Vielleicht, trotz Todesanzeigen, Verleumdung und Verleugnung, gibt es den Orient noch. Ich sehe ihn, bin mittendrin, in einem Café in der Medina von Marrakesch, gegenüber die Kasbah-Moschee mit ihrer zinnenbewehrten Mauer, deren Ocker noch im Dunkel der Nacht die Hitze abstrahlt. Auf dem Absatz, der ihren Vorplatz von der Straße trennt, sitzen die Frauen, alt und jung, manche ohne Kopftuch, die meisten mit, und die Kinder toben, während die Männer für das Nachtgebet in der Moschee verschwunden sind, in die ich nur einen flüchtigen Blick von außen werfen kann.

Im Maghreb darf man als Nichtmuslim Moscheen nicht betreten; ein Erbe der französischen Kolonialzeit – eingeführt, um den Einheimischen das Gefühl zu vermitteln, es gebe noch etwas Heiliges, in das Fremde nicht eindringen. Augenwischerei: Indem die Franzosen ihre Gesetze mitbrachten, verstümmelten sie den traditionellen Islam, der in Gestalt der Scharia bis dahin für das Gesetz zuständig war. Wenn es den Orient je gab, dann war sein Ende besiegelt, als Europa dem, was es als Orient ansah, sein Verständnis von Staat und Gesetz aufzwang. Den Anfang machte Napoleon mit seinem Ägyptenfeldzug 1798. Der ägyptische Chronist Abdarrahman Gabarti hielt das Ereignis fest: "Es war das erste Jahr des großen endzeitlichen Gemetzels und schwerwiegenden Wechsels, in dem Ereignisse auf uns niederprasselten, so dass wir erblassten; Vervielfachung alles Schlimmen."

Der Orient war reich und allzu mächtig, begehrenswert und unheimlich zugleich

Es wundert nicht, dass nach Lesart des politischen Islams der "gute alte Orient" erst wiederkehrt, wenn die Scharia erneut eingeführt ist. Doch diese Rückkehr ist unmöglich. Moderner Staat und Scharia vertragen sich nicht. Die Scharia ist kein Bürgerliches Gesetzbuch, kein klar kodifizierter Korpus, sie wurde konzipiert für Gesellschaften ohne Staat im modernen Sinne. Sie musste das Recht garantieren, wo es niemand anderes tat. Seit es in der islamischen Welt aber Nationalstaaten gibt, ist die Scharia von ihrer traditionellen Funktion ein für alle Mal abgeschnitten, schreibt der Islamwissenschaftler Wael Hallaq. Mögen sich die Salafisten darüber ihre Fusselbärte ausraufen, das Goldene Zeitalter, von dem sie träumen, wird nicht wiederkommen.

Abends am Tummelplatz vor der Moschee scheinen diese Spannungen unter den Gebetsteppich gekehrt. In Marokko hält der König den Daumen drauf. Ihm gehört die Hälfte des Landes; außerdem gilt er als direkter Nachkomme des Propheten und ist damit sogar für die islamistische Opposition eine Respektsperson. Ob es einem gefällt oder nicht: Das gibt’s nur im Orient! Und es bedeutet, dass es auch den Orient noch gibt, ein bisschen. In Marokko ist seit einiger Zeit der Bauboom ausgebrochen, es wird investiert, auch die Touristen kommen, das Land gilt als sicher. Doch die politischen und sozialen Reformen des Königs erweisen sich als Kosmetik, man hört von Protesten, über die in der gleichgeschalteten Presse freilich kaum etwas zu lesen ist. Allein die hohe Zahl marokkanischer Migranten in Europa vermittelt eine Ahnung von den Problemen. Dennoch ist Marokko eines der wenigen arabisch-islamischen Länder, die eine halbwegs positive Entwicklung genommen haben. Dass es den Orient im Sinn der alten Klischeevorstellung noch gibt, dass er sich sogar von seiner schönen Seite zeigen kann, Marokko und wenig anderes erinnern uns daran. Man möchte die Zeit anhalten.

Dabei war der Orient der Europäer seit je ein Vexierbild, war Sehnsuchtsort und Bedrohung zugleich. Die Schrift, die Religionen, die Mythen, ja selbst Wissen und Weisheit kamen schon zu griechischer Zeit aus dem Orient. Er war reich und allzu mächtig, begehrenswert und unheimlich zugleich. Was wir heute Klischee nennen, hat reale historische Wurzeln. Nach Art eines Traumas überwucherte es aber die Realität und versperrt uns bis heute den Blick auf sie.

Dieser Text stammt aus dem Sonderheft ZEIT Geschichte Panorama.

Mit der Religion fängt es an. Wie vor tausend Jahren assoziieren heute die meisten den Orient mit der islamischen Welt des Nahen Ostens, während doch Indien, Japan und China einst genauso dazuzählten. Aber der Islam war es, der dem Christentum die schwersten Kränkungen in seiner Geschichte zufügte: Der andere Glaube gab sich als Update des eigenen aus und versuchte, das Christentum zu überlagern oder zu ersetzen. Das gelang dem Islam weiträumig, zum einen mit der Eroberung Jerusalems, das, abgesehen von kurzen Unterbrechungen während der Kreuzzüge, in muslimischer Hand war, bis 1967 die Israelis an der Klagemauer standen (von den Muslimen nicht ganz zu Unrecht als Exponenten Europas verstanden). Zum anderen mit der Eroberung "Ostroms", also von Byzanz oder Konstantinopel, der bis heute größten, prächtigsten und strategisch wichtigsten Stadt des Mittelmeerraums. Dass die (Rück-)Eroberung Konstantinopels noch bis Anfang der zwanziger Jahre auf der Agenda Russlands und der europäischen Großmächte stand, sieht man daran, dass die türkische Hauptstadt heute Ankara heißt – ein vormals unbedeutendes Nest. Mehr als das anatolische Kernland hätten die Großmächte den Türken nicht zugestanden, wäre da nicht Mustafa Kemal, genannt Atatürk, und sein siegreicher Befreiungskrieg (1919–1923) gewesen.

Es waren diese Kränkungen, die seit dem Mittelalter eine antimuslimische Propaganda in Gang setzten, welche bis heute nachwirkt, und zwar keineswegs nur in Mentalität und Namen von Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes). Die islamfeindliche Geisteshaltung reicht bis in akademische, ja islamwissenschaftliche Kreise hinein, wo manche immer noch nachweisen wollen, dass Mohammed ein Scharlatan, Epileptiker sowie gewaltaffiner Lustmolch und der Islam ursprünglich eine christliche Sekte war.

Heute sind es nicht zuletzt muslimische Islamkritiker, die im berechtigten Wunsch, den Islam mit der zeitgenössischen, westlich geprägten Welt kompatibel zu machen, auf die alten antiislamischen Klischees zurückfallen und statt Aufklärung eher Propaganda produzieren. Mithin prägt die Last der Geschichte nicht nur den westlichen Blick auf den Islam, sondern auch den islamischen selbst.