Wladimir Iljitsch Uljanow, wie Lenin bürgerlich hieß, gilt mit vollem Recht als Kopf der bolschewistischen Partei, als Chefstratege der Oktoberrevolution 1917 und Gründer der Sowjetunion. Ohne ihn wäre weder die Radikalität der Bolschewiki noch der Umsturz, noch die Selbstbehauptung der neuen Machthaber denkbar gewesen. Bei aller Eigendynamik der schweren Krise Russlands im Sommer 1917 war es letztlich Lenin, der seine widerstrebende Partei zum Aufstand trieb. Er kann als Beispiel dafür gelten, dass Persönlichkeiten Geschichte gestalten, zugleich aber auch als Exempel für die Bedeutung des historischen Moments.

Lenin, 1870 geboren als Sohn eines Schulinspektors aus Simbirsk an der Wolga, das heute Uljanowsk heißt, war ein exzellenter und folgsamer Schüler. Doch als er 16 war, traf seine Familie ein schwerer Schlag: Der älteste Bruder wurde wegen Vorbereitung eines Anschlags auf Zar Alexander III. im Frühjahr 1887 hingerichtet. Offenbar machte dieses Ereignis Lenin zum unversöhnlichen Feind des zarischen Staates. Er trat in die Fußstapfen seines Bruders und schloss sich den Narodnaja Wolja an, einer konspirativen Bewegung, die Terror gegen Repräsentanten des Zarenreichs rechtfertigte und sich für einen Umsturz durch die Bauern einsetzte. Im Agrarstaat Russland, so lautete die Idee, waren sie die Träger der Revolution. Bald aber beschäftigte er sich mit der marxistischen Lehre, und schon in seinen ersten Werken von 1894 sagte er sich vom Agrarsozialismus los. Vier Jahre später leitete Lenin in der Studie Entwicklung des Kapitalismus in Russland bereits mit den marxistischen Begriffen her, dass seine Heimat, obwohl noch agrarisch dominiert, unumkehrbar ins industrielle Zeitalter eingetreten sei. Damit wurde das Proletariat anstelle der Bauern zum revolutionären Subjekt. Während er noch seine Studie vorbereitete, war Lenin als Mitglied eines marxistischen Zirkels verhaftet worden, kam aber vergleichsweise glimpflich davon: Man verbannte ihn für drei Jahre, von 1897 bis 1900, an den sibirischen Fluss Lena – daher rührt der Nom de Guerre "Lenin".

Mit seiner Rückkehr aus der Verbannung begann für die marxistische Bewegung eine neue Zeit. 1898 war die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (RSDAP) gegründet worden – und Lenin kümmerte sich nun darum, dass sie ein Sprachrohr bekam, welches die Meinung der Partei in der vielstimmigen antizarischen Opposition zur Geltung brachte. Weil eine radikale politische Zeitung nur im Ausland herausgegeben werden konnte, ging Lenin 1901 erst nach Genf, dann nach München. Die nun bald erscheinende Iskra ("Funke") war seine Unternehmung; er schrieb für sie und sorgte dafür, dass sie illegal nach Russland gelangte. Er hielt zudem Kontakt mit den konspirativen Gruppen in der Heimat – bei ihm liefen die Fäden zusammen, aus denen das Netz der RSDAP geknüpft war. Und er nutzte diese Position, um zwei Einsichten durchzusetzen, die man als Lehren der "Kampfzeit" der 1890er Jahre werten kann: zum einen, dass es einer schlagkräftigen Organisation entschlossener Revolutionäre bedarf, um den Staatsapparat zu zertrümmern; zum anderen, dass diese Avantgarde vorangehen muss, um den Arbeitern das "Klassenbewusstsein" zu bringen.

Über eine Frage, die Lenin 1902 in seinem Text Was tun? analysiert hatte, zerstritt sich im Sommer 1903 der zweite Parteitag der RSDAP: Wer darf Mitglied werden? Jeder Sympathisant? Oder nur aktive Revolutionäre, die ihr ziviles Leben aufgaben? Weil einige Delegierte vor der Abstimmung den Raum verließen, setzte sich Lenin durch, sodass seine Anhänger, die eine Partei der aktiven Revolutionäre wollten, sich fortan Bolschewiki (Mehrheitler) nennen konnten. Mit seiner Radikalität sorgte Lenin dafür, dass seine Fraktion faktisch zu einer eigenen Partei wurde. Trotz mehrerer Anläufe scheiterte eine Wiedervereinigung nicht zuletzt an ihm.

