Im März 1947 erreichte den stellvertretenden amerikanischen Chefankläger bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen, Robert M.W. Kempner, ein Anruf aus Berlin. In den Beständen des Auswärtigen Amtes, so erfuhr er, sei man auf "eine scheußlich rosafarbene Akte" gestoßen. Diese trage die Beschriftung "Endlösung der Judenfrage" und stamme aus dem Ordner D der Abteilung Deutschland. Daran erinnerte sich später Betty Nute, eine Mitarbeiterin der amerikanisch-britischen Kommission, die seit Frühjahr 1945 damit beschäftigt war, Dokumente für die Nachkriegsprozesse zu sichten. Fast zwei Jahre waren seit Kriegsende vergangen, bevor ein Team der Kommission das in der rosafarbenen Akte enthaltene Protokoll der Wannsee-Konferenz erstmals auf Mikrofilm brachte. Danach verstrichen weitere drei weitere Monate, ehe man begriff, was man in den Händen hielt – und den Chefankläger informierte.

Kempner, ein deutsch-jüdischer Emigrant und ehemaliger Mitarbeiter des preußischen Innenministeriums, war von der Nürnberger Anklagebehörde beauftragt worden, die letzten verbliebenen Anklagen aus den Nürnberger Nachfolgeprozessen zu einem großen Verfahren zusammenzubinden. Die Vernehmung der Diplomaten und deren Beteiligung an den Deportationen hatten ihn darin bestärkt, den Judenmord ins Zentrum dieses letzten Prozesses zu stellen. Von dem Fund elektrisiert, wies er die Berliner Mitarbeiter an, ihm die Akte umgehend nach Nürnberg zu bringen. Noch bevor das Wannsee-Protokoll im "Wilhelmstraßen-Prozess" gegen Ernst von Weizsäcker und andere hochrangige NS-Beamte vorgelegt wurde, zitierte der Ankläger im Verfahren gegen das Rasse- und Siedlungshauptamt erstmals aus dem Dokument. Auch amerikanische Zeitungen und die in den USA ansässige deutsche Exilpresse berichteten detailliert über den Protokollinhalt. Die frühe Prozessberichterstattung schuf die Grundlagen für die bis heute verbreitete Fehldeutung, wonach im Januar 1942 am Wannsee der Judenmord beschlossen worden sei.

Adolf Eichmann, Mitarbeiter von RSHA-Chef Reinhard Heydrich, hatte in dem Dokument auf 15 Seiten den Teilnehmerkreis, den Diskussionsverlauf und die Vereinbarungen der Zusammenkunft am Wannsee festgehalten – in einer geschäftsmäßigen, betont nüchternen Verwaltungssprache, die in scharfem Kontrast zur Ungeheuerlichkeit des Vorgangs stand, der Diskussion über die geplante Tötung von etwa elf Millionen Menschen.

Das schwierige Vorhaben, die Sitzung zwar zu protokollieren, dabei aber höchste Vertraulichkeit zu wahren, bestimmte Form, Inhalt und Verbreitung des Dokuments. Nachdem Heydrich und Gestapo-Chef Heinrich Müller den Entwurf überarbeitet hatten, schickte Eichmann die "Geheime Reichssache" den 15 Konferenzteilnehmern sowie 15 nicht namentlich bekannten Empfängern, die das RSHA auf einer späteren Nachfolgekonferenz einbeziehen wollte. Von den 30 Ausfertigungen des Protokolls ist nach Kriegsende nur die aus der rosafarbenen Akte wieder aufgetaucht. Eichmann hatte sie an Unterstaatssekretär Martin Luther gesandt, Leiter der Abteilung Deutschland und damit beim Auswärtigen Amt federführend für die "Judenpolitik" zuständig.

