Im September 1941 zieht das Sonderkommando 4a weiter nach Osten. Die Last- und Kübelwagen fressen sich auf endlosen Pisten durch den Staub. Solange die Kolonne rollt, keimt Hoffnung unter den Menschen rechts und links des Weges: Vielleicht rollt sie weiter. Doch die SS-Männer sind für ihre Gründlichkeit bekannt. In Schytomyr, ihrem letzten Quartier, blieb kein Jude am Leben. Jetzt rückt das Kommando in Kiew ein. Am 29. September, am Tag vor Jom Kippur, dem Versöhnungstag, werden die Juden aus der Stadt getrieben, zur Schlucht Babyn Jar. Was dort passiert, dringt nur als Gerücht nach außen. Die Ukrainerin Iryna Choroschunowa vertraut ihrem Tagebuch an: "Ich weiß nur eines, da geht etwas Schreckliches, etwas Entsetzliches vor sich, etwas Unfaßbares, das man nicht verstehen, begreifen oder erklären kann."

Für die Angehörigen des Sonderkommandos 4a und der anderen Todesschwadronen, die seit Sommer 1941 in der Sowjetunion wüten, ist das Unfassbare zu diesem Zeitpunkt längst Routine. Hundert- und tausendfach legen sie auf wehrlose Menschen an, die ihnen gegenüberstehen – und drücken ab. Nicht maschinell in den Todesfabriken beginnt der Holocaust, sondern martialisch an den Erschießungsgruben hinter der Ostfront, wo die Mörder im Blut ihrer Opfer waten. Bis Ende des Jahres werden die deutschen Einsatzgruppen, SS- und Polizeieinheiten, unterstützt von der Wehrmacht, etwa eine halbe Million Juden in Massengräbern verscharrt haben.

Wie konnte es dazu kommen? Wer entfesselte den Massenmord? Und was trieb die Männer, die ihn bereitwillig vollstreckten? Später, nach dem Krieg, sollte die Antwort schlicht ausfallen: Man habe Befehle befolgt, von ganz oben. Doch so einfach, wie es sich die Angeklagten 1947/48 im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess machten, war es nicht.

Als die Wehrmacht am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel und in ihrem Windschatten vier Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) folgten, existierte weder ein Befehl Hitlers noch ein konkreter Plan, die sowjetischen Juden sämtlich zu ermorden. Die Einheiten agierten so unterschiedlich, dass nichts auf eine solche Order hindeutet. Die Führer der Einsatzgruppen und der dazugehörigen Kommandos hatten sogar relativ freie Hand, wen sie als Gegner bekämpften.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/17.

Und doch steht Hitler am Anfang der Radikalisierung, die sich im Sommer 1941 vollziehen sollte. Der Feldzug gegen die Sowjetunion, dem etwa 30 Millionen Menschen zum Opfer fielen, wurde vom ersten Tag an als rassenideologischer Vernichtungskrieg geführt. Hitlers erklärtes Ziel war nicht nur die Zerschlagung der gegnerischen Armee, nicht nur die wirtschaftliche Ausbeutung des Landes – deutsche Staatssekretäre rechneten mit dem Hungertod von "zig Millionen Menschen" –, sondern vor allem die physische Vernichtung des Hauptfeindes, des "jüdischen Bolschewismus". Dieses kombinierte Feindbild, die Gebetsmühle der rassistisch-rechten Propaganda seit 1917, dichtete Juden eine staatstragende Rolle an: In der Sowjetunion galten sie nicht nur als verhasste Minderheit wie in Polen, sondern als Schöpfer und Substanz des Systems. Zum ersten Mal richtete sich ein militärischer Feldzug damit ausdrücklich auch gegen Juden. Krieg und Rassenkampf waren eins geworden.

Hitlers Vernichtungstiraden übersetzte die Wehrmachtführung schon vor dem Überfall in Befehle, mit denen die Grenzen des Völkerrechts eingerissen wurden. So stellte der "Kriegsgerichtsbarkeitserlass" Offizieren im Mai 1941 einen Freibrief für Übergriffe gegen die Zivilbevölkerung aus und schützte Soldaten vor strafrechtlicher Verfolgung. Für den Mord an der Führungsschicht wurde eine Arbeitsteilung vereinbart. Die Wehrmacht sollte laut "Kommissarbefehl" die Politoffiziere der Roten Armee töten, während die Einsatzgruppen von Reinhard Heydrich instruiert wurden, die zivilen Führungskader zu exekutieren, wozu neben Kommunisten ausdrücklich auch "Juden in Partei- und Staatsstellungen" zählten. Ein Auftrag zum Völkermord war dies noch nicht: Die Funktionselite sollte beseitigt werden, um einen schnellen Kollaps des Sowjetstaates herbeizuführen. Die NS-Führung glaubte, wie der Historiker Michael Wildt schreibt, den Bolschewismus "buchstäblich enthaupten zu können".

Die erste Welle verbrecherischer Gewalt brach schon mit den Fronttruppen der Wehrmacht über die Sowjetunion herein. Politkommissare der Roten Armee wurden systematisch erschossen, auch mit den übrigen Kriegsgefangenen machte man häufig "kurzen Prozess", wie Soldaten in Briefen an die Heimat verrieten. Zwar wurde der Krieg auf beiden Seiten jenseits aller Regeln und Gewohnheiten geführt, aber durch die sich aufschaukelnde Gewalt lässt sich das Verhalten der deutschen Soldaten nur zum Teil erklären. Ihre Brutalisierung war angelegt in den rassistischen Befehlen der Wehrmacht, die ihnen schon vor dem Krieg das Bild eines "heimtückischen", "sadistischen" und notorisch das Kriegsrecht brechenden Gegners eingebläut hatten. Die deutsche Propaganda verfing: Sie verwandelte Angreifer in Verteidiger, Mord in Vergeltung. Verheerend wirkte, dass die Wehrmacht auch das Hinterland vorab zum Schlachtfeld erklärte, auf dem "rücksichtsloses und energisches Durchgreifen gegen bolschewistische Hetzer, Freischärler, Saboteure [und] Juden" notwendig sei.