ZEIT Geschichte: Sie haben sich viel mit dem großtuerischen, unreifen, sprunghaften Kaiser Wilhelm II. beschäftigt. Eine gute Schule, um Donald Trump zu verstehen?

Volker Berghahn: Da fangen Sie bei dem Richtigen an. Ja, es gibt durchaus Parallelen zwischen Trump und dem deutschen Kaiser: die Unberechenbarkeit etwa oder die Angeberei. Aber Trump wird ja eher mit Adolf Hitler verglichen und der Beginn seiner Präsidentschaft mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten.

ZEIT Geschichte: Sehen Sie da Gemeinsamkeiten?

Berghahn: Man muss mit solchen Vergleichen vorsichtig sein, wenn sie zeitlich weit auseinanderliegen. Zugegeben, die NS-Machtergreifung war Folge einer Wirtschaftskrise, und eine solche ging auch dem Wahlsieg Trumps voraus – so viel kann man sagen. Danach wird es schwierig.

ZEIT Geschichte: Mit welchem amerikanischen Präsidenten würden Sie Trump am ehesten vergleichen?

Berghahn: Vielleicht mit Richard Nixon, der auch immer wieder Unwahrheiten verbreitete und der wie Trump in der Außenpolitik lavierte, um von innenpolitischen Problemen abzulenken. Wenn Trump Kriegsschiffe Richtung Nordkorea schickt und mit der atomaren Option kokettiert, ist das auch ein Zeichen dafür, dass er in der Innenpolitik noch keine Linie gefunden hat und mit außenpolitischen Paukenschlägen Schlagzeilen machen möchte.

ZEIT Geschichte: Bei Woodrow Wilson war es anders: Er zog 1917 wider Willen in den Krieg und musste dies innenpolitisch erst durchsetzen. Seitdem verstehen sich die USA als Anführer der freien Welt und als Schutzmacht der Demokratie. Reißt diese lange Tradition liberal-internationalistischer Außenpolitik nun mit Trump ab?

Berghahn: Nein. Trump verkörpert im traditionellen Schema amerikanischer Außenpolitik, dem Gegensatz von "Idealisten" und "Realisten", also der Orientierung an allgemeinen Werten oder nationalen Interessen, eine merkwürdige Mischung. Auf der einen Seite macht er idealistische Versprechungen, auf der anderen sagt er in typisch nationalistisch-realistischer Weise, dass Amerika wieder groß werden und eigene Ziele durchsetzen müsse.

ZEIT Geschichte: Idealismus ist nicht unbedingt das erste Stichwort, das man mit Trump verbindet.

Berghahn: Anfangs wollte er festgefahrene außenpolitische Probleme lösen und vor allem die Beziehungen zu Russland verbessern, um einen Wiederbeginn des Kalten Krieges zu verhindern. Die Vorstellung, dass man dazu miteinander sprechen muss, ist typisch idealistisch und das genaue Gegenteil der harten Linie der Realisten. Der Angriff in Syrien, der als Antwort auf den Einsatz von Giftgas verstanden werden sollte, lässt sich ebenfalls in diese Richtung deuten – auch wenn dadurch die Beziehungen zu Russland wieder belastet sind.

ZEIT Geschichte: War Wilson ein lupenreiner Idealist?

Berghahn: Ja. Im Inneren hat er große Reformen in Angriff genommen, etwa die Arbeiterunfallversicherung eingeführt und das Bankenwesen reguliert – ganz im Sinne des Progressivismus, einer politischen Strömung um die Jahrhundertwende, die den gesellschaftlichen Wandel sozial gestalten wollte. Und als Wilson gegen seinen Willen in den Ersten Weltkrieg hineingezogen wurde, wollte er auch dies nutzen, um eine neue Weltordnung zu schaffen.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 2/17.

ZEIT Geschichte: Wie viel davon war ernsthafte Ambition, wie viel nur Rhetorik, um andere Interessen zu camouflieren? Wirtschaftlich waren die USA 1917 ja längst in den Krieg verstrickt.

Berghahn: Natürlich hatten die Vereinigten Staaten auch ein Interesse daran, die Investitionen in den Krieg wieder hereinzuholen. Ohne ihre Anleihen hätten die Engländer und Franzosen den Krieg nicht gewinnen können. Die USA waren wirtschaftlich und in der Finanzwelt längst die dominierende Macht, diese Stellung konnten sie nicht durch eine Niederlage ihrer Schuldner riskieren. Insofern war der Kriegseintritt auch Ausdruck eines Hegemonialstrebens. Aber auf der anderen Seite machte Wilson deutlich, dass die europäische Machtpolitik des 19. Jahrhunderts gestoppt werden müsse. Nach dem Krieg sollte der Völkerbund das zentrale Instrument sein, um einer neuen Weltgemeinschaft einen Rahmen zu geben. Es sollte das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker gelten – das war eine gewaltige Herausforderung für die alten Kolonialmächte. Da war Wilson wirklich Idealist und Reformer. Er glaubte, dass die alte Politik in diese Katastrophe geführt hatte und man sie deshalb ein für alle Mal abschaffen müsse.