Ich machte viel Bitteres durch, ertrug viele Entbehrungen, litt ständig Hunger, lief in zerrissener Kleidung herum", schreibt der junge Kulakensohn Stepan Podlubny, der illegal in Moskau lebt, am 5. Oktober 1934 in sein Tagebuch. "Psychisch war ich wie ein verschrecktes Tierchen, ängstigte mich, auch nur einen Schritt zu tun, den ich nicht vorher vom politischen Standpunkt her und in aller Vorsicht überlegt hatte. Täglich, nein, stündlich hast du Angst, im Gespräch mit Leuten etwas Überflüssiges zu sagen. Das gesamte Leben beruht auf einer Lüge."

Mit diesem Wort lässt sich auf einen Begriff bringen, wie das Leben in der Sowjetunion Stalins war. Millionen waren verhungert, Zehntausende waren ermordet, die Bauern in Sklaven verwandelt worden. Und dennoch verkündete Stalin im Jahr 1935: "Das Leben ist fröhlicher geworden, Genossen."

Eingespannt in das eiserne Band des Terrors, verloren die Menschen alle Kraft, die Mächtigen herauszufordern und sich gegen sie zu verbünden. Es liegt im Wesen der Macht, dass sie prekär bleibt, nie vollkommen ist. Die Furcht vor ihrem Verlust ist allgegenwärtig – deshalb beruht die Macht unentwegt auf Beugung und Bezwingung. Die verordnete Lüge ist ein Instrument dieser Unterwerfung. Wer andere zwingen kann, Lügen als Wahrheiten zu preisen, kann sich seiner Macht gewiss sein. Hin und wieder müssen Abweichler beseitigt werden, damit der letzte Zweifler begreift, dass es keinen Zweck hat, die Wahrheit zu sagen. Erst wenn jedem die Lüge automatisch über die Lippen kommt, kann der Diktator sich seiner Macht wirklich sicher sein.

Die sowjetische Diktatur beruhte auf der Vorstellung, es sei Aufgabe der bolschewistischen Partei, Bauern in Arbeiter und Arbeiter in Kommunisten zu verwandeln. Der Bolschewismus war Erziehungs- und Überwältigungsmacht. Schon in den Jahren des Bürgerkrieges hatten die bolschewistischen Führer ihren Anspruch, Bauern und Arbeiter zu beherrschen, durch entschlossene Taten zu erfüllen versucht – und waren gescheitert.

Eroberer aber, die unterwerfen wollen, was sich ihnen nicht fügt, müssen sich aufeinander verlassen können. Sie entwerfen sich eine Welt nach ihren Bedürfnissen: Alles soll so sein, wie es in ihrer Vorstellung ist. Und dennoch wissen die Machthaber, dass niemand sonst glaubt, was sie für gewiss halten. Deshalb immunisieren sie sich gegenüber allen Erfahrungen, die ihrem Bild von der Welt widersprechen, und reden einander ein, dass die Idee die Wirklichkeit ist. Die Lüge wird unwiderstehlich, weil das Bekenntnis zu ihr Gemeinschaft stiftet. Man glaubt an etwas, was es nicht gibt, und zwingt Abweichler und Zweifler, sich zu fügen. Wie alle bedrängten und isolierten Gruppen mauerten sich die Bolschewiki in einer Festung ein, hinter deren Mauern nur das als Wirklichkeit akzeptiert wurde, was der Führer zur Wahrheit erklärt hatte. Man wird die absurden Aufführungen von Kritik und Selbstkritik, Schuld und Sühne überhaupt nicht verstehen, wenn man sie nicht auch als Disziplinierungsrituale begreift, welche die Kohäsion der herrschenden Elite stärkten.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 3/17.

Als Stalin in den dreißiger Jahren die große Abrechnung mit seinen innerparteilichen Kritikern und Abweichlern ins Werk setzte, konnte er sich auf die Disziplin der Gefolgsleute und deren Bereitschaft, jede Lüge für wahr zu erklären, vollständig verlassen. Das Wort des Diktators war Gesetz, auch wenn jedermann wusste, dass die Beschuldigungen, die er im Kreis seiner Anhänger erhob, aus der Luft gegriffen waren.

