Bisweilen bleibt von historischen Persönlichkeiten ein einziger Satz in Erinnerung, ein berühmtes Zitat. Im Fall Marie Antoinettes lautet es: "Wenn das Volk kein Brot hat, dann soll es doch Kuchen essen." Dabei hat sich die französische Königin wahrscheinlich nie auf so herablassende Weise über das eigene Volk geäußert. Der Ausspruch ist eine Wanderanekdote, die so oder ähnlich auch anderen Persönlichkeiten zugeschrieben wurde. Ihre Kritiker mussten den Satz Marie Antoinette nur in den Mund legen. Es war bloß eines von vielen falschen Etiketten, die der Königin angeheftet wurden.

Die Strategie, die Mächtigen durch falsche Gerüchte zu diskreditieren, war schon damals nicht neu. Im Gegenteil: In der Vormoderne war sie gerade in Frankreich ein häufig erprobtes Mittel, um auszutesten, wie es um die Akzeptanz und Legitimität einer ganzen Reihe von französischen Herrschern bestellt war. Besonders die Übergangszeiten, in denen Regentinnen die Regierungsgeschäfte stellvertretend für ihre noch unmündigen Söhne ausübten, wurden von Angehörigen des Hochadels gerne fürs Streuen von Gerüchten genutzt. Sie wollten damit mögliche Reformprogramme, die ihre Privilegien hätten beschneiden können, von vornherein torpedieren. Begleitet wurden Machtkämpfe dieser Art von Pamphletkampagnen, die der Mobilisierung der eigenen Klientel und möglicher Unzufriedener in anderen Ständen dienten.

Nach der Ermordung des französischen Königs Heinrich IV. im Jahr 1610 hatte die Mutter des Thronfolgers, Maria de' Medici, die Regentschaft für ihren neunjährigen Sohn Ludwig übernommen. Schon bald konnten ihre Hofdame und deren Ehemann Concino Concini an Einfluss gewinnen. Concini stieg zum Marschall von Frankreich auf und übte damit die Funktion des Regierungschefs aus. Ohne Feingefühl für das instabile Machtgefüge und die Interessen des noch unmündigen Königs wollte er die Zentralgewalt stärken und den Einfluss des Hochadels begrenzen. Doch bereits um 1614 verschärfte sich der Widerstand gegen seine Politik, dem sich auch der junge Ludwig anschloss. Zwei Jahre später brach schließlich eine wahre Flut an Pamphleten über Concini herein. Besonders die italienische Herkunft wurde ihm und Maria de' Medici zum Vorwurf gemacht, die Furcht vor ausländischer Einflussnahme lag in der Luft. Auch der Verdacht der persönlichen Bereicherung wurde gestreut – und die noch wirkungsmächtigere Hypothese in den Raum gestellt, dass Concini an der Ermordung des beliebten Königs Heinrich IV. beteiligt gewesen sein könnte.

Auffällig ist, dass Vorwürfe wie die gegen Concini kombiniert wurden mit traditionell religiösen Diskreditierungsformeln aus dem Arsenal der sieben Hauptsünden: So finden sich Flugblätter, in denen Concini als "Monster aus Geiz und Hochmut" bezeichnet wird. Zwar gab es Gegenkampagnen von den Unterstützern des Marschalls – letztlich konnten sich aber seine Gegner durchsetzen. Concini fiel 1617 einem Mordanschlag zum Opfer, Maria de' Medici musste, zumindest zeitweilig, Paris verlassen und wurde nach Schloss Blois verbannt.

Ähnlich erging es 1643 Anna von Österreich. Sie übernahm die Regentschaft für den noch unmündigen französischen König Ludwig XIV. Anna stammte aus dem Haus Habsburg und vertraute wie Maria de' Medici einem Berater mit italienischen Wurzeln, dem Kardinal Mazarin.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/17.

Schon gegen Ende der Herrschaft Ludwigs XIII. hatte es im Land zu gären begonnen: Unzufriedenheit über Steuererhöhungen sorgte für Unruhe, die durch Abschaffung von Privilegien und die Beteiligung Frankreichs am Dreißigjährigen Krieg noch gesteigert wurde. Zwischen 1648 und 1653 führte der Adel schließlich einen Aufstand gegen den König an, dem sich auch Angehörige anderer Stände anschlossen. Erneut geriet in erster Linie der Berater der Königin, Kardinal Mazarin, in die Schusslinie und wurde Opfer einer Hetzkampagne. Es kursierten etliche Flugschriften, Flugblätter und Spottlieder. Erhalten sind etwa 4.500 davon, die unter dem Begriff "Mazarinaden" bekannt geworden sind und vor allem in Paris im Umlauf waren. Auch Mazarin wurde, wie vor ihm Concini, als "Fremder" und "Usurpator" angegriffen sowie als "Ungeheuer" und "Teufel" verunglimpft. Er handele im Geiste seines Landsmannes Machiavelli, hieß es, und treibe die französische Bevölkerung durch Verteuerung des Getreides in den Hungertod.

Ein in den Texten immer wiederkehrender Signalbegriff ist die "Tyrannei" als Ausdruck selbstsüchtiger und willkürlicher Herrschaft. Dazu gesellte sich der Vorwurf, dass Mazarin angeblich in "Luxus" schwelge und hemmungslos das Staatsvermögen plündere, um Feste und exklusive Güter "zum Vergnügen seines Körpers und seiner schmutzigen Seele" zu finanzieren. Die Denunzierung erreichte auch strafrechtlich relevante Dimensionen. Mazarin erscheint als "Dieb, Bankrotteur, Gotteslästerer, Plünderer, Brandstifter". So vielzählig die Diffamierungen waren, so standardisiert und floskelhaft blieben sie.

Mazarin sollte jedoch nicht das Schicksal von Concini ereilen. Auch wenn er zeitweilig aus Paris fliehen musste, ging er als Sieger aus dem Konflikt hervor und setzte die Bemühungen um die Stärkung der Zentralgewalt fort. Damit ebnete er der Herrschaft von Ludwig XIV. den Weg.