Es geht um den Glauben

Der Dreißigjährige Krieg ist im Kern ein deutscher Religionskonflikt. Erst später wird er zum Machtkampf der europäischen Großmächte

Von Axel Gotthard

Ausdrücklich hielten Deutschlands Spitzendiplomaten 1648 in Osnabrück fest, warum es zur großen Katastrophe gekommen war: Schuld seien die Gravamina , die "Beschwerden" – gemeint waren bösartige Verdrehungen des Augsburger Religionsfriedens von 1555, die Katholiken und Protestanten einander seit Jahrzehnten vorwarfen. Der Dreißigjährige Krieg wurzelte im Ringen um die rechte Auslegung dieser so wichtigen Übereinkunft zwischen katholischer Kirche und Reformation.

Seit der konfliktreichen Vorkriegszeit und bis weit in den Krieg hinein gab es Springfluten von populären Broschüren, sogenannten Flugschriften, die vor konfessionellem Geifer geradezu schäumten. Der "gerechte" Krieg mutierte in der Propaganda beider Seiten zum von Gott befohlenen, "notwendigen" Feldzug. Der Allmächtige selbst rief zu den Waffen, ging den Seinen voran in den Endkampf gegen die Mächte der Finsternis: "Gott ist’s der da streitet." Glaubenskampf war in diesen Flugschriften Christenpflicht: Wer vom Heiligen Geist "ein scharpffen Befelch" zum Zuschlagen erhalten habe, dürfe nicht zögern. Neutralität hingegen wurde als Sünde gegeißelt, denn in der Wahrnehmung der Zeitgenossen ging es um eine fundamentale Auseinandersetzung zwischen der eigenen christlichen Kirche und dem Antichrist, zwischen Gott und dem Teufel. Man fordere Gott selbst heraus, "wenn man daheimen faulentzen wolte", statt in den Kampf zu ziehen.

Auf den Tagungen der Protestantischen Union wurde zu Beginn des Krieges ausgiebig über dessen Essenz debattiert. Es handle sich nicht etwa um eine "region sach", also um einen säkularen Machtkampf, hieß es dort. Nahezu alle Vertreter bekannten emphatisch, man habe es mit einer "religion sach" zu tun. Darum sympathisierten die Unionsfürsten mit den böhmischen Aufständischen statt mit ihren adligen Standesgenossen in Prag und Wien. Deshalb sahen sie später im Triumphzug Gustav Adolfs die Erfüllung einer biblischen Verheißung.

Kaum anders die katholische Seite: Die Liga beklagte die "Unterdrückung" der eigenen Religion in Böhmen wie im Reich. Als der Krieg nach dem Siegeslauf Wallensteins 1629 entschieden schien, ermunterte die Liga den Kaiser, im Restitutionsedikt die katholische Interpretation des Augsburger Religionsfriedens als einzig zulässige festzuschreiben. Offenkundig waren die katholischen Politiker davon überzeugt, dass sie genau für diese rigide Lesart, die zur Enteignung protestantischer Herrscher führte, elf Jahre opferreich gekämpft hatten.

Einfache Leute wie Bauern oder Handwerker waren bis zum Ende des Krieges der Auffassung, es werde um Wahrheit und Seelenheil gekämpft. In ihren Überlieferungen beschreiben sie das Geschehen dezidiert als Konfessionskrieg. Sie stemmen sich gegen den Aberglauben der anderen und streiten für die eigene Weltanschauung. Niederlagen verstehen sie als "Strafe Gottes".

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 5/17.

In den späteren Kriegsjahren war diese Inbrunst bei Herrschern und Heerführern dagegen kaum noch zu beobachten – viele Hoffnungen waren zerplatzt, die religiöse Begeisterung war verschlissen. Zudem entwickelte sich Deutschland seit 1635 eher zum Nebenschauplatz des Machtkampfs zwischen den katholischen Kapitalen Paris und Madrid.

Zugegeben: In der Rückschau kann man von einem europäischen Hegemonialkrieg sprechen, die Auseinandersetzungen in Deutschland einen Verfassungskampf nennen und die mühsam erstrittene Unabhängigkeit der Niederlande als Staatsbildungskrieg definieren. Was die Folgen betrifft, die sich aus der Einigung im Westfälischen Frieden ergeben, lässt sich durch diese ausschließlich politische Lesart auch einiges erschließen – zum Beispiel, dass es nach 1648 eine Zeit lang keine Hegemonialmacht in Europa gab.

Die Ursachen des Krieges und die Motive der Beteiligten erfasst diese Sichtweise jedoch nicht. Der Prager Fenstersturz 1618 hatte nichts mit europäischen Hegemonialgelüsten zu tun. Vom "säkularisierten" Spätstadium des Krieges her lassen sich die anfänglichen Beweggründe nicht angemessen erschließen. Der Dreißigjährige Krieg war vor allem eines: Deutschlands großer Konfessionskrieg.