Den Reichstag betrat Paul von Hindenburg erstmals am 18. November 1919. Als Zeuge vor dem "Untersuchungsausschuss für die Schuldfragen des Weltkrieges" tat der vom Charisma eines Ersatzkaisers umwehte Feldmarschall seine Sicht auf den Ausgang des Ersten Weltkriegs kund. Dies war jener Moment, als die Dolchstoßlegende gleichsam in Bronze gegossen wurde. Sie bestand in der Behauptung, das deutsche Heer sei unbesiegt geblieben und die Niederlage von 1918 gehe letztlich auf das Konto der Heimat, die der stolzen Armee und ihrer Führung einen Dolch in den Rücken gestoßen habe.

"Wo die Schuld liegt, ist klar erwiesen", sagte Hindenburg während seines in Absprache mit dem abgesetzten General und Mitglied der Obersten Heeresleitung (OHL) Erich Ludendorff und dem deutschnationalen Politiker Karl Helfferich inszenierten Auftritts. Er ergänzte: "Ein englischer General sagte mit Recht: 'Die deutsche Armee ist von hinten erdolcht worden' [...]. Bedurfte es noch eines Beweises, so liegt er in dem angeführten Ausspruch des englischen Generals und in dem maßlosen Staunen unserer Feinde über ihren Sieg." Durch seine Aussage besiegelte Hindenburg – mit der gesamten Autorität des "Helden von Tannenberg" und in triumphaler Pose – die Lüge von der planmäßigen wie zielgerichteten Sabotage der bis zuletzt kampfbereiten Truppen durch die Heimat.

Die Schuld schob er dabei nicht dem Volk an sich zu, sondern den in Parteien und Gewerkschaften organisierten Kräften, die gerade jene für Hindenburg so wichtige "Homogenität des Volkskörpers" zu zersetzen suchten, wie sein Biograf Wolfram Pyta schreibt. Dieses "holistische Politikverständnis" habe seine – vermeintliche – Sternstunde bei Kriegsbeginn erlebt, als der "Geist von 1914" den Zusammenhalt und den Willen eines zur Gemeinschaft geschmiedeten Volkes zu zeigen schien.

Vier Jahre später war davon nur noch wenig zu spüren. Aus Hindenburgs Sicht nicht etwa, weil der Krieg seinen Tribut verlangte und das deutsche Heer sich der Übermacht der Entente spätestens seit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten 1917 nicht mehr gewachsen zeigte, sondern aus einem anderen Grund: Neu erstarkende politische Kräfte in der Heimat hätten, dem "hinterlistigen Speerwurf des grimmigen Hagen" gleich, die mit Siegfried in eins gesetzte "ermattete Front" von hinten durchbohrt. So formulierte es Hindenburg im Rekurs auf die Nibelungensage 1920 in seinen Erinnerungen Aus meinem Leben.

Erstmals aufgetaucht war das so einprägsame Bild vom Dolchstoß bereits kurz nach Kriegsende. Am 17. Dezember 1918, fast genau ein Jahr vor Hindenburgs denkwürdigem Auftritt im Untersuchungsausschuss, zitierte die angesehene Neue Zürcher Zeitung den von Hindenburg als Kronzeuge ins Feld geführten englischen General Sir Frederick Maurice mit einer Dolchstoß-Formulierung. Sosehr sich Maurice auch gegen die Instrumentalisierung seiner Person wehrte und bestritt, jemals derart argumentiert zu haben, war damit ein hartnäckiges Gerücht in die Welt gesetzt. Quasi durch einen schweizerisch-britischen Filter gespült, beanspruchte es Glaubwürdigkeit.

Noch am selben Tag griff die nationalkonservative, antirepublikanische Deutsche Tageszeitung den Bericht auf, und schon bald war die Rede vom Dolchstoß in der Alltagssprache geläufig. Im Juni 1919, als das Thema angesichts der Pariser Friedensverhandlungen hochkochte, klagte die linksintellektuelle Weltbühne über das unerträgliche, aber allgegenwärtige "Geplärr von dem unbesiegten Heer, das hinterrücks erdolcht wurde".

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/17.

Es gibt eine Reihe von Gründen, die erklären, warum das Bild vom Dolchstoß nicht gleich als die dreiste Lüge entlarvt wurde, die es war. An erster Stelle ist der Überraschungs- und Schockeffekt zu nennen, den die Mitteilung der Niederlage bei den meisten Deutschen im Frühherbst 1918 auslöste. Der Sieg im Osten mit dem harten Frieden von Brest-Litowsk gegen Sowjetrussland, die Frühjahrsoffensive im Westen, eine überzogene Siegpropaganda und die Tatsache, dass (fast) keine fremden Truppen im Deutschen Reich standen, ließen die Erwartungen gerade in der Heimat nochmals steigen, die dann umso herber enttäuscht wurden. Nach dem militärischen Zusammenbruch trat an die Stelle hochtrabender Hoffnungen ein Gefühl von Demütigung und Unsicherheit.

In die Verschwörungstheorie fügten sich zudem nahtlos die Streiks in der Heimat ein, zu denen es angesichts der zunehmend prekären Versorgungssituation seit April 1917 mit einem Höhepunkt im Januar 1918 kam, und eine Resolution des Deutschen Reichstags vom Juli 1917, die auf einen Verständigungsfrieden zielte und von SPD, Zentrum und Fortschrittlicher Volkspartei gestützt wurde.

Waren dies nicht Indizien einer Sabotage von der Heimat aus? Das fragten bald führende Militärs – und gaben die Antwort selbst. Er habe den Kaiser gebeten, ließ Erich Ludendorff die Stabsoffiziere bei der OHL in den Tagen des Waffenstillstands Anfang Oktober 1918 wissen, "jetzt auch diejenigen Kreise an die Regierung zu bringen, denen wir es in der Hauptsache zu danken haben, dass wir so weit gekommen sind. [...] Sie sollen die Suppe jetzt essen, die sie uns eingebrockt haben." Mit einer Mischung aus Autosuggestion und Perfidie suchte die OHL nach einem Weg aus der Verantwortung – sie sollte ganz auf die führenden Köpfe des sozialdemokratischen und liberal-bürgerlichen Lagers abgewälzt werden.