Elegante Kleidung, Frauen mit Lippenstift, Puder und Schminke sowie Häftlinge, die abgemagert angekommen seien und sich mit der Zeit "herausgefuttert" hätten, vor allem aber: "nicht die geringsten Anzeichen von Massenvergasungen". So stellte der einst in Auschwitz stationierte ehemalige SS-Sonderführer Thies Christophersen die Verhältnisse dar, die im letzten Kriegsjahr dort geherrscht haben sollen. Die Auschwitz-Lüge nannte er seine 1973 gedruckte Broschüre.

Der Titel war Programm. Keine verschämte autobiografische Rechtfertigungsschrift hatte Christophersen verfasst, sondern einen Frontalangriff auf das etablierte Geschichtswissen. Sein Protegé, der Hamburger Neonazi Michael Kühnen, potenzierte die öffentliche Wirkung der Broschüre: Im Mai 1978 marschierte Kühnen, damals 22 Jahre alt, mit Angehörigen einer von ihm geführten Neonazi-Gruppe in der Hamburger Innenstadt auf. Sie trugen Eselsmasken über dem Kopf und Schilder um den Hals, auf denen zu lesen war: "Ich Esel glaube noch, daß in deutschen KZs Juden 'vergast' wurden". Bis heute wirkt diese Aktion nach und verleitet dazu, Holocaust-Leugnung allein mit rechtsextremistischer Propaganda gleichzusetzen.

Während dies in Deutschland weitgehend zutrifft, lässt sich dasselbe für andere Länder nicht sagen. Die Holocaust-Leugnung hat je eigene Wurzeln, wird mit unterschiedlichen Motivationen und Stoßrichtungen betrieben und ist politisch-ideologisch vielseitig anschlussfähig. Unter den Leugnern findet man Menschen wie den Franzosen Paul Rassinier, einen früheren Kommunisten, Résistance-Angehörigen und KZ-Häftling, oder den als Islamisten bekannten vormaligen iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Oder den amerikanischen Elektrotechnik-Professor Arthur R. Butz, den österreichisch-rumänischen Holocaust-Überlebenden J. G. Burg, den Publizisten und Hitler-Verehrer David Irving aus England sowie den verurteilten Linksterroristen und Neonazi Horst Mahler.

So divers sich die kleine wie international gut vernetzte Szene präsentiert und so unterschiedlich die Hintergründe und Absichten ihrer Mitglieder sind – eines eint sie doch: ihr Antisemitismus. Wer die Auffassung vertritt, beim Holocaust handele es sich um einen "Jahrhundert-Betrug" (so ein Buchtitel), kann dies nur auf zwei Arten begründen. Entweder muss er behaupten, dass die Quellen und Überlieferungen, die über den Holocaust Auskunft geben, nicht verlässlich und aussagekräftig oder nicht authentisch sind. Oder aber er muss "den Historikern" vorwerfen, in dieser Frage zielgerichtet zu lügen, zumindest jedoch einem Schwindel aufzusitzen. Beide Argumentationen, die auch kombiniert werden, sind von judenfeindlichen Ressentiments geprägt. Sie sind nicht plausibel, ohne dass eine steuernde und über immense Macht und enorme Ressourcen verfügende Instanz im Hintergrund angenommen wird. Nur eine solche Macht wäre in der Lage, den von ihr ersonnenen Holocaust in die Geschichtsbücher zu schmuggeln – indem sie Unmengen verschiedener Quellen manipuliert, fälscht und erpresst sowie Historiker auf der ganzen Welt dazu bringt, das zu schreiben, was sie wünscht. Wer nun hinter diesem Komplott, hinter der "Auschwitz-Lüge" steht, ist für Holocaust-Leugner eindeutig: diejenigen, die mit dem Holocaust ihre politischen Interessen durchsetzten, moralisch und finanziell vom Opferstatus profitierten und ansonsten nie einen Staat hätten errichten können – "die Juden".

Unabhängig davon, ob der Nationalsozialismus wieder salonfähig gemacht werden soll, das "Machtinstrument" Holocaust ins Visier genommen oder Israel die Legitimität abgesprochen wird, treten bei der Leugnung des Holocaust regelmäßig drei Argumentationsfiguren einzeln oder in Kombination und in verschiedenen Ausprägungen auf:

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/17.

