Der Weltkrieg beginnt in der Provinz, 450 Kilometer südöstlich von Berlin, unweit der Stadt Gleiwitz in Oberschlesien. Am 31. August 1939 gegen 20 Uhr laufen dort sechs, sieben Gestalten durch die Dunkelheit. Ihr Ziel: der Rundfunksender der Stadt, der nahe der deutsch-polnischen Grenze liegt. Die Männer stürmen die Anlage, überwältigen das Personal und rufen nacheinander auf Polnisch und Deutsch ins Mikrofon: "Achtung! Achtung! Hier ist der Polnische Aufständischen-Verband. Der Rundfunksender Gleiwitz ist in unserer Hand. Die Stunde der Freiheit ist gekommen!"

Doch die Truppe besteht nicht aus Polen, sondern aus deutschen SS-Männern. Der Überfall ist eine Inszenierung: Es soll so aussehen, als sei das Großdeutsche Reich von Polen attackiert worden. In derselben Nacht kommt es noch zu anderen "Grenzzwischenfällen" in Oberschlesien. So wird ein deutsches Forsthaus bei der Stadt Pitschen (Byczyna) nordwestlich von Gleiwitz überfallen und weiter südlich die Zollstation in Hochlinden (Stodoły). Das Ziel aller Aktionen: Deutschland und die Welt sollen auf einen Krieg gegen Polen vorbereitet werden.

Um den Zorn auf das Nachbarland zu schüren, rollt umgehend die Propagandawelle der Nazis an: Bereits um 22.30 Uhr erfahren die Deutschen aus dem Volksempfänger von den Zwischenfällen an der Grenze, auch der Überfall auf den Sender Gleiwitz findet Erwähnung. Am Morgen berichtet Deutschlands gleichgeschaltete Presse von dem "unerhörten heimtückischen Überfall". Die Krönung der Propaganda ist schließlich die Rede Adolf Hitlers am Vormittag des 1. September im Reichstag. Hitler ist erregt oder spielt Erregung. Er spricht nicht nur von den Zwischenfällen an der Grenze, sondern teilt gleichzeitig den Beginn des Krieges gegen Polen mit – wobei er den Begriff "Krieg" stets vermeidet. Stattdessen kleidet er den Angriff in den berühmt gewordenen Satz: "Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!" Hitler vertut sich dabei um eine Stunde, denn der Angriff ist bereits um 4.45 Uhr erfolgt.

Die meisten Deutschen gehen der Propaganda auf den Leim. Doch bei den Westmächten hat die deutsche Führung mit dieser Rede Hitlers ihren Ruf endgültig verspielt. Er zeigt damit einmal mehr, dass vorherige Zusicherungen für ihn nicht mehr gelten: Er attackiert die Grenzregelung mit Polen aus dem Versailler Vertrag. Dabei hat er bei der Beilegung der Sudetenkrise 1938 noch behauptet, keine territorialen Forderungen in Europa mehr zu stellen – und dem Deutschen Reich danach trotzdem Prag und Memel einverleibt. Der Vertrauensvorschuss der Briten und Franzosen ist nun endgültig perdu.

Noch früher, 1934, hatte Deutschland mit Polen sogar einen Nichtangriffspakt geschlossen und vereinbart, Streitfragen friedlich zu lösen. Für Hitler ist dieser Pakt allerdings eine rein taktische Angelegenheit. Im Frühjahr 1939 kündigt er ihn auf. Schon zu diesem Zeitpunkt nimmt er für Herbst den Angriff auf Polen ins Visier. Am 11. August erklärt er dann, dass er "Polen ohne Warnung zerschmettern" werde, wenn sich der "kleinste Zwischenfall" ereigne. Bereits kurz zuvor hat Sicherheitsdienst-Chef Reinhard Heydrich einem führenden Gestapo-Mann mitgeteilt: "Der Führer braucht einen Kriegsgrund." Am 22. August kündigt Hitler an, er werde "propagandistischen Anlass zur Auslösung des Krieges geben, gleichgültig, ob glaubhaft". Der Sieger werde später nicht danach gefragt werden, ob er die Wahrheit gesagt habe.

Die Nationalsozialisten planen die "polnischen" Angriffe aber dennoch sorgfältig und minutiös. Heydrich, die rechte Hand des Reichsführers SS Heinrich Himmler, entwickelt den konkreten Plan. Anfang August 1939 weihen er und Himmler Hitler in ihr Vorhaben ein. Danach laufen die Dinge parallel: Der Krieg wird vorbereitet und zugleich die Lüge, die den Grund für den Krieg liefert. Flankierend geriert sich Hitler als Friedensfürst, indem er Polen und Großbritannien permanent "großzügige" Angebote macht.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/17.

Währenddessen sucht der Sicherheitsdienst (SD) Männer aus den Reihen der oberschlesischen SS, die Polnisch sprechen. Sie kommen in der SD-Führerschule in Bernau bei Berlin zusammen. Die Einrichtung liegt verborgen in einem Waldwinkel. Dort werden die Männer trainiert, üben Nachtangriffe und verbessern ihr Polnisch. Sie erhalten polnische Uniformen, mit deren Beschaffung der Leiter des SD-Ausland Heinz Jost sowie Abwehrchef Wilhelm Canaris beauftragt sind. Zugleich werden die Verantwortlichen der verschiedenen Aktionen benannt: Die Attacke in Gleiwitz soll SS-Sturmbannführer Alfred Naujocks leiten, ein glühender Nationalsozialist, der bereits 1931 als 19-Jähriger zur SS und NSDAP gestoßen ist. Naujocks und seine Männer werden in zwei Hotels in Gleiwitz einquartiert und warten dort auf ihren Einsatzbefehl.

Am 22. August, zehn Tage vor Kriegsbeginn, weiht Hitler die Führung der Wehrmacht ein. In seiner Residenz am Obersalzberg haben sich rund 50 Generale und Offiziere im Großen Saal versammelt. Gegen Mittag hebt Hitler zu einer Rede an. Die Anwesenden dürfen keine Notizen machen, doch einige Teilnehmer, unter ihnen Canaris, ignorieren das Verbot. Die Botschaft, die sie hören, ist klar: Hitler will den Krieg gegen Polen. Unter anderem argumentiert er: "Niemand weiß, wie lange ich noch lebe. Deshalb Auseinandersetzung besser jetzt." Er spricht sich und den Anwesenden Mut zu: "Unsere Gegner sind kleine Würmchen." Keiner im Saal wagt einen Einwand. Einer von ihnen, General Curt Liebmann, erinnert sich bald darauf, dass im Stillen viele besorgt gewesen seien; ihn selbst habe die "nicht zu überbietende Leichtfertigkeit" Hitlers erschreckt.