Herbert: Das überzeugt mich nicht. Heydrichs Konzept entsprach exakt der eben geschilderten Situation. Gegen die Fortsetzung der Massenerschießungen gab es in der Regimeführung Einwände, weil dadurch die deutschen Tötungseinheiten "verrohten"; man musste ein anderes Mittel finden. Schon bei den Krankenmorden war Gas eingesetzt worden, darauf griff man zurück. Außerdem war seit November deutlich, dass man für einen langen Krieg zu wenig Arbeitskräfte hatte. Es wurde der Arbeitseinsatz der sowjetischen Kriegsgefangenen befohlen, die man bislang hatte verhungern lassen. Deswegen war auch der nun geplante Arbeitseinsatz der Juden nicht nur eine Tarnung – die Selektionen in Arbeitsfähige und nicht Arbeitsfähige waren der sichtbare Ausdruck dieser Entscheidung. Die Wannsee-Konferenz diente der organisatorischen Umsetzung dieses gestaffelten Vernichtungsplans: Juden, die arbeiten konnten, sollten arbeiten – alle anderen brachte man um. Diejenigen, die überlebten, sollen dann auch getötet werden, eben weil sie überlebt hatten.

ZEIT Geschichte: Ist es vorstellbar, dass es den einen Mord-Beschluss, der für alle Juden galt, gar nicht gab? War der Holocaust vielleicht eher ein Prozess, das Ergebnis vieler Einzelentscheidungen?

Herbert: In der Tat, es war ein Prozess, der sich über Monate hinzog. Eine sukzessive, "kumulative" Radikalisierung. Es hat nicht den einen, womöglich einsamen Entschluss gegeben, der alles in Gang brachte. Vielmehr war bis Oktober, November schon so viel geschehen, waren so viele Menschen umgebracht worden, dass es den Protagonisten geradezu naheliegend schien, mit den Juden eben so zu verfahren. Aber es bedurfte doch einer klaren Willensbekundung Hitlers. Im Herbst 1939 hatte er sich um jede Einzelheit des Krankenmords gekümmert, ihn sogar schriftlich angeordnet. Nun, im Herbst 1941, kam er ununterbrochen in Interviews, bei Reden oder in Gesprächen auf seine eigene "Prophezeiung" zu sprechen: Die "jüdische Rasse" müsse vernichtet werden. Und wir wissen, etwa von Hans Frank oder von Alfred Rosenberg, wie sie diese Äußerungen des "Führers" verstanden – Rosenberg erklärte Mitte November 1941 vor Journalisten, also öffentlich, dass es um die "biologische Ausmerzung des gesamten Judentums in Europa" gehe.

ZEIT Geschichte: Warum ist im öffentlichen Bewusstsein gerade die Wannsee-Konferenz zu einem so entscheidenden Moment geworden, obwohl dort kein Beschluss gefasst wurde?

Herbert: Ganz falsch ist diese Vorstellung ja nicht: Es gibt keine andere Quelle, in der so ostentativ vom Judenmord gesprochen wird wie im Protokoll dieser Konferenz. Adolf Eichmann, der mit am Tisch saß und das Protokoll verfasste, hat es in Jerusalem vor Gericht genau erklärt. Die Herren hätten in der Wannsee-Villa ganz offen davon gesprochen, was man mit den Juden tun wolle: verschieben, umbringen, liquidieren! Auf der Konferenz wurde organisatorisch vorbereitet, was zuvor festgelegt worden war. Wenige Wochen später begannen Eichmann und die Judenreferenten in den besetzten Gebieten dann mit der Umsetzung.

ZEIT Geschichte: In Ihrem neuen Buch zum Nationalsozialismus ist der bemerkenswerte Satz zu lesen, die Forschung stehe in vielen Punkten erst am Anfang. Wo gibt es immer noch blinde Flecke?

Herbert: In vielen europäischen Ländern, die während des Krieges von Deutschland besetzt gewesen waren, hat eine intensive Beschäftigung mit Krieg, Besatzung und Judenmord, auch mit der Rolle der eigenen Kollaborations-Verwaltungen, erst vor einigen Jahren begonnen. Unsere Kenntnisse über Griechenland zum Beispiel sind nach wie vor rudimentär; Ähnliches gilt für Bulgarien, Rumänien, Albanien oder auch Jugoslawien. Zudem: Die zweite Hälfte des Kriegs ist ungleich weniger erforscht als die erste – über das Vorgehen der deutschen Truppen beim Rückzug, über das Hinterlassen "verbrannter Erde" wissen wir noch ganz wenig. Über die Situation in Deutschland, über die "Volksgemeinschaft im Krieg" gibt es eine intensive Diskussion erst seit drei, vier Jahren.

ZEIT Geschichte: Mit Ihrer Studie über Werner Best haben Sie in den neunziger Jahren den Blick auf die junge, akademische Täter-Elite gelenkt. Mittlerweile ist klar: Auch anders sozialisierte Männer haben gemordet. Ist es noch sinnvoll, eine Gruppe hervorzuheben?

Herbert: Der Nationalsozialismus war eine junge Bewegung, das gilt speziell für die Funktionseliten. Die Generation der um 1905 Geborenen ist dabei besonders wichtig, aus ihr stammt auch die Kerngruppe der Täter. Insofern ist die Beschäftigung mit der jungen Rechten in der Zeit von Weimar, der die Gruppe entstammte, aufschlussreich. Man darf den Generationen-Ansatz nicht überstrapazieren, aber er kann weiterhin zu neuen Einsichten führen.

ZEIT Geschichte: Heydrich fällt aus dem Rahmen. Er trat eher zufällig in die SS ein, wurde erst dort radikalisiert. Sind biografische Prägungen nicht ebenso wichtig wie generationelle?