Erstens wird die Zahl der wegen ihrer jüdischen Herkunft ermordeten Menschen von etwa sechs Millionen auf meist wenige Hunderttausend reduziert. Zweitens verneinen die Leugner, dass die Gaskammern der Lager überhaupt funktionstüchtig waren und dass dort Giftgas zur Ermordung von Menschen eingesetzt wurde sowie dass eine so große Zahl von Leichen überhaupt hätte beseitigt werden können. Drittens wird behauptet, dass die deutsche Führung weder die Absicht noch einen Plan zu einem Genozid an den Juden gehabt und auch keine entsprechenden Schritte angewiesen habe.

Die ersten Bestrebungen, den Holocaust zu leugnen, gab es bereits kurz nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes. Im einschlägigen Schrifttum wurde dieses Thema aber erst beherrschend, als sich in den siebziger Jahren der Blick auf den Nationalsozialismus wandelte und der Holocaust – vor allem in Gestalt der Gaskammern, in denen etwa die Hälfte der Opfer umgebracht wurde – ins öffentliche Bewusstsein rückte. Zudem passten viele Leugner den Stil ihrer Texte und auch den Weg der Verbreitung den veränderten Bedingungen an: Dickleibige Bücher, die sich als seriöse historische Studien ausgaben, lösten die bis dahin dominierenden, meist plumpen Pamphlete ab. Pseudowissenschaftliche "Forschungsinstitute" wurden ins Leben gerufen, Autoren schmückten sich mit falschen Doktortiteln oder publizierten unter Pseudonymen, mit denen sie sich dann selbst zitierten. Seit den achtziger Jahren setzten auch die Leugner auf audiovisuelle Medien, und es tauchten vermeintliche Expertengutachten auf – mittels chemischer Analysen und technischer Kalkulationen sollte bewiesen werden, dass in den Gaskammern keine Menschen ermordet worden seien. Seit Mitte der neunziger Jahre wurden ältere Publikationen digitalisiert und ins Internet gestellt; neben sie traten Schriften, die sich als metaphysisch-philosophisch ausgaben und antijudaistische Tiraden verbreiteten. Am Charakter der Behauptungen änderte sich im Laufe der Jahrzehnte wenig. Zum Repertoire der Leugner gehört nach wie vor, Sachverhalte nach Belieben zu ignorieren oder falsch darzustellen, Zitate zu manipulieren und sogar Dokumente zu fälschen.

Heute schrumpft die Gruppe der Holocaust-Leugner und fragmentiert sich: Die einen schreiben viele Hundert Buchseiten über ein NS-Lager nach dem anderen, um sie zu verharmlosen; oder sie produzieren aufwendige Internet-Filme. Die anderen befassen sich nicht mehr mit den historischen Ereignissen – sie rennen stattdessen gegen deren Deutung und Stellenwert an. Dies hat auch damit zu tun, dass 1994 die Holocaust-Leugnung in Deutschland zum eigenen Straftatbestand wurde, der mit bis zu fünf Jahren Haft geahndet werden kann. Verurteilungen hatten zwar auch zuvor gedroht, doch seit der Strafrechtsänderung weichen Holocaust-Leugner vermehrt auf Argumentationen aus, die nicht justiziabel sind und sich an aktuelle Ereignisse anlehnen: So wird etwa die israelische Palästinenserpolitik mit dem Holocaust gleichgesetzt, wodurch er trivialisiert und verharmlost wird. Eine kleine Gruppe von Leugnern verfolgt eine offensivere Strategie: Sie wollen die Behörden mit einer Flut von Selbstanzeigen in die Knie zwingen, einen Volksaufstand auslösen – und so eine angeblich auf dem Holocaust basierende Fremdherrschaft beenden.

Auch wenn der Holocaust-Leugnung wahnhaftes Verschwörungsdenken eingeschrieben ist, wird sie auch kalkuliert propagandistisch eingesetzt. Es war Altnazi Thies Christophersen, der vor einer Kamera einst bekannte: "Ich will uns entlasten und verteidigen, dann kann ich das nicht mit dem, was wir tatsächlich getan haben. Ich leugne das nicht. Aber jeder Verteidiger, der was zu verteidigen hat, der wird doch nicht das Belastende aufführen."

Spätestens mit diesem Eingeständnis fiel die Lüge, die Christophersen anderen vorwarf, auf ihn selbst zurück.