ZEIT Geschichte: Herr Seeßlen, wann ist Ihnen im Kino zuletzt ein Araber begegnet?

Georg Seeßlen: Erst kürzlich, allerdings im Fernsehen, in der Serie Little Britain. Das ist eine Fake-Doku aus Großbritannien, etwa zehn Jahre alt. Sie spielt auf einem fiktiven Londoner Flughafen. Da sind viele Klischees drin, schön ironisch gebrochen: Araber werden als Terroristen verdächtigt, egal wie sie aussehen und wo sie herkommen. Einen Auftritt hat auch der machomäßige, leicht unterbelichtete Typ Mann aus dem Nahen Osten, der die niederen Arbeiten erledigt.

ZEIT Geschichte: Warum kennen wir orientalische Männer im Film fast ausschließlich als Dschihadisten oder Laufburschen?

Seeßlen: Der Orient und seine Bewohner sind für die westlichen Traumfabriken seit jeher das Exotischste, ja Unwirklichste, was man sich vorstellen kann. Das ließ viel Raum für Märchengeschichten und postkoloniale Fantasien. Bauchtänzerinnen, Kamele in der Wüste, blutrünstige Scheichs und unterwürfige Diener. Lange hat niemand nachgeprüft, wie zutreffend die Bilder eigentlich sind, die da produziert werden. Und der Orient konnte sich auch nicht wehren mit einer eigenen Bilderproduktion.

ZEIT Geschichte: Die orientalistische Malerei des 19. Jahrhunderts setzt sich also in den Lichtbildern des 20. ungebrochen fort?

Seeßlen: Nicht ungebrochen. Denn der Orient tat dem Westen nicht auf Dauer den Gefallen, ein geschlossener Raum zu bleiben, auf den man seine Sehnsüchte projizieren konnte und aus dem nichts anderes herausdrang als Öl. Im Kalten Krieg und infolge der Unabhängigkeitsbewegungen in der arabischen Welt wurde aus dem Traumland ein Krisenherd: Die Araber traten wieder in die Geschichte ein. Und in gewisser Weise hat ihnen der Westen wohl nie verziehen, dass es sie überhaupt gibt.

ZEIT Geschichte: Wie zeigt sich das im Kino?

Seeßlen: Lawrence von Arabien von 1962 ist sicherlich ein Wendepunkt. In diesem Film spukt beides herum: der Geist des Kolonialismus und eine Befreiungsromantik wie in Karl Mays Durchs wilde Kurdistan. Die Araber sind zwar fähig zu einer Revolution, aber nur unter Führung eines Europäers, der für sie denkt. Immerhin steht der Zuschauer, gemeinsam mit dem Helden Lawrence, auf ihrer Seite. Das ändert sich spätestens mit der Revolution im Iran 1979, als US-Diplomaten monatelang als Geiseln festgehalten wurden.

ZEIT Geschichte: Der amerikanische Medienwissenschaftler Jack Shaheen hat annähernd 1000 amerikanische Filme gesichtet und ist zu dem Schluss gekommen: Hollywood dämonisiert die Araber. Aus dem schillernden Orientalismus von früher sei spätestens nach dem Sechstagekrieg von 1967 knallharte Propaganda geworden.

Seeßlen: Ich finde Shaheens Sichtweise etwas eindimensional. Aber es stimmt schon: Viele US-Filme aus den vergangenen Jahrzehnten tragen propagandistische Züge. Die schlimmsten stammen sicher aus dem Kino in der Bush-Zeit. In seinem Buch Reel Bad Arabs – ein hübsches Wortspiel übrigens: reel bedeutet Filmspule – setzt Shaheen den Film Rules of Engagement aus dem Jahr 2000 ganz oben auf die Rote Liste. In dieser Geschichte über einen Einsatz der US-Armee im Jemen wird das Bild vom grundschlechten Araber, der nur die Sprache der Gewalt versteht, geradezu kanonisiert. Die Botschaft: Auch Zivilisten, ja selbst Kinder dürfen im war against terror abgeknallt werden, denn auch sie können Bestien sein, die uns vernichten wollen.

Dieser Text stammt aus dem Sonderheft ZEIT Geschichte Panorama.

ZEIT Geschichte: Was unterscheidet die bad Arabs von anderen Kino-Bösewichtern?

Seeßlen: Die Araber müssen immer schreien. Sie können keinen ruhigen, normalen Satz sagen. Und sie treten meist in unordentlichen Gruppen auf. Sie verursachen Unordnung – nein, sie sind die Unordnung. Ganz anders das Bild vom bösen Deutschen: Die Nazi-Deutschen sind wie Maschinen, überkorrekt, hackenschlagend. Die Japaner oder Vietnamesen kommen unsichtbar und lautlos aus dem Dschungel oder aus dem Himmel. Und dann natürlich die Russen. Die Russen sind listig, sie sind Planer, haben immer schon die große Verschwörung im Kopf. Die Araber dagegen nähern sich stets als Masse von schreienden, chaotischen, zu jedem Selbstopfer bereiten Haufen. Man kann kaum sagen, dass sie "auftreten", sie verbreiten sich eher, oder sie brechen aus, fast wie eine Krankheit.

ZEIT Geschichte: Es gibt aber auch das positive Klischee: Sherif Ali steht Lawrence als treuer Krieger zur Seite, Kara Ben Nemsi hat seinen Hadschi Halef Omar.

Seeßlen: Die Araber als edle Wilde, ja, dieses Bild existiert auch. Darin liegt aber ebenfalls eine Form der Geringschätzung: Solange klar ist, dass sie letztlich mittelalterliche Krieger sind, kann man sie ruhig unterstützen. Vorausgesetzt, sie bleiben, wo sie sind.