Streng genommen steckt bereits im Namen die Unwahrheit: Lügen konnte dieser Apparat nie detektieren, also messen. Dabei ist nicht der zweite Wortteil problematisch – detektiert hat der Lügendetektor in seiner kurzen Geschichte allerhand. Die Wahrheit aber brachte er selten, und wenn, dann indirekt ans Licht. Als Exponat der Technikgeschichte macht ihn das nur umso interessanter: Der Lügendetektor ist, um mit dem zeitgenössischen Synonym der Lüge zu sprechen, ein echtes Fake-Artefakt.

2021 oder 2025 wird er hundert Jahre alt; wann genau, hängt davon ab, wessen Prototyp man als Urahnen gelten lässt. Sein Siegeszug durch Psyche und Popkultur begann jedenfalls in Kalifornien: Dort baute im Jahr 1921 der Forensiker John Augustus Larson den ersten modernen Lügendetektor. Larsons Assistent Leonarde Keeler meldete vier Jahre später als Erster auf einen solchen Apparat ein Patent an (er erhielt es 1931 unter der Nummer 1788434).

Fotos zeigen das klobige Gerät neben Probanden, die einen Gurt um die Brust, eine Manschette am Oberarm und Sensoren auf der Haut trugen; ganz wie im Krankenhaus. Es wurden Atemfrequenz, Blutdruck und Leitfähigkeit der Haut gemessen. Das Gerät hatte keinen Bildschirm, die Werte wurden als Kurven auf einen karierten Papierstreifen gezeichnet, wovon sich auch der offizielle Name ableitet: "Keeler-Polygraph". "Poly" wie viel, "Graph" wie Schriftzeichen; ein grundehrlich-deskriptives Fachwort. Bloß hatte es keine Chance gegen sein zwar irreführendes, aber alltagssprachlich tauglicheres Pendant. Ein Suchlauf bei Google Books zeigt, was schon 1922 galt: Der polygraph bleibt weit hinter dem lie detector zurück – den "Vielschreiber" kennt keiner, den "Lügendetektor" jeder.

Ach ja, die Mär vom Wahrheitsmessgerät! Wer jetzt gebildet nickend weiterblättern will, der sei auf eine Gedankenreise in die zwanziger Jahre eingeladen und weiter zurück in die Vorgeschichte der Wahrheitsmessung, um den "Detektor" näher kennenzulernen – und seine Vorgänger. Das ewige Dilemma, zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden zu wollen, dabei aber oft aus dem Bauch heraus entscheiden zu müssen, versuchten die Menschen nämlich schon vor Jahrtausenden zu lösen, indem sie ein subjektives Urteil objektivierten.

Die alten Chinesen wollten der Wahrheit mithilfe von Reis auf die Schliche kommen: Ein Verdächtiger musste eine Handvoll Körner in den Mund nehmen und sie nach einer Weile unter den Augen des Richters ausspucken. Waren sie trocken, galt die Schuld als erwiesen. So willkürlich der Test wirkt, beruhte er doch auf der Beobachtung, dass Furcht oder Anspannung oft mit einem trockenen Mund einhergehen. Man könnte sagen, dass die Chinesen einen physiologischen Parameter benutzten. Genauso wie der griechische Gelehrte Erasistratos (um 304–250 vor Christus), der Lügner enttarnen wollte, indem er ihnen den Puls maß. In Indien dagegen achteten die Richter darauf, ob die (barfüßigen) Angeklagten ihre Zehen zusammenkniffen. Einwenden kann man natürlich gegen diese Methoden, dass sie nicht den Wahrheitsgehalt einer Aussage ermittelten, sondern nur eine zeitgleiche Körperreaktion beobachteten.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/17.

Rührte aber ein trockener Mund oder schneller Puls von nervösem Schuldbewusstsein her? Oder waren sie der Unsicherheit im Verhör geschuldet? Der Furcht vor dem Richter? Immerhin konnte es für Verdächtige um Leben oder Tod gehen. "Fehlurteil" nennen die Juristen, was mitunter drohte; für die Wissenschaftler ist so ein Ergebnis "falsch positiv" – eine Gefahr, die Lügendetektoren bis heute anhaftet. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass die Gottesurteile und Hexenbäder des Mittelalters mehr Menschen das Leben gekostet haben dürften. Im Kontrast dazu erscheint sogar eine heute längst verrufene, weitere Idee der Wahrheitsfindung als Fortschritt: In den 1780er Jahren behauptete der Arzt Franz Joseph Gall, es gebe einen Zusammenhang zwischen Schädelform und Charakter eines Menschen. Er sprach von der "Phrenologie". Mehrfach wurde Gall vor Gericht hinzugezogen, um – stand Aussage gegen Aussage – anhand der Kopfform zu bestimmen, wer der Lügner sei. So falsch die Theorie war, stand sie für ein Denken in Ursache und Wirkung, in Zusammenhang und Gesetzmäßigkeit. Man kann diesen Irrweg der Medizin also zur Vorgeschichte moderner Lügendetektoren zählen.

