Selbst für einen "Erbfeind" ist das dreist: 80 französische Offiziere, gekleidet in preußische Uniformen, fallen klammheimlich in Deutschland ein. Mit zwölf Autos überqueren sie die Grenze – die Wagen randvoll beladen mit Gold, das für die russische Kriegskasse bestimmt ist. So meldet es der Düsseldorfer Regierungspräsident am 3. August 1914, so verbreitet es die größte deutsche Nachrichtenagentur, und so berichten es etliche deutsche Zeitungen. Es ist der Beginn einer Lawine. Denn von nun an überschlagen sich die Meldungen – die Goldautos werden überall im Land gesichtet. Am 5. August sollen es bereits 25 Wagen sein, die nach Osten fahren, und, kaum weniger skandalös: Am Steuer sitzen nun auch Frauen. Das macht den "Automobileinfall" für die Zeitgenossen noch impertinenter.

Landauf, landab rufen Anwohner den Verteidigungsfall aus: Straßenbarrikaden werden errichtet, Bauern bewaffnen sich mit Heugabeln und Hinterladern, Veteranen polieren ihre Kavalleriesäbel, um den Feind an der nächsten Kreuzung zu stellen. Verdächtig ist jeder, der ein Auto fährt, zumal wenn er Uniform trägt – so wie Harry Graf Kessler. Der deutsche Offizier berichtet in seinem Tagebuch, wie er in Brandenburg "in jedem Dorf zweimal, bei Einfahrt und Ausfahrt", von einer Phalanx finster dreinblickender Landmänner gestoppt wird: "Die Bauern haben Sperren mit Heuwagen und Draht angelegt, stehen mit alten Jagdflinten dabei und halten jedes Auto auf. Bei Kiekebusch sperrten drei Mann mit Jagdflinten die Strasse, und als ich von ihnen eine Legitimation verlangte, zeigte einer einen Jagdschein vor."

So lauern die Posten im ganzen Reich und können die Agenten doch nicht fassen. Aber auch dafür liefern die Zeitungen eine Erklärung: "Die Insassen der Automobile, die Geld nach Rußland schaffen, sollen das Geld jetzt Radfahrern übergeben haben, die Maurerkleidung tragen." Das bedeutet, dass die Jagdgesellen nun Radler und Maurer aufs Korn nehmen. Manch einer entwickelt auch ein Gespür für Transportprobleme. So rechnet die Rheinisch-Westfälische Zeitung vor, dass man für die vermuteten 26 Tonnen Gold mindestens 1.066 Radfahrer benötige. Doch selbst wenn es Zweifel sind, die hier laut werden: Sie halten das Blatt nicht davon ab, die Sensation auf der Titelseite zu bringen.

Eine andere Zeitung will erfahren haben, dass eines der Autos das Kennzeichen "12386" trage. Nur ein Detail über die frechen Goldagenten ist in keiner einzigen Zeitung zu finden: Nirgendwo steht, dass die Geschichte frei erfunden ist.

Wahrscheinlich hat der deutsche Generalstab die Meldung lanciert und bewusst falschen Alarm geschlagen, um die Bevölkerung für den Krieg zu mobilisieren. Kaum aus der Flasche, ist der Geist jedoch nicht mehr einzufangen: Die Nachricht verbreitet sich wie ein Steppenbrand. Sie befeuert die Hysterie im Land: Der Krieg ist da, aber wo sind die Feinde? Die buchstäblich naheliegende Antwort lautet: überall. Deutschland werde von Spionen "geradezu überschwemmt", warnen die Zeitungen. Agenten in den außergewöhnlichsten Verkleidungen verüben die unglaublichsten Anschläge: Klosterfrauen sollen sich als Bombenleger entpuppt haben, Wanderer Cholerabazillen im Spazierstock tragen, um Brunnen zu vergiften. Keine Meldung ist absurd genug, um nicht gedruckt zu werden. Und mit jeder neuen Parole wächst die Panik – und die Pogromstimmung gegen Ausländer. Doch nicht nur die Nerven der Deutschen liegen blank, auch in Frankreich und England grassiert die "Spionitis". Im Königreich geraten selbst die Verbündeten ins Visier: Statt Goldautos entdeckt die britische Bevölkerung überall russische Truppen, die zur Verstärkung der Westfront angeblich durch das Land geschleust werden.

Der Erste Weltkrieg beginnt auf allen Seiten mit einer Epidemie aus Lügen, Gerüchten und falschen Verdächtigungen. Massiver als je zuvor wird dieser Krieg auch als Medienschlacht um die Moral der Bevölkerung geführt. Erstmals wird die Propaganda zur entscheidenden Waffe – und die Lüge zur wichtigsten Munition.

Dass die Wahrheit "das erste Opfer des Krieges" sei, wird später zum Allerweltszitat, doch eingeführt hat das Bonmot der britische Unterhausabgeordnete Arthur Ponsonby 1928 in seinem Buch Falsehood in War-Time über den Ersten Weltkrieg. Wer den Krieg gewinnen wollte, konnte sich die Wahrheit schlicht nicht leisten, urteilt Ponsonby. Tatsächlich wird es 1914 einsam um die Wahrheit. Auf beiden Seiten werden Propagandabüros etabliert, die Lügen soufflieren; die Presse wetteifert mit erfundenen Sensationen, und das nationalistisch entflammte Publikum glaubt nur zu gerne, was ihm vorgesetzt wird.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/17.

Mehr als das: Die Bevölkerung wird zur Komplizin der Propaganda. Jeder auf seine Weise. Während die Agentenjäger ihre Flinte schultern, greifen die Intellektuellen zur Feder. Im Oktober 1914 unterzeichnen so namhafte deutsche Geistesgrößen wie der Schriftsteller Gerhart Hauptmann, der Maler Max Liebermann oder der Physiker Max Planck den Aufruf An die Kulturwelt! , der sich zur Wahrheit verhält wie der Krieg zum Frieden. Das Pamphlet präsentiert klassische Ausreden – dem Reich sei der Kampf "aufgezwungen" worden – und leugnet die deutschen Massenverbrechen in Belgien. Und das, obwohl die Elite sich ausdrücklich als "Verkünderin der Wahrheit" empfiehlt, die den Feinden die "vergifteten Waffen der Lüge" entreißen will. Die Lüge wird zum Kampfbegriff derer, die selbst lügen und dabei das Gewand des wahrheitsliebenden Aufklärers tragen.

Wo fängt die Lüge im Krieg an? Beim Verschweigen. Alle Nationen zensieren die Beschreibungen und Abbildungen des Krieges, und vielfach zensieren die Korrespondenten, Künstler und Briefeschreiber sich selbst. Das Schlachthaus der Front erscheint in Zeitungen und Wochenschauen als harmloses, fest auf Sieg abonniertes Männerabenteuer – Niederlagen bleiben das Schicksal des Gegners. So wie die deutsche Oberste Heeresleitung im September 1914 nichts über das Desaster an der Marne verlauten lässt, räumt der französische Generalstab 1914 nicht mal den Verlust eines Pferdes ein. Die englische Presse feiert den Beginn der Somme-Schlacht am 1. Juli 1916 als "good day", obwohl die Briten an diesem rabenschwarzen Tag fast 20.000 Soldaten verlieren.