Stalin entwarf die Lügen nicht nur selbst, sondern brachte sie in den Moskauer Schauprozessen von 1936 bis 1938 auch auf die Bühne. Unter dem Beifall des Publikums mussten die Beschuldigten der Lüge huldigen, vermeintliche Sünden gestehen und um Vergebung bitten. Solche Aufführungen dienten nur dazu, den Zuschauern die eine Regel einzuschärfen: Halte niemals etwas für wahr, was der Diktator nicht für wahr erklärt hat. Nach Jahren der Einschüchterung und Disziplinierung wurde die Lüge zur Normalität: Jeder war bereit, jederzeit zu bestätigen, dass die Sonne schien, wenn es regnete. "Stalins Auffassung von Wachsamkeit verwandelte unsere Welt in ein Irrenhaus, in dem jeder dazu angehalten wurde, nach nicht existierenden Tatsachen über jeden zu forschen", erinnerte sich Nikita Chruschtschow.

Als die alte Garde der bolschewistischen Partei in den Schauprozessen vorgeführt und erniedrigt wurde, hielt Stalin die Fäden in der Hand. Er allein entschied, wer welche Verbrechen zu gestehen hatte, obwohl doch jedermann wusste, dass sie seine Erfindung waren. Je absurder die Vorwürfe, desto größer und umfassender die Macht. Niemand hätte es gewagt, die Berechtigung der Anklagen in Zweifel zu ziehen – nicht einmal die Angeklagten selbst.

Solange die Macht jedes Bekenntnis zum Absurden erzwingen konnte, durfte sie sich ihrer selbst sicher sein. Nur bringt die Lüge den Diktator in ein unausweichliches Dilemma. Stalin konnte zwar jeden zwingen, die Unwahrheit zu sagen, aber er erfuhr nun auch nicht mehr, was die Gefolgsleute und die Statthalter in den Provinzen wirklich dachten. Die Geheimpolizei versorgte ihn mit den Nachrichten, nach denen er verlangte: Mitteilungen über Spionagezentren und Saboteure, die ihm nach dem Leben trachteten. Stalin wurde zu einem Gefangenen der eigenen Lügen, so wie die Paranoia auch von seiner Umgebung Besitz ergriff, in der am Ende die absurdesten Geschichten für möglich gehalten wurden, weil Wahrheit und Lüge nicht mehr unterscheidbar waren. Aber darauf kam es gar nicht an, solange die Macht durch Verbreitung von Furcht und Schrecken gesichert und die Anhängerschaft im Zustand der Ungewissheit gehalten werden konnte.

Schon in den frühen dreißiger Jahren breitete sich die Lüge auch jenseits des Machtzentrums aus. Die Gleichschaltung der Presse und die Unterdrückung der Opposition verengten den Raum, in dem nach Gutdünken gesprochen werden konnte. In den Schulen wurde das Lied der Diktatur gesungen und der Führer gepriesen, unliebsame Bücher wurden aus den Bibliotheken aussortiert, Schulfibeln umgeschrieben und Fotos retuschiert: Frühere Weggefährten, die Stalins Gunst verloren hatten, wurden systematisch aus den Bildern entfernt. Über die Vergangenheit konnten Historiker und Schriftsteller nur schreiben, wenn sie bereit waren, die Unwahrheit zu sagen. Die Geschichte wurde umgeschrieben, der Diktator in sie hineingeschrieben. Kein Historiker hätte es noch gewagt, auf Fakten zu verweisen, die der verordneten Geschichte widersprochen hätten.

Und so verknüpfte die Geschichtswissenschaft eine fiktive Vergangenheit mit einer fiktiven Gegenwart, die allen Lebenserfahrungen widersprach. Lügen verwandelten sich in Fakten. Für immer sollten Arbeiter und Bauern vergessen, dass es einmal ein Russland gegeben hatte, das nicht von Stalin und seinesgleichen regiert wurde. Millionen Bauern erlernten das Alphabet des Hasses und wurden für ein Leben mit der Lüge konditioniert. Ihr Gedächtnis wurde geleert, die alte Welt aus ihm entfernt. Abgeschnitten von der eigenen Vergangenheit, gaben sie sich der Lüge bereitwillig hin.