Während des Ersten Weltkriegs entwickelte der Harvard-Psychologe William Moulton Marston dann ein experimentelles Verfahren zur Blutdruckmessung während eines Gesprächs. Und Anfang der zwanziger Jahre kombinierten eben Larson und Keeler, als sie den Lügendetektor erfanden, drei Dinge aus dem Werdegang der Lügensuche miteinander: Sie wollten den Wahrheitsgehalt einer Aussage maschinell messbar machen; zu diesem Zwecke die Körperreaktion eines Menschen aufzeichnen; und sie hatten die Technik, dies bei Atmung und Puls eines Menschen auch zu tun.

Vor allem aber hatten die beiden Männer ein Anliegen: Sie wollten die Polizeiarbeit modernisieren und humaner machen. Der Historiker Ken Alder zeichnet in seinem Standardwerk über den Lügendetektor ein düsteres Bild von den Methoden der Polizei in den USA dieser Jahre: Willkür, Einschüchterung und Brutalität prägten den Alltag. Es formierte sich aber auch die Bewegung für eine Polizeireform, besonders in Berkeley, Kalifornien, wo sich Larson und Keeler trafen. "Die beiden Männer arbeiteten unter dem Polizeichef der Stadt, einem Fürsprecher wissenschaftlicher Methoden bei den Ermittlungen. Und John Larson war landesweit der erste Cop mit Doktortitel", schreibt Alder. Das ist der Kontext der heute kurios anmutenden Maschine: Progressive Polizisten strebten nach einer objektiven, rationalen und nachvollziehbaren Ermittlungspraxis. Der Lügendetektor versprach im doppelten Sinn ein Instrument der Aufklärung zu sein.

Wenn nur der Apparat dieses Versprechen hätte einlösen können! Belegt sind sowohl spektakuläre Fälle "falsch positiver" Ergebnisse (die zur Verurteilung Unschuldiger führten) wie auch "falsch negativer" (in denen Lügen unbemerkt blieben). Miterfinder Keeler, "ein junger Enthusiast mit weniger Integrität als Charme" (Alder), schadete dem Projekt, indem er Tricks mit Spielkarten vorführte, um die Wirksamkeit des Geräts zu demonstrieren. Tatsächlich hatte er nachgeholfen und die Karten fingiert. Sein Interesse galt bald eher der kommerziellen Verwertung der Erfindung als der Wahrheit: Keeler verdiente Geld mit dem Verkauf der Geräte und mit der Fortbildung von Ermittlern. Die Kurven auf den Papierstreifen waren ja stets interpretationsbedürftig: Nie zeigten sie "wahr" oder "falsch". Bestenfalls zeigten sie: Der Verhörte wird nervös. Aber weshalb? Das musste interpretiert werden – wie einst auch die Chinesen oder Erasistratos deuteten, was sie sahen.

Ein Erfolg, kommerziell wie popkulturell, war der Lügendetektor zweifelsohne. Zur Zeit der Kommunistenhatz in der McCarthy-Ära wurde er zum Furchtinstrument. Später avancierten Varianten für den Hausgebrauch zum Partygag. Noch in den achtziger Jahren gab es, wie Alder schreibt, zwischen 5.000 und 10.000 Polygraph-Experten, die pro Jahr zwei Millionen Amerikaner testeten. Obwohl der Detektor "durchweg aus dem Gerichtssaal verbannt" und "von illustren Forschergremien [...] wie der Nationalen Akademie der Wissenschaften diskreditiert" worden sei, fand er doch einen festen Platz in der Gesellschaft: "Der Lügendetektor ist zu Amerikas mechanischem Gewissen geworden." Alder zitiert eine Studie, nach der die Wahrscheinlichkeit, per Polygraph einen Lügenden zu überführen, kaum über das Niveau von Zufallstreffern hinausgeht. Was in dieser Versuchsanordnung jedoch fehlte, war die Psychologie der Verhörsituation – in der, durch die schiere Furcht vor der Überführung durch die Maschine, tatsächliche Delinquenten geständiger werden können.

Die Gedankenreise zum vergeblichen Versuch, etwas so Soziales wie die Wahrheit maschinenlesbar zu machen, könnte bei dieser polizeilichen Variante des Placeboeffekts enden. Doch just in diesen Tagen hat es das "mechanische Gewissen" Amerikas wieder auf das Cover des Time Magazine geschafft: Man sieht dort Sonderermittler Robert Mueller, der in Washington Licht in das Geflecht aus Lügen, Tweets, Fakes und Russlandkontakten des Präsidenten Trump bringen soll. Unter Mueller steht, schlicht und klar: "The Lie Detector".