ZEIT Geschichte: Herr Wippermann, wann haben Sie das letzte Mal gelogen?

Wolfgang Wippermann: Oh Gott, dazu möchte ich lieber nichts sagen.

ZEIT Geschichte: Warum? Heute lügt jeder. Wir leben im "postfaktischen Zeitalter".

Wippermann: Ich sage trotzdem lieber nichts. Aber es stimmt natürlich, es ist heutzutage normal, zu lügen.

Thorsten Quandt: Ich finde den Begriff "Lüge" per se etwas schwierig. Es gibt das schöne Zitat des Kybernetikers Heinz von Foerster, der gesagt hat: "Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners." Da ist etwas dran. Ich denke, die Grenze, die wir zwischen "Wahrheit" und "Lüge" ziehen, existiert in dieser Form nicht.

ZEIT Geschichte: Sie halten Ihre Aussage aber doch auch für wahr, oder?

Quandt: Ich finde den Begriff Faktizität angenehmer. Er bezieht sich auf Dinge, die ich überprüfbar machen kann. Das ist bei den sogenannten Alltagslügen häufig nicht der Fall. Es gibt angeblich Studien, dass Menschen 200-mal am Tag lügen, aber oft geht es um etwas anderes, um Gerüchte, Befindlichkeiten oder um Höflichkeit. Zum Beispiel das Kompliment "Du siehst heute wieder blendend aus" – ist das, wenn es nicht stimmt, gleich eine Lüge?

ZEIT Geschichte: Bleiben Sie auch so entspannt, wenn es um Lügen in der Politik geht? Das Thema hat gerade Konjunktur.

Quandt: Es scheint so zu sein, aber wir haben keine guten empirischen Daten, um wirklich sagen zu können, ob die Menge an Lügen in der Gesellschaft oder der Politik tatsächlich zugenommen hat. Es ist eher eine gefühlte Zunahme.

Wippermann: Gelogen wurde immer schon. Und auch immer auf dieselbe Art und Weise.

ZEIT Geschichte: Verraten Sie uns, welche Musterlügen Sie meinen?

Wippermann: Drei Arten von Lügen kehren immer wieder: die kommunikative Lüge – die andere Wahrheit, die "alternativen Fakten". Dann die religiöse Lüge, das achte Gebot: "Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten" – das muss man ernst nehmen. Und es gibt die politische Lüge, die gefährlichste von allen. Aber keine dieser Kategorien von Lügen ist neu. Das "postfaktische Zeitalter" hat es schon in der Antike gegeben. Was sich heute verändert hat, ist der durch die digitale Revolution ausgelöste Strukturwandel der Öffentlichkeit. Im Internet hat jeder die Möglichkeit, Lügen nicht nur zu rezipieren, sondern auch zu produzieren.