Das Stadtzentrum war eine einzige politische Versammlung, wobei es das Volk [...] besonders zum Snamenski-Platz zog. Dort, vom Postament des Denkmals Alexanders III. herab, sprachen ununterbrochen und gänzlich ungehindert Redner der linken Parteien. Die Hauptlosung lautete wie bisher: 'Nieder mit dem Krieg!' "

Nikolai Suchanow, der brillante Chronist der Russischen Revolution, hielt mit dieser Szene vom 25. Februar 1917* die entscheidende Bedeutung der Kriegsfrage für die Revolutionen des Jahres 1917 fest. Am 2. Oktober schrieb Hauptmann Jacques Sadoul von der französischen Militärmission in Petrograd nach Paris: "Der Wunsch nach sofortigem Frieden um jeden Preis ist allgegenwärtig [...]. Alle Russen, die ich getroffen habe, stimmen ohne Ausnahme mit den Bolschewiki [...] in dem Wunsch nach einem Ende des Krieges überein, koste es, was es wolle."

Die Provisorische Regierung aber, seit Anfang März im Amt, konnte oder wollte nicht sehen, dass es die Gewalt des Krieges und die soziale Not im Reich waren, die große Teile der Bevölkerung zur Verzweiflung oder in den Aufstand trieben. Insofern war die Oktoberrevolution nicht nur ein Militärputsch oder ein Staatsstreich. Sie war auch nicht allein das Ergebnis der skrupellosen Gewalt- und Tatbereitschaft der Bolschewiki oder folgte nur aus deren Versprechen, den Bauern Land, den Arbeitern Brot und den Soldaten Frieden zu geben. Um die Oktoberrevolution zu verstehen, muss man ebenso das Unvermögen der russischen Demokraten in den Blick nehmen, mit den dringenden Problemen des Landes fertigzuwerden, die sich nach der Februarrevolution stellten. Und nicht zuletzt war es eine Frage des Zufalls, dass die Berufsrevolutionäre Erfolg hatten.

In der Zeit der "Doppelherrschaft", den dramatischen Monaten zwischen den Revolutionen vom Februar und Oktober 1917, standen sich in Russland zwei Institutionen gegenüber: die Provisorische Regierung, getragen von liberalen Demokraten, den sogenannten Kadetten – und der Petrograder Arbeiter- und Soldatenrat, getragen von gemäßigten Sozialisten, den Menschewiki und den Sozialrevolutionären; die Bolschewiki spielten anfangs nur eine Nebenrolle. Der Sowjet wollte die Regierung um Premier Georgi Lwow kontrollieren, aber nicht selbst die Macht übernehmen. Am Ende sollte eine Konstituierende Versammlung eine Verfassung beschließen und den neuen russischen Staat formell begründen.

Zwar war das Regime des Zaren gestürzt, hatte man bürgerliche Freiheiten erkämpft, die Demokratisierung auf den Weg gebracht. Doch den Krieg an der Seite der Entente führte auch die neue Regierung weiter. Die Unzufriedenheit wuchs: In den Städten begannen Industriearbeiter zu streiken, als sich im Sommer 1917 die Versorgung mit Lebensmitteln erneut verschlechterte; mancherorts übernahmen sie die Kontrolle über die Fabriken. Die Bauern wollten nicht länger auf eine Landreform warten, doch die Regierung beließ es bei zaghaften Schritten in Richtung Neuverteilung. Endgültig sollte auch darüber die Konstituierende Versammlung entscheiden, aber deren Einberufung wurde ständig verschoben. Manche Bauern nahmen sich auf eigene Faust das Land, im Zweifel mit brutaler Gewalt. Radikale Soldaten schreckten auch vor Lynchmorden an Offizieren nicht zurück. Die Soldaten ersehnten ein Ende des Sterbens an der Front, forderten Frieden oder desertierten. Die "Schicksalsfrage des Regimes", sagt der Historiker Manfred Hildermeier, "blieb der Krieg".

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 2/17.

Die Provisorische Regierung verlor aber nicht nur die Unterstützung der Arbeiter, Bauern und Soldaten, deren Hoffnungen sie enttäuschte. Die Revolte griff auch auf den Petrograder Sowjet über.

Im Zentrum der ersten Krise im April 1917 stand Außenminister Pawel Miljukow, Parteichef der Kadetten. Er hatte den Verbündeten der Entente am 18. April zugesichert, dass Russland seinen Verpflichtungen nachkommen und "den Weltkrieg bis zum entscheidenden Sieg" fortsetzen werde. Die Kriegsgegner waren erbost: Tausende bewaffnete Arbeiter und Soldaten versammelten sich in Petrograd unter Parolen wie "Nieder mit Miljukow!", "Nieder mit der Provisorischen Regierung!" und bereits auch "Alle Macht den Sowjets!". Es kam zu blutigen Zusammenstößen mit rechten Patrioten und Monarchisten. Der Sowjet sah die Hauptstadt kurz vor einem Bürgerkrieg und sprang der Regierung zur Seite: Im Mai bildete man eine neue Koalition, der auch gemäßigte Sozialisten beitraten. Außenminister Miljukow verlor sein Amt, neuer Kriegsminister wurde Alexander Kerenski von den Sozialrevolutionären.

Der Kompromiss stiftete aber keinen Frieden, sondern polarisierte auf neue Weise. Die Parteibasis der Kadetten verstand sich bald als rechte Opposition; Menschewiki und Sozialrevolutionäre hingegen gerieten in Konflikt mit den linken Massenbewegungen, weil sie nun für das Handeln der Regierung verantwortlich gemacht wurden. Und den Krieg beendete auch die neue Koalition nicht.

Seit Februar 1917 war ein Führer der Bolschewiki nach dem anderen aus der Verbannung oder dem Exil zurückgekehrt. Lew Kamenew und Josef Stalin hielten, das zeigen ihre ersten Wortmeldungen, eine Annäherung an Menschewiki und Regierung für möglich. Am 3. April aber war auch Lenin in Petrograd eingetroffen und hatte Ideen dieser Art im Hauptquartier der Partei mit einer "donnergleichen Rede" beendet, die bei den Parteigenossen "wie ein Blitz aus heiterem Himmel" einschlug, so Nikolai Suchanow.

*In Russland gilt bis 1918 der julianische Kalender. Er liegt gegenüber der sonst üblichen Zählung 13 Tage zurück. Dem 25. Februar 1917 in Petrograd entspricht also der 10. März in Berlin.