"Ist denn so etwas möglich?", fragte Brigadegeneral Telford Taylor, Hauptankläger der US-Militärregierung bei den Nürnberger Prozessen 1947. In den Händen hielt er eine Akte, die sein Stellvertreter Robert M.W. Kempner in den Archiven des Reichsaußenministeriums gefunden hatte – das Protokoll einer Versammlung vom 20. Januar 1942. War es möglich, dass 15 hochrangige Vertreter des Regimes – Staatssekretäre, Parteigrößen, SS-Führer – zusammengesessen hatten, um sich über den Völkermord an den europäischen Juden zu unterhalten? Konnten sie wirklich alle einen Sitzungsbericht erhalten, gelesen und abgeheftet haben, der unverblümt eine achtstellige Zahl von zu ermordenden Menschen aus verschiedenen Ländern enthielt? Genau dies war geschehen. Obwohl das Dokument mit Umschreibungen nicht geizt, buchstabiert es mit einer selbst für die Nationalsozialisten unüblichen Klarheit aus, dass das geplante Schicksal für alle europäischen Juden der Tod war.

Seit 1947 ist unser Wissen über dieses Treffen erheblich gewachsen. Wir wissen, dass es in vornehmster Umgebung in einer eleganten Villa am Ufer des Wannsees stattfand. Die Einladungen kündigten eine "Besprechung mit anschließendem Frühstück" an. Wenn man Adolf Eichmanns Zeugenaussage von 1961 Glauben schenken kann, war die Atmosphäre bei den Beratungen von ausgesuchter Höflichkeit.

Vielen Historikern gibt die Konferenz allerdings aus einem anderen Grund Rätsel auf: Laut Protokoll war sie einberufen worden, um einige grundlegende Fragen zur Organisation des Genozids zu beantworten. Doch diese Begründung ist nur schwer mit den historischen Tatsachen in Einklang zu bringen. Der Massenmord an den Juden in der Sowjetunion hatte bereits im Juni 1941 begonnen, die Gaswagen in Chelmno (Kulmhof) waren seit Dezember im Einsatz. Je mehr die Geschichtswissenschaft zu der Überzeugung gelangte, Hitler habe die Entscheidung zur "Endlösung" vermutlich in der zweiten Jahreshälfte 1941 getroffen, umso weniger Sinn ergab die im Protokoll vermerkte Behauptung, dass die Besprechung die vorläufigen Grundlagen für einen noch zu entwickelnden Gesamtplan habe schaffen sollen. Wie Eberhard Jäckel 1992 in der ZEIT feststellte: "Das Merkwürdigste an jener vielgenannten Zusammenkunft [...] ist, daß man nicht weiß, warum sie stattgefunden hat."

Ist die genaue Reihenfolge aber so wichtig? Sind die Historiker so fixiert auf die Frage, wo sich die ersten Risse im Deich zeigten, dass sie zu wenig darüber nachdenken, wie es überhaupt zu einer so mörderischen Sintflut kommen konnte? Kehren wir also zurück zu Telford Taylors Ungläubigkeit und fragen uns mit ihm, wie so etwas möglich war. Wie konnten die Vertreter von Ministerien, die lange vor 1933 gegründet worden waren, mitziehen? Und vor allem: Warum wurden die Juden als eine solche Bedrohung angesehen, dass ihre vollständige Eliminierung nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa notwendig erschien?

Natürlich hatten die Nationalsozialisten den Hass auf die Juden nicht erfunden. Feindseligkeit gegenüber Juden war seit spätrömischen Zeiten ein Merkmal des Christentums. Unter den Vorzeichen der jüdischen Emanzipation und einer entstehenden nationalen Massenöffentlichkeit verwandelte sich im 19. Jahrhundert der religiöse Antijudaismus in etwas, das sich "Antisemitismus" nannte, um von früheren Formen der Judenfeindschaft unterscheidbar zu sein. Weniger die Weigerung der Juden, die christliche Glaubenslehre anzunehmen, sorgte inzwischen für Beunruhigung, sondern die Sorge über ihre vermeintlich mangelnde Loyalität. Die Idee einer jüdischen "Rasse" kam auf – eine Metapher für die Angst, die Juden könnten nicht Teil der Nation sein.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/17.

