John Oliver, der scharfsinnige Late-Night-Talker, hat die Funktion der politischen Lüge vor Kurzem im Rolling Stone so beschrieben: "Trump stellt Tausende bizarrer Behauptungen auf, von denen aber jede einzelne den Wahnsinn der anderen relativiert. Das Prinzip Trump funktioniert wie ein Nagelbrett: Tritt man auf einen Nagel, ist es schmerzhaft; tritt man auf tausend Nägel, nimmt man sie als einzelne Nägel gar nicht mehr wahr."

Die Glaubwürdigkeit des politischen Lügners wächst mit der Menge und der Größe der Lügen, die er auftischt. Eine Einsicht, die Adolf Hitler und Joseph Goebbels wohlbekannt war. Die Nagelbrettlüge ist eine sprachpolitische Strategie, die kennzeichnend für totalitäre Absichten ist – und zwar in der Eroberung von Deutungshoheit. Daher ist die Funktion von Lügen dieses Typs vor allem im Übergang der Systeme wichtig.

Kommt etwa in der Demokratie dieser Typ von Lüge zum Einsatz, sinkt die Glaubwürdigkeit von politischen Äußerungen insgesamt. Dabei wird zunehmend unklar, was als wahr und was als falsch angesehen werden kann, womit auch die Verlässlichkeit von Urteilen abnimmt, die man sich selbst angesichts von Nachrichten zutraut, die man zuvor für blanken Unsinn gehalten hätte.

Das ist die Chance des politischen Lügners. Denn nimmt generell das Vertrauen in die Belastbarkeit von Aussagen ab, ist dies gleichbedeutend mit dem Sinken von Systemvertrauen. Was insbesondere dann ein Problem ist, wenn in einem Teil des politischen Spektrums offensichtliche Lügen bedenkenlos verwendet werden, während ein anderer Teil sich noch überprüfbaren Fakten verpflichtet fühlt. Es wäre aufschlussreich, könnte man die Häufigkeit der politischen Lügen vom Typ "Dolchstoß", "Novemberverbrecher" und "jüdisch-plutokratische Verschwörung" gegen Ende der Weimarer Republik nachzeichnen: Eine erhebliche Steigerung dürfte zu verbuchen sein.

Nagelbrettlügen bereiten ihrerseits den Boden für ein Phänomen, das Sebastian Haffner, der überaus genaue Chronist des rapiden Deutungs- und Einstellungswandels seit 1933 in Deutschland, in seiner Geschichte eines Deutschen erwähnt. Da geht es um einen bemerkenswerten Mechanismus der öffentlichen Debatte: nämlich, dass es trotz der judenfeindlichen Aktionen der Nationalsozialisten keine "Antisemitenfrage" im Deutschland jener Jahre gegeben habe, sondern im Gegenteil eine "Judenfrage".

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/17.

Indem die Nationalsozialisten, schreibt Haffner, "irgendjemand – ein Land, ein Volk, eine Menschengruppe – öffentlich mit dem Tode bedrohten, brachten sie es zustande, dass nicht ihre, sondern seine Lebensberechtigung allgemein diskutiert und infrage gestellt wurde. Jeder fühlte sich auf einmal bemüßigt und berechtigt, sich eine Meinung über die Juden zu bilden und sie zum besten zu geben. Man machte feine Unterscheidungen zwischen 'anständigen' Juden und anderen; wenn die einen, gleichsam zur Rechtfertigung der Juden – Rechtfertigung wofür? Wogegen? –, ihre wissenschaftlichen, künstlerischen, medizinischen Leistungen anführten, warfen die anderen ihnen gerade dies vor: Sie hätten Wissenschaft, Kunst, Medizin 'überfremdet'."

Psychologisch würde man das als Objektverschiebung bezeichnen: Nicht die Angreifer der Demokratie und des Rechts werden zum Problem gemacht, sondern die Angegriffenen.

Damit geht eine Verschiebung der Sagbarkeitsregeln einher und – da Begriffe immer auch Deutungsvorgaben für wahrgenommene Wirklichkeiten sind – eine veränderte Realitätssicht. Niemand hat dies im historischen Fall deutlicher herausgearbeitet als Victor Klemperer in seiner LTI, der Lingua Tertii Imperii, der "Sprache des Dritten Reiches". Er, der als Jude verfolgte Literaturwissenschaftler, konnte den Einzug von antidemokratischen und rassistischen Begriffen in den gesellschaftlichen Diskurs als Zeichen eines sich rapide verändernden moralischen Klimas interpretieren.