Anfang Januar 1905 schoss die Palastwache in St. Petersburg auf friedliche Demonstranten, der Tag ging als "Blutsonntag" in die Geschichte ein. Die folgenden Massenstreiks überraschten jedoch alle revolutionären Parteien. Lenin befand sich im Ausland, er kehrte erst im Herbst des Jahres nach St. Petersburg zurück, als sich die Streiks und die Plünderungen der Gutshöfe auf dem Land durch aufgebrachte Bauern zur "ersten russischen Revolution" ausweiteten. Für eine bewaffnete Erhebung der Arbeiter jedoch war es noch zu früh. Lenin gewann aus diesen Tagen aber die wichtige Erkenntnis, dass eine erfolgreiche Revolution in Russland auf die destruktive Energie der Bauern als der großen Bevölkerungsmehrheit nicht verzichten konnte.

Die Sozialdemokratie sollte nach seinem Willen also fortan "zwei Taktiken" verfolgen: Neben dem Proletariat musste sie die "arme Bauernschaft" gegen die Autokratie des Zaren aufstacheln. Das Bündnis von Hammer (Arbeitern) und Sichel (Bauern) hat hier seine Wurzeln. Es verdankte sich – wie letztlich alle Leninschen Zutaten zum orthodoxen Marxismus – eher pragmatischen Motiven, einer Anpassung der Theorie an die russischen Gegebenheiten.

Auch die Lehren, die Lenin aus dem Beginn des Weltkriegs zog, lassen sich so deuten: Mit unbeirrbarer Gläubigkeit sah er darin einen Vorboten der Revolution. In der sozialistischen Bewegung war jedoch zwischen nationaler und "proletarischer" internationaler Solidarität ein Konflikt entstanden, der die Internationale im August 1914 innerlich zerrissen hatte. Lenin zögerte nicht, Stellung zu nehmen: Man müsse die Selbstzerfleischung der imperialistischen Mächte nutzen, verkündete er, um den Weltkrieg in einen internationalen "Bürgerkrieg" zu verwandeln. Als sich im September 1915 Sozialisten im Örtchen Zimmerwald in der Schweiz trafen, um die Internationale zu retten, trat umso deutlicher zutage, wie gespalten sie war: auf der einen Seite Revolutionäre wie Lenin, auf der anderen Reformisten, die in ihren Ländern den Krieg mittrugen. Der Waffengang sorgte dafür, dass die deutsch und französisch dominierte Internationale die russischen Revolutionäre tatsächlich ernst nehmen musste.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 2/17.

Doch wichtiger als Lenins Aufruf zum bewaffneten Aufstand, der noch bloße Rhetorik blieb, war eine andere Einsicht. In seiner Schrift über den "Imperialismus" formulierte er 1916 einen Gedanken, der entscheidende Bedeutung für die Selbstbehauptung des Oktoberregimes nach 1917 haben sollte: Lenin wertete in seinem Text das Zarenreich zum "schwächsten Glied" in der Kette der imperialistischen Staaten ab. So entwarf er die durchaus neue Theorie, dass die Revolution nicht – wie die Marxsche Lehre behauptete – im fortgeschrittensten kapitalistischen Staat ausbrechen werde, sondern im rückständigsten: in Russland. Zum anderen verband Lenin mit der Rede vom "schwächsten Glied" die These, dass im Zarenreich ältere Entwicklungsstadien von Staat und Gesellschaft sowie ihre Ideologien am Leben bleiben konnten – allen voran nationale Emanzipationsbewegungen wie in Georgien oder Zentralasien. Sie hatten aus Lenins Sicht ein Recht darauf, einen eigenen Staat anzustreben. Die Konsequenz daraus war, dass die Bolschewiki ein Bündnis mit diesen Unabhängigkeitsbewegungen eingehen konnten – was nach 1918 auch geschah und schließlich zur Gründung der Sowjetunion führte.