Seit zwei Wochen zieht die Karawane durch die Wüste. Gut vierzig Kamele, in einer langen Reihe. Es ist Mitte Mai im Jahr 1917. Mit Tüchern schützen die Beduinen sich vor Sonne und Wind; sie sind unterwegs zum Lager ihres Stammes. Einer der Männer ist kein Beduine: Er heißt Thomas Edward Lawrence, 28 Jahre, Offizier der britischen Armee. Schweißtropfen laufen ihm die Stirn hinunter. Er hadert damit, sich dem Ritt angeschlossen zu haben. Er leidet unter den Unzulänglichkeiten seines Körpers, auch sein Gemüt verdüstert sich von Tag zu Tag. "Schmerz und Höllenqual heute", kritzelt er bei einer Rast ins Notizheftchen, und: "Die Bürde drückt mich jetzt zu Boden."

Eigentlich ist Lawrence Archäologe mit Oxford-Abschluss, seit 1915 aber arbeitet er für den militärischen Geheimdienst in Kairo und zeichnet Karten für die britische Armee. Von Januar 1917 an lautet sein Auftrag, mit den Beduinen des westlichen Arabiens in den Krieg zu ziehen. An Britanniens Seite sollen sie die mit den Mittelmächten verbündeten Türken angreifen, für die "Freiheit aller Araber", so will es zumindest die Propaganda.

Jetzt, im Mai 1917, zieht Lawrence Richtung Wadi Sirhan. In dem ausgetrockneten Flusstal mitten in der Wüste liegen Oasen. Dort schlägt der Stamm der Howeitat seine Zelte auf. Dort will Lawrence eine Streitmacht aufstellen für den Feldzug gen Norden, Richtung Damaskus. Die "Bürde", die Lawrence beklagt, ist die Hitze; auch das Kamelreiten strengt ihn an, wie er in seinem autobiografischen Buch Die sieben Säulen der Weisheit schreibt. Was ihn aber mindestens so sehr "zu Boden drückt", sind Zweifel an seiner Mission, verursacht durch Argwohn gegenüber den britischen Vorgesetzten.

Lawrence von Arabien: So gut er kann, verwandelt sich T. E. Lawrence in einen Beduinen (Aufnahme von1918). © Hulton Archive/Getty Images

Die Geschichte des T. E. Lawrence fasziniert seit Jahrzehnten Millionen Menschen. Bereits 1919 machte ein amerikanischer Journalist Lawrence zur Figur einer Diashow, mit der er den Madison Square Garden in New York füllte und durch England tourte. Die Erzählung von Lawrence, dem Briten aus der Wüste, schien den Zeitgenossen so ganz anders zu sein als das, was sie vom Weltkrieg kannten. Lawrence erinnerte, hoch auf dem Kamel, einen Krummdolch vor dem Bauch, umweht vom weiten Kopftuch, eher an einen fahrenden Ritter oder an die Märchen aus Tausendundeiner Nacht als an die traurigen Gestalten, die in den matschigen Schützengräben Belgiens und Frankreichs ihr Leben hatten lassen müssen. Schon in den zwanziger Jahren, noch zu Lebzeiten, mutierte Lawrence zum Helden einer Abenteuer-Saga, zu einer Mischung aus Aladin und Don Quixote. T. E. Lawrence selbst versteckte sich schon bald vor seinem Ruhm, diente ein paar Jahre unter wechselnden falschen Namen als einfacher Soldat in der britischen Armee und starb 1935 bei einem Motorradunfall auf einer Landstraße in England.

Knapp dreißig Jahre später, 1962, sollte seine Geschichte durch David Leans monumentalen Film zu einem Hollywood-Märchen gerinnen – aus Thomas Edward wurde "Lawrence of Arabia". Was in den Jahren zwischen 1916 und 1918 wirklich im Nahen Osten geschah, verschwand fortan hinter einem Schleier aus Technicolor. Fest mit dem Lawrence-Mythos verwoben ist die Überhöhung und Umdeutung des Geschehens, an dem Lawrence beteiligt war, der "Arabischen Revolte". Sie wurde bereits durch seine eigene Schilderung in den Sieben Säulen zum Aufstand der unterdrückten Volksmassen Arabiens stilisiert – die sie so nie war. Daraus entwickelte sich, schreibt der Historiker Peter Thorau, mit der Zeit ein "großer, Gemeinsamkeit stiftender Mythos, der sich als propagandistische Waffe gegen die westliche Bevormundung und Einmischung einsetzen ließ – und lässt".

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 2/17.

Ihren Anfang nahm die Revolte im Hedschas, dem Küstenland im Westen der Arabischen Halbinsel, in dem Mekka und Medina liegen. Das Osmanische Reich beherrschte diese Gegend seit gut 500 Jahren; der Scherif von Mekka aus dem Haus der Haschemiten war ein Vasall des Sultans. Doch das Osmanische Reich bröckelte: Großbritannien suchte Bündnispartner für einen Feldzug gegen die Türken von Ägypten aus in Richtung Jerusalem und begann, mit Scherif Hussein zu verhandeln. Die Haschemiten führen ihr Geschlecht auf Mohammed selbst zurück und sahen sich seit jeher berufen, den Kalifen zu stellen, also die Muslime der Welt anzuführen – diese Rolle hatte ihnen der türkische Sultan genommen. Durch den Weltkrieg bot sich die Gelegenheit, die innerislamische Machtfrage neu zu stellen. Zumindest wollte Hussein sich vom Sultan lossagen und König von Arabien werden.