Der Küchengehilfe Nguyen Tat Thanh aus Französisch-Indochina, 29 Jahre alt, bemüht sich im Juni 1919 auf der Pariser Friedenskonferenz um eine Audienz bei US-Präsident Woodrow Wilson. Er hat sich einen Anzug geliehen, um vorgelassen zu werden zum mächtigsten Staatschef der Welt. Wilsons Ideen sollen, so Nguyens Idee, auch für Französisch-Indochina gelten, jene Region, in der Frankreich 100 000 Soldaten für den Krieg gegen die Mittelmächte rekrutiert hatte – wie auch in anderen Kolonien von Algerien bis Senegal. Doch der Präsident empfängt Nguyen nicht. Jahre später hätte er den jungen Mann nicht mehr ignoriert: Die Welt wird ihn als Ho Chi Minh kennenlernen.

Nguyen ist nicht der Einzige, der gewaltige Hoffnungen mit der Friedenskonferenz verbindet. Der chinesische Intellektuelle Liang Qichao kommt nach Paris, um für sein Land die volle Souveränität zu verlangen – als Ausgleich für die chinesischen Arbeitskräfte, die in der französischen und britischen Industrie eingesetzt waren. Aus Indien und aus Korea erreichen die Konferenz beinahe täglich Petitionen, die Selbstbestimmung und Unabhängigkeit fordern. Viele davon sind an Präsident Wilson adressiert. Der, so meinen die Absender, vertrete eine antiimperialistische Weltmacht und habe den Weg vorgezeichnet, der die kleinen Nationen vom Kolonialismus befreien soll.

Die ersehnte Begegnung mit Präsident Wilson, die Petitionen, all die Erwartungen sind der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die mit dem Kriegseintritt der USA 1917 beginnt und die Wilson zu einer Hoffnungsgestalt der kolonisierten Länder macht. Und tatsächlich scheint der amerikanische Präsident sich für die Belange der Unterdrückten auszusprechen: In einer Rede im Januar 1917 führt er den Krieg auf die "Missachtung der Rechte von kleinen Nationen und Völkern" zurück, denen die Macht fehle, "ihre Ansprüche geltend zu machen und so ihre eigenen Bündnisse und politisch-konstitutionellen Formen zu bestimmen". Im Februar 1918 bekräftigt Wilson vor dem Kongress, "Selbstbestimmung" sei kein bloßes Schlagwort, sondern "ein unerlässliches Handlungsprinzip, das die Staatsmänner von jetzt an nur zu ihrem Verderben ignorieren werden".

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 2/17.

Diese Ideen verbreiten sich weltweit: "Fortan", schreibt der indische Nationalist Lala Lajpat Rai zehn Monate nach dem Kriegseintritt der USA in seiner Zeitschrift Young India, "werden seine Worte der Kriegsruf aller kleinen und unterworfenen und unterdrückten Nationalitäten der Welt sein." Der amerikanische Generalkommissar in Ägypten berichtet in die Heimat, dass sich in dem nordafrikanischen Land die Überzeugung verbreitet habe, Präsident Wilson werde sich für das Recht der Ägypter einsetzen, sich selbst zu regieren. Chen Duxiu, der später die Kommunistische Partei Chinas mitgründet, preist Wilson als Ersten unter den guten Männern. Und eine Lehrerin, die in der koreanischen Nationalbewegung aktiv ist, beschreibt ihr Gefühl, als sie von Wilsons 14 Punkten erfährt: "Einer der Punkte ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Du musst etwas aus dieser Situation machen. [...] Präsident Wilson wird dir helfen."

Wilson ist nicht der Auslöser, aber ein Katalysator für den Wunsch nach Unabhängigkeit. In Ägypten hatte es schon von 1879 bis 1882 den Versuch gegeben, sich gegen die Fremdherrschaft zu wehren. Als 1905 die japanische Flotte in der Seeschlacht bei Tsushima die russische besiegte, beflügelte dies Erneuerer von der Türkei bis Indien. Mohandas Gandhi, Rechtsanwalt in Indien, wusste, "dass wir die Früchte, die [der japanische Sieg] einmal tragen wird, noch gar nicht zu erkennen vermögen". 1917, als die USA die Weltbühne betreten, scheint die Zeit reif, die Früchte zu ernten.

Dabei ist Woodrow Wilson nicht der Einzige mit der Idee einer Nachkriegsordnung unter antiimperialen Vorzeichen. Lenin erklärt ebenfalls 1917 "die Befreiung aller Kolonien, [...] aller abhängigen, unterdrückten und nicht souveränen Völker" zum Bestandteil eines Friedensplans. Die Provisorische Regierung Russlands fordert einen Friedensschluss entsprechend dem "Selbstbestimmungsrecht der Völker". Wie der Harvard-Historiker Erez Manela schreibt, ist es aber Wilson, der sich diesen Schlüsselbegriff "mit zunehmender Wärme und Emphase" aneignet. In seiner Studie über den Wilsonian moment untersucht Manela die Wirkung der Worte des amerikanischen Präsidenten in der kolonisierten Welt und zeigt, wie sich dessen Reden und Erklärungen etwa in Ägypten über Nachrichtenagenturen und die Presse oder in China mithilfe des Committee for Public Information verbreiten. Das neu geschaffenen amerikanische Propagandainstitut errichtet eine Dependance in China und gibt Wilsons Reden zweisprachig heraus.

In Ägypten gründet sich Ende 1918 unter Saad Zaghlul die Wafd, eine Partei, die das Ziel der ägyptischen Unabhängigkeit auf der Friedenskonferenz vortragen will. "Kein Volk", schreibt Zaghlul an Präsident Wilson, "hat die Freude über die Geburt eines neuen Zeitalters stärker empfunden, das sich dank Ihres mannhaften Eintretens schon bald in der ganzen Welt durchsetzen wird." Zaghlul will nach Paris reisen, scheitert aber zunächst an den britischen Behörden, die das Land seit 1882 faktisch beherrschen und die Unruhe fürchten, die Zaghlul und die Wafd schüren. Sie lassen Zaghlul festnehmen und auf die Mittelmeerinsel Malta bringen. In seiner Hosentasche soll ein Zeitungsausriss mit Wilsons 14 Punkten gefunden worden sein.