Und doch bildet der Antisemitismus aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg nur den kosmischen Staub dieser Geschichte. Der Urknall ereignete sich erst danach. Seit ihrer Gründung 1919/20, nach dem Schock der deutschen Niederlage und der folgenden Revolution, war die NSDAP zutiefst antisemitisch. Die früheste Rede Adolf Hitlers, von der ein Manuskript erhalten blieb, galt dem Thema: "Warum sind wir Antisemiten?" Das erste Parteiprogramm von 1920 behauptete, dass Juden keine deutschen Staatsbürger sein konnten (obwohl über eine halbe Million Juden genau das waren), und wollte ihnen den Zugang zu einflussreichen Positionen verwehren. In Mein Kampf, seiner Bekenntnis- und Hetzschrift, die er 1923/24 während der Landsberger Festungshaft verfasste, ging Hitler noch viel weiter: Er sprach von den Juden als einem "schädlichen Bazillus", der vernichtet werden müsse, und behauptete, dass der Erste Weltkrieg anders ausgegangen wäre, wenn die Juden und nicht deutsche Frontsoldaten dem Giftgas zum Opfer gefallen wären.

Es kann kein Zweifel bestehen, dass Hitlers Antisemitismus besonders radikal war. Doch nicht nur Hitler und die Nationalsozialisten dachten so – die Angst vor den Juden war nach dem Ersten Weltkrieg ein globales Phänomen. Entfacht wurde sie durch die "gottlosen" Revolutionen in St. Petersburg, Berlin, Budapest und Wien. Tatsächlich waren Juden in der revolutionären Linken überrepräsentiert, aber sie waren bei Weitem nicht so einflussreich, wie die Zeitgenossen glaubten. Verstärkt wurde der Verdacht einer globalen jüdischen Verschwörung durch den großen Zustrom russischer Juden in westliche Länder vor dem und während des Krieges. Auch deutete man die britische Balfour-Deklaration für die Schaffung einer jüdischen Heimstätte in Palästina von 1917 als Ausdruck "jüdischen Einflusses" auf die internationale Diplomatie. Die Verbreitung der frei erfundenen Protokolle der Weisen von Zion, die 1903 zuerst in Russland veröffentlicht wurden und 1919 ins Englische sowie 1920 ins Deutsche übersetzt wurden, spiegelte diese Hysterie wider und verstärkte sie zugleich. In diesem Moment kam es durch "weiße" russische Konterrevolutionäre und Kosaken zu den ersten großflächigen Massakern an Juden seit dem Mittelalter. Eine Welle brutaler antisemitischer Gewalt erfasste Osteuropa in den Jahren unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg. Zehntausende wurden bei antijüdischen Pogromen ermordet.

Im besiegten Deutschland formierte sich der radikale Antisemitismus als gemeinsame Sprache der Rechtsextremen. Der Mythos verfestigte sich, dass Arbeiterunruhen und die Revolution zur deutschen Niederlage geführt und die Juden das Volk aufgewiegelt hätten. Auch die Versailler Friedensverhandlungen, hieß es, hätten unter jüdischem Einfluss gestanden, erkennbar an den Minderheitenrechten, welche die Siegermächte den neu gegründeten Nationalstaaten verschrieben. Solche Wahnbilder erlaubten den Antisemiten, den Friedensvertrag mit seinen Gebietsabtretungen und Reparationszahlungen als Resultat einer jüdischen Verschwörung zu denunzieren. Die Juden standen in ihren Augen für die Intrigen der Westmächte und die revolutionäre Bedrohung, sie verkörperten eine gleichermaßen nationale wie internationale Gefahr für das Reich. Zeitgenössische jüdische Beobachter in Deutschland spürten, dass Pogrome in der Luft lagen.