"Was ist Wahrheit?", fragt Pontius Pilatus Jesus vor Gericht. Der Angeklagte hat gerade bekannt, er sei in die Welt gekommen, um die Wahrheit zu bezeugen. Doch Pilatus will römisches Recht vollstrecken – mit der Wahrheit hat er ein Problem. Denn an keinem Ort der Welt wird so viel gelogen wie vor Gericht. Wenn Menschen um ihr Recht streiten, wird exemplarisch erkennbar, warum sie überhaupt zur Lüge neigen: Es geht um Wesentliches, um die Durchsetzung des eigenen Standpunktes, der eigenen Interessen. Dient es dem eigenen Wohl, wollen Menschen das Ihre auch gegen die Wahrheit behaupten. Dafür sind sie bereit, gegen alle Gesetze des Staates und der Moral zu verstoßen.

Die Wahrheit, die Jesus meint, ist dann auch eine, die in der Welt nicht ihren bevorzugten Ort hat. Deshalb verweist er auf seine Mission, sie in seiner Person zu bezeugen – wohl wissend, dass es Lüge, Leugnung von Wahrheit und falsches Zeugnis sehr viel leichter haben. Wer die Wahrheit sagt, muss oft Nachteile in Kauf nehmen und Verzicht leisten. Je schmerzlicher der Verzicht, desto höher ist die Bereitschaft, mit einer, vorsichtig gesagt, flexiblen Moral an die Sache heranzugehen. Besonders groß ist diese Versuchung naturgemäß dort, wo die schlechthin entscheidenden Fragen verhandelt werden: in der Politik.

Politiker legen die Regeln des Miteinanders fest, verteilen die Ressourcen, entscheiden über Zukunftschancen von Menschen und darüber, wem solche Chancen verwehrt bleiben. Letztlich können sie sogar über Leben und Tod entscheiden: im Krieg, im Strafrecht, sogar im Gesundheitswesen und im Sozialrecht. Es geht um nicht weniger als darum, wie man leben kann und ob man leben darf. Ist es da so verwunderlich, dass gerade in der Politik immer wieder gelogen wird? Ist es nicht nachvollziehbar, dass die eigenen Interessen verschleiert, die Bürger in trügerischer Sicherheit gewiegt und falsche Versprechungen gemacht werden? Die politische Lüge ist so alt wie die Politik selbst, und sie wird uns nicht verlassen, solange Menschen über Menschen herrschen.

Täglich neue Fake-News, die nahezu unbegrenzten Möglichkeiten des Internets und der Verlust an Vertrauen in etablierte Medien lassen politische Lügen heute mächtiger denn je erscheinen. Dabei war ihre Macht schon immer zu spüren. Bereits im antiken Griechenland redeten die Athener den ionischen Städten Kleinasiens ein, sie seien allesamt von Athen gegründet worden. Das sollte die Legitimation liefern, die Städte im attisch-delischen Seebund ungeniert zu dominieren und die Bundeskasse unter die eigene Kontrolle zu bringen.

Im Mittelalter wurde oft in Form gefälschter Urkunden gelogen, mit zum Teil erheblichen machtpolitischen Folgen. So schuf eine vom Habsburger Herzog Rudolf IV. in Auftrag gegebene Fälschung im 14. Jahrhundert die Grundlage für den Aufstieg seiner Dynastie: Mittels des Privilegium maius beriefen sich die Habsburger auf angeblich seit Jahrhunderten verbriefte Rechte, was ihnen dann tatsächlich den Weg zum Erzherzogtum und zur beherrschenden Stellung in Österreich ebnete.

Auch das Erfinden von Falschmeldungen, um politische Gegner zu diffamieren, hat eine lange Tradition. Im 17. Jahrhundert löste in England das Gerücht von einem Mordkomplott der Jesuiten gegen den König (Popish Plot) eine Massenhysterie und eine politische Krise aus, in deren Gefolge 35 vermeintliche Verschwörer hingerichtet und die antikatholischen Gesetze verschärft wurden. Urheber des erfundenen Gerüchts war ein ehemaliger anglikanischer Geistlicher, der offenbar die Stimmung gegen Katholiken anheizen wollte.

Im 20. Jahrhundert zeigten die totalitären Systeme des Kommunismus und des Nationalsozialismus, dass es Regime geben kann, die sich ganz und gar auf Lügen gründen. Die grundlegendste Lüge war die Verheißung eines bereits auf Erden zu verwirklichenden Heilszustands. Weil die Regime diese Heilsversprechen niemals einlösen konnten, war ihre Verlogenheit grenzenlos. Bisweilen zeigte die Lüge absurde Züge, etwa wenn in Rumänien die Ceauşescu-Regierung so weit ging, sogar den Wetterbericht zu fälschen. Die Menschen sollten glauben, dass sie es sich nur einbildeten, so entsetzlich zu frieren. An den fehlenden Brennstoffen lag es jedenfalls nicht.