast nie lieferten die Deutschen Lebensmittel in ausreichender Menge. Immer mehr Menschen wurden aufgrund dieser Knappheit und der sanitären Bedingungen krank.

Zwar gab es Krankenhäuser und Ärzte, doch gelangten nicht genügend Medikamente in den abgesperrten Bezirk. Dawid Sierakowiak schrieb immer wieder darüber, wie schwer es war, einen Arzttermin zu bekommen, geschweige denn Arzneimittel. Die Ghettobewohner hungerten, ihre körperlichen Abwehrkräfte schwanden, bald hatten sie den vielen Krankheiten nichts mehr entgegenzusetzen.

Das Thema "Hunger" überlagerte in den meisten Tagebüchern alles andere. Sierakowiak berichtet im Dezember 1943 in einem Atemzug von der Exekution dreier Jüdinnen im Zentralgefängnis durch die deutsche Polizei und einer erhaltenen Essensration: "Sie wurden aus einem Raum geführt und im Korridor wie Hunde erschossen. Inzwischen wurde eine Ration von zehn Dekagramm Fisch und einem halben Kilogramm Karotten ausgegeben."

Die Arbeit und das Leben im Ghetto waren nur mit dem unbedingten Willen, nicht aufzugeben, zu ertragen – und das galt nicht nur in materiellen Belangen. Die Ghettobewohner schufen sich eine intellektuelle Gegenwelt zu ihrer existenzbedrohenden Umwelt.

Professionelle Künstler und Amateure führten Theaterstücke und Revuen auf und gaben Sinfoniekonzerte. Kinder und Jugendliche gingen in die Schule. Immer wieder schreibt Sierakowiak, wie wichtig ihm das Lernen und die politischen Diskussionen in einer Jugendgruppe sind: "Hauptsache, nicht herumlungern, nicht träge werden und nicht verblöden – und nicht in Melancholie verfallen. Bewegung, Arbeit, Veränderung – das ist das Ziel und der Weg zur Kreativität."

Die Menschen versuchten auch, für die Nachwelt zu dokumentieren, was geschah. So existierte bereits von November 1940 an innerhalb der jüdischen Verwaltung ein Archiv, dessen Mitarbeiter es sich zur Aufgabe gemacht hatten, den Überlebenskampf der Juden detailliert aufzuzeichnen. Künftige Generationen sollten ein "Bild des Ghettolebens" vermittelt bekommen, wie Oskar Singer, einer der maßgeblichen Autoren in dieser Institution, es im Frühjahr 1944 formulierte.

Im Januar 1942 begannen die Deportationen von Juden aus dem Ghetto Litzmannstadt in das Vernichtungslager Kulmhof (Chelmno). Der Beginn des Massenmords markiert eine radikale Wende in der Geschichte des Ghettos. Sowohl die Bevölkerungsstruktur als auch die Selbstwahrnehmung der Menschen veränderten sich grundlegend.