Sowohl das Protokoll selbst als auch der übrige Ordnerinhalt waren nur deshalb erhalten geblieben, weil Luther – der Staatssekretär Ernst von Weizsäcker am Wannsee vertreten hatte – das Dokument nicht mehr vernichten konnte. Er war seit 1943 wegen eines gescheiterten Versuchs, Außenminister Joachim von Ribbentrop abzusetzen, im KZ Sachsenhausen inhaftiert. Das Auswärtige Amt lagerte aufgrund der alliierten Luftangriffe seine Archiv- und Geschäftsakten aus und verteilte sie bis 1944 auf Schlösser und Burgen in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Obwohl die Berliner Zentrale zur Jahreswende 1944/45 verfügte, alle "Geheimen und Geheimen Reichssachen-Akten" in den Ausweichdepots zu vernichten, wurde die Anordnung nur zögernd umgesetzt. Das Wannsee-Protokoll entging der geplanten Verbrennung und fiel kurze Zeit später in Bad Berka den Amerikanern in die Hände.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 1/17.

Nach dem Ende der Nürnberger Prozesse interessierte sich in Deutschland kaum noch jemand für das Dokument. Obwohl Historiker und Archivare frühzeitig Zugriff auf die alliierten Mikrofilme erhielten, scheint eine wissenschaftliche Edition des Wannsee-Protokolls niemals in Betracht gezogen worden zu sein. Einzig der Bund der Verfolgten des Naziregimes publizierte es 1952 in Eigenregie. Gut zwei Jahrzehnte später folgte das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes mit einer autorisierten Fassung. Auch in den bundesdeutschen NS-Prozessen kam das Protokoll nur gelegentlich zur Sprache. Für die Öffentlichkeit galt es als Zeugnis bloßer Planspiele. So ließen sich Journalisten von der bürokratischen Tarnsprache blenden und nannten die Konferenz gar den Versuch einer "Humanisierung der Judenfrage".

Selbst als Eichmann 1961 in Jerusalem vor Gericht gestellt wurde, änderte sich diese Haltung kaum. Obwohl der frühere RSHA-Judenreferent freimütig über seine Rolle als Verfasser des Protokolls sprach, ging die zeithistorische Forschung über die Bedeutung seiner Aussagen hinweg. Die Justiz wiederum unterließ es, die strafrechtliche Verantwortung der übrigen Konferenzteilnehmer zu untersuchen. Wie der Historiker Christian Mentel zu Recht hervorgehoben hat, wurde zudem 1962 die einmalige historische Chance vertan, Eichmanns Sekretärin Ingeborg Wagner zur Entstehungsgeschichte des Dokuments zu befragen, als diese im Frankfurter Prozess gegen den RSHA-Mann Otto Hunsche als Zeugin auftrat.

Ähnlich wie der Ort der Konferenz geriet auch das einzige überlieferte Protokoll-Original in Vergessenheit. Angesichts von so viel Ahnungslosigkeit bedurfte es nur noch eines äußeren Anlasses, um der Verschwörungsthese Auftrieb zu geben, bei dem Dokument handele es sich um eine Fälschung. Ironischerweise befeuerte ausgerechnet Chefankläger Kempner mit seinem Buch Eichmann und Komplizen von 1961 solche Vorwürfe. Weil das Original nach dem Jerusalemer Prozess noch nicht wieder zur Verfügung stand, behalf er sich für den Abdruck mit einer Fotomontage, die auch für Laien als solche erkennbar war. Seit den späten Siebzigern bedienten sich rechtsradikale Publizisten Kempners Faksimile, um die Echtheit des Dokuments anzuzweifeln. Gleichzeitig rekurrierten die selbst ernannten "Revisionisten" auf die schon damals in der Forschung kaum noch vertretene Deutung einer "Entschlusskonferenz", um auch die Besprechung als Nachkriegserfindung zu brandmarken und den Holocaust insgesamt zum Nichtereignis herabzustufen.

Heute hat die Forschung das Dokument als das herausgestellt, was es ist: eine der zentralen Quellen, die Aufschluss über Planung und Ablauf der Judenvernichtung gibt. Seine teilweise abenteuerliche Überlieferungs- und Rezeptionsgeschichte spiegelt sowohl die Erfolge als auch die Rückschläge in den späteren Auseinandersetzungen mit Tätern, Mitwissern – und Leugnern des Genozids.