Herbert: Die Gewaltexzesse treten in der Erinnerung manchmal in den Hintergrund, weil sie zeitlich vor Auschwitz lagen. Etwa die Hälfte der jüdischen Opfer ist nicht "industriell" ermordet worden, sondern auf geradezu viehische Weise erschlagen, erschossen oder erstickt worden. Mir scheint aber zweifelhaft, ob die Kategorie der Gewalt analytisch wirklich weiterhilft. Die Anthropologisierung der Gewalt entkonkretisiert die Geschehnisse.

ZEIT Geschichte: Der Soziologe Axel Paul sprach jüngst von der "Wiederkehr der Gewalt" in Europa. Besteht die Gefahr, dass der Nachkriegskonsens, die gemeinsame Erinnerung an Krieg und Holocaust, gerade von verschiedenen Seiten aufgekündigt wird?

Herbert: Das mag sein. Der Kalte Krieg hatte Europa in eine Art Ruhezone verwandelt, weil die wechselseitige atomare Bedrohung so groß war, dass ein einziger falscher Schritt zur Vernichtung der Menschheit geführt hätte. Die Kriege sind an die Peripherie verlagert worden, dort wurde aber nahezu ununterbrochen gekämpft, in Korea, in Vietnam, in Angola, im Nahen Osten. Mit dem Bürgerkrieg in Jugoslawien in den neunziger Jahren kehrte der Krieg nach Europa zurück – ein Schock. Die russische Aggression auf der Krim war nun ein zweiter. Die Ausdehnung der Gewalt der Nahostkriege auf die europäischen Metropolen durch den Islamismus ist ein dritter. Aber diese Gewalt wird im Moment von außen nach Europa getragen, als Auswirkung der Nahostkriege. Es gibt keinen Automatismus, dass dies auf die europäischen Gesellschaften durchschlagen muss.

ZEIT Geschichte: Sie selbst haben vom "Nachhall des Schreckens" gesprochen, der Europa in der Nachkriegszeit auf einen besseren Weg gebracht habe – und der jetzt kaum noch zu vernehmen sei.

Herbert: Jedenfalls wird er leiser. Was Europa betrifft, so war noch die Generation von Schmidt und Giscard, Kohl und Mitterrand zutiefst davon überzeugt, dass das größte Ziel darin bestehe, Frieden in Europa zu schaffen. Als dann die EU und schließlich auch der Euro Realität wurden, empfand man das rasch als selbstverständlich, und Europa wurde an den sonstigen Leistungen gemessen – nicht nur an der Friedenssicherung, sondern an der Reisefreiheit, am Exportvolumen oder am Verhalten in der Euro-Krise. Für die jüngere Generation zählt der vergangenheitspolitische Überhang nur noch begrenzt. Aber sobald die Lage brenzlig wird, kann sich das auch schnell wieder ändern.

ZEIT Geschichte: Laut einer aktuellen Studie wird das Thema Holocaust an deutschen Unis zunehmend ignoriert.

Herbert: Das Interesse am Nationalsozialismus ist zurückgegangen. Ich möchte fast sagen: verständlicherweise. Die jungen Leute kamen in den vergangenen zwei Jahrzehnten von der Schule und hatten sich in vielen Fächern mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzen müssen – sie litten, bei aller Einsicht in die Wichtigkeit, an Überdruss. Das muss aber kein Drama sein. Die Vorstellung, die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus mache aus Menschen Demokraten und schütze vor Rechtsradikalismus, ist etwas kurzatmig. Was sollen denn jene Länder tun, in denen es keine Nazis und keinen Judenmord gab? Und um zu wissen, dass man keine Flüchtlingsheime ansteckt, braucht man kein Geschichtsstudium, sondern eine ordentliche Erziehung.

ZEIT Geschichte: Ist die Zeit ein für alle Mal vorbei, in der NS-Historiker die nationalen Identitätsfragen stellen?

Herbert: Ihre Kollegen von der FAZ haben mich schon 1990 das Gleiche gefragt. Jetzt ist Wiedervereinigung, hieß es damals, jetzt interessiert sich keiner mehr für den Nationalsozialismus. Und was geschah? Erst kam die Goldhagen-Debatte, dann die Wehrmachtsausstellung, dann die Zwangsarbeiter-Entschädigung und so weiter. Jede Generation, die in Deutschland aufwächst, entdeckt irgendwann, dass die eigenen Eltern, Großeltern, Urgroßeltern im Land und in der Zeit der schrecklichsten Massenmörder der Geschichte gelebt haben. Es wird immer wieder ein tiefes Erschrecken sein: Das kann doch nicht wahr sein! Da bin ich mir sicher. Das muss keiner pädagogisch befeuern.