Normalerweise gleichen frühneuzeitliche Bevölkerungskurven Ebenen oder sanftem Hügelland. Alle paar Jahre jedoch reißt es die Linien, die vom Sterben berichten, nach oben: Da kamen Seuchen, Hunger, Krieg oder womöglich alles zusammen übers Land. Die schroffen Gebirge deuten an, dass massenhaft gestorben wurde: vielhundertfach, vieltausendfach.

Für die Stadt Augsburg lassen sich solche Statistiken dank zahlreicher Quellen schon vom Jahr 1500 an erstellen. Sie spiegeln zum Beispiel die furchtbare Hungersnot, die Deutschland 1570/71 heimsuchte, oder Nahrungsengpässe zu Beginn der 1590er Jahre und im ersten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts. Es sind für vorindustrielle Gesellschaften typische Verläufe, auch was die übrigen Indizes betrifft. Auf Zeiten des großen Sterbens folgten Hochzeits-Haussen, denn der Tod hatte massenhaft Ledige produziert. Wenig später lassen sich dann Geburtenhochs ablesen.

Im Herbst 1627 – der Dreißigjährige Krieg war fast ein Jahrzehnt alt – geht die Todeskurve steil nach oben. Nicht weniger als 9611 Tote zählte man 1628 in Augsburg, gegenüber rund 1500 in normalen Jahren. Sie waren Opfer einer Seuche geworden, die von fremden Söldnern eingeschleppt worden sein dürfte und in den folgenden Jahren Richtung Italien weiterkroch. Nach deren Abflauen war Augsburg nur eine kurze Phase der Erholung vergönnt. Von 1632 an starben die Menschen in der inzwischen von den Schweden besetzten Stadt wieder wie die Fliegen: 4664 Tote zählte man allein 1634, im Jahr darauf waren es 6243. Schuld am neuerlichen Massensterben war eine Belagerung durch bayerische und kaiserliche Truppen – die unmittelbare Folge der Niederlage der Schweden und ihrer Verbündeten in der Schlacht von Nördlingen am 6. September 1634.

Eine reiche Chronistik veranschaulicht, was die nüchternen Zahlen tatsächlich bedeuteten. Im Januar 1635, so schreibt der Kaufmann Jakob Wagner, weichten die Belagerten die Häute von Kühen ein und würgten sie herunter, nährten sich von geschlachteten Katzen, Hunden und Mäusen. Mehrere Quellen berichten von Kannibalismus. "So sind die Leiber der Lebendigen zu Gräbern der Toten geworden", kommentiert sarkastisch der Pfarrer Johann Georg Mayr in seinem Tagebuch.

Die Chronisten liefern apokalyptische Bilder. Einer schreibt von durch die Straßen wankenden lebenden Toten, armem Volk, "wie eingeschrumpft, dürres Holz ohne Farb’". Mit "erbärmlichem Heulen und Klagen" hätten sie um "nur einen Brosamen" gebettelt. An allen Orten seien sie "dahin gefallen, verschmachtet" und hätten "den elenden Geist aufgegeben". Die Totengräber wussten nicht mehr, wo sie die Leichen bestatten sollen. Als man ihnen den Lohn kürzen wollte, weil die Begräbnisse für den ohnehin klammen Stadtsäckel zu kostspielig wurden, klagten sie über die Gefahren, die ihre Arbeit mit sich bringe: Wo immer man neue Gräber schaufle, quöllen die Leiber halb Verwester hervor. Der Anblick sei schrecklich, ebenso der Gestank.

Dieser Text stammt aus dem Magazin ZEIT Geschichte Nr. 5/17.

Im März 1635 war Augsburg am Ende und öffnete den Kaiserlichen die Tore. Eine Volkszählung ergab, dass sich nur noch 16.000 Menschen innerhalb des Mauerrings der einst 40.000 Seelen zählenden Stadt verloren. Solchen Berichten ließen sich zahllose weitere an die Seite stellen. Im schwäbischen Land, im elsässischen Rufach oder in der 1638 belagerten Festung Breisach soll es ebenfalls zu Kannibalismus gekommen sein. Andere Überlieferungen bezeugen die Verheerungen, die das Bauernland erfuhr. Von seinem Andechser Berg aus sah der Benediktinerpater Maurus Friesenegger zur Nacht die Feuer brennender Dörfer flackern. Wer konnte, ergriff die Flucht: "Der eine trug ein Brot, der andere ein Bett, die mehreren nichts als weinende Kinder."

Wer sich weigerte, Plünderern zu verraten, wo er seine Habseligkeiten verborgen hatte, musste Schlimmes befürchten. Die Soldaten Tillys hätten in einer Weise geprügelt und gedroht, "daß, wenn’s gleich unter der Erde vergraben oder in tausend Schlössern verschlossen gewesen, die Leute dennoch hervorsuchen und herausgeben müssen", schrieb der Magdeburger Ratsherr Otto Guericke in seinem Bericht über die Erstürmung der Stadt im Mai 1631. Eine besonders perfide Methode, die Preisgabe von Verstecken zu erzwingen, war der berüchtigte "Schwedentrunk", eine frühneuzeitliche Variante des Waterboardings: Den Opfern wurde kochendes Wasser oder Jauche in den Schlund gegossen. Ansonsten hatte die Bevölkerung die zu dieser Zeit üblichen Kriegsgräuel zu erleiden: Kontributionen, Zwangsarbeit, um Schanzen aufzuwerfen, oder die Einquartierung grober Söldner in Bürger- und Bauernhäuser. Einem kleinen bayerischen Dorf, Utting am Ammersee, wurden einmal nicht weniger als 4000 Söldner aufgeladen. Wo Armeen durchzogen, kam es zu Vergewaltigungen, Mord und Zerstörung. Die Quellen geben ein düsteres Drama, das dem Dichter Grimmelshausen die Feder führte und noch Bertolt Brecht inspirierte.